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Ruanda hat das Vergeben gelernt

Vor 20 Jahren versank das afrikanische Land in Gewalt und Blut. Der Völkermord hat tiefe Spuren hinterlassen.

Von Carola Frentzen, Kigali

Wo ist all der Hass geblieben? Diese Frage kommt jedem, der heute Ruanda besucht, unwillkürlich in den Sinn. Erst 20 Jahre ist es her, dass in dem kleinen Land zwischen den Regenwäldern des Kongos und den Savannen Tansanias eines der brutalsten Verbrechen aller Zeiten seinen Anfang nahm.

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Mehr als 800.000 Tutsis und gemäßigte Hutus wurden in nur 100 Tagen getötet, regelrecht hingemetzelt von den regierungsnahen Interahamwe-Milizen. Das Ausmaß dieser Apokalypse ist im 20. Jahrhundert nur mit wenigen anderen Massenmorden vergleichbar, darunter dem Holocaust und dem Genozid in Kambodscha.

Und heute? Ruanda hat sich zum Vorzeigestaat Ostafrikas gemausert und ist ein sauberes, ein sicheres, ein geradezu malerisches „Land der tausend Hügel“. Schon am Flughafen müssen Einreisende sämtliche Plastiktüten abgeben. Diese sind seit 2008 im ganzen Land verboten. Das ist einzigartig auf dem Kontinent. Die Menschen leben umweltbewusst und friedlich, manchmal wirkt die Ruhe, die selbst die Haupstadt Kigali ausstrahlt, geradezu unwirklich. Das tropische Ruanda ist im Jahr 2014 in wahrsten Sinne des Wortes ein grünes Land, das den Anschluss an die Welt sucht.

Aber damals, in jenen verhängnisvollen Monaten des Jahres 1994, gab es in Ruanda keine Computer und keine Mobiltelefone – und alle Hilferufe an die Weltgemeinschaft verhallten ungehört. „Weder das Uno-Sekretariat, noch der Sicherheitsrat, die Mitgliedsstaaten oder die Medien haben den Vorboten dieser Katastrophe genügend Aufmerksamkeit gewidmet“, gab der damals für Uno-Friedenseinsätze zuständige Untergeneralsekretär Kofi Annan erst viel später zu. „Nachbarn brachten ihre Nachbarn um und Zufluchtsstätten wie Kirchen und Krankenhäuser wurden zu Schlachthöfen. Die internationale Gemeinschaft hat in Ruanda versagt.“

Für die meisten Europäer, die die TV-Bilder von verstümmelten Opfern sahen, handelte es sich nur um einen weiteren blutigen Bürgerkrieg in Afrika, um namenlose Schwarze, die in einem weit entfernten Land schlimme Massaker begingen. Aber die Menschen, die dort litten, hatten Namen, sie hatten Familien, Hoffnungen, Träume. Eines haben die Überlebenden gemein: Die Worte „Tutsis“ und „Hutus“ wollen sie nicht mehr benutzen. Höchstens sprechen sie von den „T“ und den „H“, aber auch das nur widerwillig. Die belgische Kolonialmacht hatte einst der Bevölkerung eine institutionelle Festschreibung der Ethnien in ihren Personalausweisen vorgeschrieben. In der Genozid-Gedenkstätte in Kigali steht in großen Lettern an der Wand geschrieben: „Wir haben es uns nicht ausgesucht, kolonisiert zu werden.“ Die „tiefen Spaltungen und die daraus resultierende Gewalt“ habe es nie zuvor in so einem Ausmaß gegeben.

Anfang der 1990er-Jahre beschloss die Hutu-Regierung, das „Tutsi-Problem“ ein für alle Mal zu lösen. Es ging nicht um einen Sieg über die Minderheit, es ging darum, sie komplett auszulöschen. Das Vorhaben wurde von langer Hand durch eine gut funktionierende Propaganda-Maschinerie vorbereitet. Im Radio wurden die Tutsis als „Kakerlaken“ und „Gewürm“ beschimpft. Der Journalist Hassan Ngeze rief den Menschen im Sender „Radio Télévision Libre des Mille Collines“ zu: „Wir werden jetzt damit beginnen, den inneren Feind zu beseitigen. Er wird verschwinden.“

Alle spürten, dass etwas passieren würde; etwas, das die Vernichtung der Tutsis rechtfertigen würde. Am 6. April 1994 geschah es: Das Flugzeug des Präsidenten Juvénal Habyarimana wurde über der Hauptstadt Kigali mit einer Rakete abgeschossen. Wer für die Tat verantwortlich ist, blieb ungeklärt. Sicher ist, dass sie das Signal für die Hutu-Milizen war, mit dem Völkermord zu beginnen. Bis Mitte Juli wüteten sie in allen Landesteilen wie in einem blutigen Rausch.

Glasfasernetz im Agrarstaat

Dann jedoch brachte die Tutsi-Rebellenarmee „Ruandische Patriotische Front“ unter Führung von Paul Kagame das Land unter Konrolle. Seit 2000 ist Kagame Präsident Ruandas. „Seine Regierung hat maßgeblich zur Versöhnung in unserem Land beigetragen“, sagt Eric Mahoro, Direktor der Menschenrechtsorganisation „Never Again Rwanda“. Heute führt Kagame eine Minderheitsregierung, die alle Volksgruppen einbezieht. Bis 2020 will er den Agrarstaat Ruanda wettbewerbsfähig machen, IT-Parks bauen und die Infrastruktur verbessern. Teile des Landes sind bereits an das Glasfasernetz angeschlossen und überall werden Funkmasten errichtet.

Am Sonntag – dem 20. Jahrestag des Beginns des Völkermordes – werden die Bürger der Opfer von 1994 gedenken. Seit Januar wird eine „Flamme der Hoffnung“ durch das Land getragen. Ildephonse Karengera von der Nationalen Kommission für den Kampf gegen Genozid erklärt: „Wir sind durch die Finsternis gegangen, aber heute gibt es ein Licht der Hoffnung: Ruanda ist wieder eins.“ (dpa)