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Rückenwind für Überflieger

Eliteförderung galt im deutschen Bildungssystem lange Zeit als Schimpfwort. Jetzt geben der Bund und die Länder dafür über 100 Millionen Euro aus.

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© dpa

Von Werner Herpell

Eigentlich geht es nur um jeden 50. Schüler. Bezogen auf die gut 720 000 Erstklässler dieses Jahres gilt beispielsweise lediglich eine niedrige fünfstellige Zahl als hochbegabt – mit einem Intelligenzquotienten von 130 plus x. Und doch steckt viel mehr dahinter. Nämlich die Frage, ob das deutsche Schulsystem gut genug mit seiner Leistungsspitze umgeht. Ob die 16 Länder nicht nur Problemschüler auf ein höheres Level führen, sondern auch Überflieger angemessen fördern können.

Dafür wird nun – nach vielen Absichtserklärungen – eine Menge Geld in die Hand genommen. 125 Millionen Euro für zehn Jahre wollen sich Bund und Länder ihre „Initiative zur Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler“ kosten lassen. Am Montag stellen Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Bremens Senatorin Claudia Bogedan (SPD), Grundzüge ihres Eliteprojekts vor.

„Elite“ – dieses Wort besitzt für viele im Zusammenhang mit Bildung einen negativen Beigeschmack. „Wir haben ein Problem – in Wort und Tat – mit der Eliteförderung. Damit tun wir uns sehr schwer“, bedauert der renommierte Bildungsforscher Prof. Wilfried Bos. Er betreut an der Technischen Universität Dortmund die internationale TIMSS-Studie, deren aktuelle Ergebnisse für Viertklässler in Mathematik und Naturwissenschaften am Dienstag vorgelegt werden. Das zeitliche Zusammentreffen von Hochbegabten-Initiative und neuen TIMSS-Ergebnissen ist Zufall, passt aber in die Landschaft. Denn die Tests hatten sowohl 2007 als auch 2011 nachgewiesen, dass es hierzulande im internationalen Vergleich kaum Spitzenschüler gibt. Echte Begabtenförderung sei leider bisher immer Ankündigung geblieben, sagt Bos. „Wir versündigen uns damit an diesen Kindern, wir schöpfen ihre Potenziale nicht aus.“

Der geplante Förderbetrag von über 100 Millionen steht für rund 300 Modellschulen zur Verfügung. Strittig ist zwischen Parteien und Ländern jedoch, ob sich die Förderung auf reine Hochbegabtenklassen und Eliteschulen konzentrieren soll. Neue Studien belegen, dass deren Effekt überschätzt wird. Kritiker meinen daher, dass Begabtenförderung zur Regelaufgabe in jeder Schule und in jeder einzelnen Klasse werden muss. (dpa)