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Rückkehr eines Tunnelbauers

Im 18. Jahrhundert war der Biber in der Oberlausitz ausgerottet. Nun ist er zurück – doch nicht jeden freut das.

© Wolfgang Wittchen

Von Irmela Hennig

Kamenz. Bei den Wölfen in der Königsbrücker Heide stehen Biber schon längst auf dem Speiseplan. Sieben bis neun Prozent der Wolfsnahrung dort besteht aus Biberfleisch, so hat es eine Untersuchung von 2011 bis 2012 ergeben. Meist fressen die Raubtiere Reh, Rotwild oder Wildschweine. Aber so ein ausgewachsener Biber ist auch für einen Wolf nicht zu verachten. Dimensionen wie in Weißrussland hat das Wildnisgebiet östlich von Dresden aber nicht zu bieten. Dort machen Biber angeblich ein Drittel der Wolfsbeute aus. So erzählt Kay Sbrzesny. Er ist Mitglied des Landschaftspflegeverbandes Oberlausitz und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Nagetier.

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Lebende Tiere sieht man selten.
Lebende Tiere sieht man selten. © dpa

In Sachsen sind Wölfe der einzige richtige Feind des Bibers, weiß Olaf Zinke, Zoologe am Museum der Westlausitz in Kamenz. Er sammelt seit den 1970ern Daten zu den Nagern. In den vergangenen 20 Jahren hat er 140 Totfunde untersucht. Die Hälfte der Tiere kam durch Unfälle ums Leben. Viele andere durch Erkrankungen. Bei drei Tieren hat Olaf Zinke Schrotkugeln im Oberkörper gefunden. Sie wurden wohl gezielt beschossen; das aber ist illegal. Zu Forschungszwecken hebt das Museum Teile der toten Biber auf. Es gibt eine Schädel- und Knochensammlung. Damit könne man auch genetische Untersuchungen machen. Die Gene jedenfalls verraten eindeutig: Im Westen der Oberlausitz ist der Elbebiber nach jahrhundertelanger Abwesenheit heimisch geworden.

Er ist nicht nur in der Königsbrücker Heide zu finden, wo etwa 40 Biberfamilien und rund 100 Tiere leben. Über das Flüsschen Pulsnitz ist er ins Oberlausitzer Hügelland gewandert. Hat den Lauf von Hasel- und Weißbach besiedelt. Von der Königsbrücker Heide abgesehen, seien das alles keine idealen Lebensräume. In der Oberlausitz gebe es viel günstigere freie Teichgebiete für die Tiere. Trotzdem ist der Nager da. Er sei anpassungsfähig.

Auch an der Neiße, der Spree, dem Schwarzen und dem Weißen Schöps hinterlässt der Biber seine Spuren in Form von Erdbauen, Dämmen und Biberweihern. Wo nichts ihn hindert, gestaltet er die Landschaft nach seinem Belieben um. In der Königsbrücker Heide lässt sich das gut entdecken, dort gibt es einen Biberpfad, den Naturfreunde entlangspazieren können. Außerdem bieten Mitarbeiter des Naturschutzgebietes geführte Touren an, die 2,5 bis reichlich sieben Kilometer lang sind.

Bis zu 120 Reviere in der Lausitz

Im Osten der Oberlausitz, an der Neiße, leben Nager, die aus dem polnischen Gebiet kommen. 1998 wurden Biber am Fluss Queis ausgewildert. „Es waren weißrussische beziehungsweise osteuropäische Biber“, meint Kay Sbrzesny. Ein Jahr später wurde bereits ein erstes Tier an der Neiße nachgewiesen – in der Nähe von Zodel, nördlich von Görlitz. Bei einer Wasservogelzählung hatte man einen vom Biber gefällten Baum entdeckt. Das war der erste Hinweis, erinnert sich Hermann Ansorge vom Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz. Auch dort werden Informationen zu den Nagern gesammelt. 2005 gab es mindestens fünf Biberreviere an der Neiße. Inzwischen haben sie sich fast über die gesamte Flusslänge ausgebreitet. Hermann Ansorge schätzt, dass es in der Oberlausitz 110 bis 120 Reviere gibt. Die Datengrundlage dafür wurde bei Kartierungen geschaffen. Ausgewildert wurden die Tiere hier nicht. Sie sind zugewandert. Stammen im Kreis Görlitz fast ausschließlich von der osteuropäischen beziehungsweise weißrussischen Population ab. Nur zwei Elbebiber wurden bislang entdeckt.

