merken

Rüpelnder Handwerker

Der Mann wechselt ohne zu blinken die Spur, bremst andere aus, zeigt den „Stinkefinger“. Einer lässt sich das nicht gefallen.

© dpa

Von Jürgen Müller

Meißen. Es ist nicht mehr dunkel, aber auch noch nicht richtig hell an jenem Novembermorgen vorigen Jahres, als zwei Handwerker aus Mittweida im firmeneigenen Hyundai-Transporter auf der Autobahn in Richtung Berlin düsen. Kurz vor der Raststätte „Dresdner Tor“ wechselt der 52-jährige Fahrer plötzlich und ohne zu blinken von der rechten auf die Mittelspur. Dort rauscht gerade ein Sportwagen heran. Der Fahrer muss eine Gefahrenbremsung machen, um einen Zusammenstoß zu verhindern, gibt aus Reflex Lichthupe. Und muss gleich noch einmal richtig in die Eisen gehen. Denn ohne erkennbaren Grund bremst der Hyundai-Fahrer seinen Transporter abrupt ab. Später überholt der Fahrer des Audi den Transporter. Dessen Fahrer grient ihn an, zeigt ihm den Stinkefinger.

So schön ist die Porzellan- und Weinstadt
So schön ist die Porzellan- und Weinstadt

Meißen hat zahlreiche Facetten: Lernen Sie Ihre Stadt näher kennen und erfahren Sie, was dieser Ort Ihnen alles zu bieten hat. Das und mehr auf Meißen. Lokal

Mag sein, dass es solche Situationen auf den Autobahnen täglich mehrfach gibt. Doch nicht jeder lässt sich derartige Sachen gefallen. Für den 41-jährigen Audi-Fahrer aus dem Erzgebirgskreis jedenfalls ist das Maß voll. Er zeigt den Fahrer des Hyundai an. Und nun sehen sich die beiden, die sich zuvor nicht kannten, noch einmal wieder. Vor dem Meißner Amtsgericht. Dem Mann aus Mittweida wird Nötigung und Beleidigung vorgeworfen. Gegen einen Strafbefehl hatte er Einspruch erhoben. Sagen will der 52-Jährige vor Gericht aber nichts. Dafür lässt er seinen Anwalt reden.

Sein Mandant sei die Strecke damals des Öfteren gefahren. Er könne sich an einen Vorfall erinnern, dass jemand „wie wild“ Lichthupe gegeben habe. Er habe bremsen müssen, weil vor ihm der Verkehr stockte, trägt der Anwalt vor. Sein Mandant sei verwundert gewesen, dass er Wochen später Post von der Polizei bekam. Eine Beleidigung habe es nicht gegeben. Er habe noch nie jemandem einen „Stinkefinger“ gezeigt. Auch eine Nötigung habe es nicht gegeben. „Es gab einen Anlass zu bremsen“, so der Anwalt.

Doch der Geschädigte sagt etwas anders. „Vor dem Hyundai waren keine Fahrzeuge. Das Bremsen war nicht verkehrsbedingt. Er hat stark gebremst, um mich zu maßregeln“, sagt der 41-Jährige. „Ich musste eine extrem starke Vollbremsung machen, das ABS hat reagiert. So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt der Zeuge. Als er den Transporter überholte, habe der Fahrer gelacht und ihm den „Stinkefinger“ gezeigt. Auch danach habe der Transporterfahrer seine extrem aggressive Fahrweise unverändert fortgesetzt, habe ständig zwischen den Spuren gewechselt, ohne zu blinken, sagt der Zeuge.

Für den Staatsanwalt ist erwiesen, dass sich das Geschehen so zugetragen hat, wie angeklagt. Er fordert für den Verkehrsrüpel eine Geldstrafe von 1 000 Euro und ein zweimonatiges Fahrverbot.

Der Verteidiger sieht das naturgemäß anders. Für ihn kommt nur ein Freispruch infrage. Es sei nicht mal erwiesen, dass sein Mandant das Fahrzeug gesteuert habe, sagt er. Doch auch der Richter ist von der Schuld des Angeklagten überzeugt, verurteilt ihn wegen Nötigung und Beleidigung zu eine Geldstrafe von 750 Euro. Von einem Fahrverbot sieht er ab. Er glaubt dem Zeugen. Dessen Aussage sei sehr konstant gewesen. „Warum sollte der Zeuge etwas erfinden über einen Mann, den er gar nicht kennt“, so der Richter. Da der Angeklagte das erste Mal mit dem Gericht zu tun habe, reiche eine Geldstrafe aus.