Die dämmerungsaktiven Vegetarier leben am Löbauer Wasser und am Quitzdorfer Stausee. Aktuell gibt es Beobachtungen von der Mandau und dem Landwasser. Sie wurden in der Innenstadt von Niesky nachgewiesen und erst kürzlich im Teichgebiet Niederspree bei Quolsdorf. Ein Tier hatte sich mal den Kopf im Geländer der Görlitzer Altstadtbrücke eingeklemmt. Im Stadtteil Rauschwalde musste die Polizei einen Biber mit einem Einkaufswagen abtransportieren. Auch in der Sächsischen Schweiz leben nun zahlreiche Nager.

Gewässerrandstreifen oft ignoriert

Während Tierfreunde begeistert sind, tun sich Land- und Teichwirte eher schwer, denn der Biber greift ein in ihren Arbeitsbereich. Aus einem Teich in der Dübener Heide hat ein Tier das Wasser abgelassen. In Süddeutschland soll er eine Ackerfläche so unterhöhlt haben, dass der Boden eingebrochen und eine Landmaschine darin verschwunden ist. Der Grund ist simpel. Von der Uferböschung aus gräbt er sich einen Tunnel und legt sich eine Höhle an. Oft reichen die Ackerflächen in der Oberlausitz bis nahe ans Flussufer heran, obwohl per Gesetz vorgeschrieben ist, einen sogenannten Gewässerrandstreifen von zehn Metern ab Ufer freizulassen. Das Feld jedenfalls ist dann unterhöhlt und ein schwerer Traktor oder Mähdrescher kann einen Einbruch verursachen. Einen solchen hat es in der Oberlausitz aber wohl noch nicht gegeben.

Burgen bauen die Biber, wenn der Wasserstand im Fluss so hoch ist, dass sie sich nicht ins Ufer graben können, ohne im Wasser zu sitzen, weiß Hermann Ansorge. Im Landkreis Görlitz scheint der Biber bislang übrigens noch keine seiner berühmten Burgen angelegt zu haben. Anders im Kreis Bautzen – in der Königsbrücker Heide gibt es welche.

Hierzulande ausgerottet wurde der Biber durch den Menschen. Wegen seines Fells hat man ihn gejagt. Und wegen des Fleisches – unter anderem, weil der Biber durch das kirchlich Konstanzer Konzil, das von 1414 bis 1418 tagte, zum Fisch erklärt wurde. Genauso wie Dachs und Otter. Deswegen durfte er in der Fastenzeit gegessen werden, weil da Fisch erlaubt war. In der Oberlausitz wurde der letzte Biber wohl zwischen 1785 und 1787 in der Neiße nahe Görlitz gefangen. Heute ist das Tier streng geschützt.

Entschädigung gibt’s selten

Anders als beim Wolf ist es schwer, für Biberschäden Entschädigung zu bekommen. Dass ein Biber Dämme anlegt oder Bäume fällt, gehöre zu seiner natürlichen Art, erklärt Forstingenieur Alexander Wünsche von der Unteren Naturschutzbehörde im Görlitzer Landratsamt. Die müsse ein Landnutzer oder Eigentümer in gewissem Maß aushalten. Bei großen Ernteausfällen in Land-, Forst- und Fischereibetrieben bestehe die Chance auf einen Härtefallausgleich. Dafür muss ein bestimmtes Schadensmaß erreicht sein, die Naturschutzbehörde ist sofort zu informieren. Sind Gebäude von Wasserschäden betroffen, die durch Biber-Arbeit verursacht wurden, können Dämme unter Umständen verkleinert oder abgebaut werden. Manchmal hilft auch der Einbau von Drainage. Bäume lassen sich mit sogenannten Drahthosen schützen, Landschaften mit Elektrozäunen. Das ist förderfähig, Anträge für das Programm „Natürliches Erbe“ müssen beim Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie gestellt werden.

Kay Sbrzesny drängt auf Fortschritte beim Bibermanagement. Man müsse mit der Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung mithalten. Derzeit gibt es in den beiden Oberlausitzer Landkreisen je einen Ansprechpartner zu dem Thema. Im Kreis Görlitz bemüht man sich um Fördermittel, um außerhalb der Verwaltung eine Dreiviertelstelle für Biber-Fragen zu schaffen.