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Ruhelose im Ruhestand

Monika Breschke verabschiedet sich – nach mehr als 40 Jahren Kabarett und mit großer Vorfreude.

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© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Dieser Hahn war grandios. Ein herrlicher Gockel, freiwillig komisch, selbstlos eitel und Sieger jedes Wortgefechts. Monika Breschke erinnert sich noch gut an ihn, den obersten Bremer Stadtmusikanten. In Dessau hat sie ihn gesehen, als Kind. „Ich war fünf Jahre alt und das erste Mal im Theater. Der Hahn hat alle zum Lachen gebracht.“

Das Lachen sollte nicht mehr vergehen. Monika Breschke wurde Kabarettistin. Nicht ausschließlich, aber leidenschaftlich nebenberuflich und später vollzeitlich. Vor 43 Jahren trat sie das erste Mal auf die Bühne, im Namen des Humors. Unter dem Dach der Volkseigenen Betriebe hatten damals Kabaretts wohlwollende Wachstumschancen. Die DDR-Bürger sollten ein Ventil und der Staat die Möglichkeit haben, den Druckablass zu kanalisieren.

Ohne selbst Postbotin zu sein, spielte Monika Breschke im Kabarett „Die Posthornissen“ der Deutschen Post und später beim „Teleobjektiv“ im VEB Pentacon. Ihr eigentlicher Stammbetrieb, das Ministerium für Volksbildung, hatte kein eigenes Kabarett. Monika Breschke arbeitete als Kindergärtnerin, mit ebensolcher Hingabe wie als Künstlerin. Erst nach vielen Jahren entschied sie sich schließlich ganz fürs Theatermachen.

Der Garten des Kabaretts Breschke & Schuch hat dieser Tage eine Rarität zu bieten: Während der Wettiner Platz Hitze hamstert, hortet der grüne Hinterhof schattige Kühle. Monika Breschke hat den Tisch gedeckt. Es gibt Kaffee, dazu Kuchen aus der Verbrauchergemeinschaft gleich nebenan. „Ich kann das gar nicht so gut, über mich erzählen“, sagt die 63-Jährige. Aber dass sie es nun doch soll, habe auch sein Gutes: „Das ist ein Anlass, mal zurückzudenken. Sonst denkt man ja immerzu nach vorn.“

Wenn Monika Breschke die Gedanken rückwärtslaufen lässt, gelangt sie von
18 Jahren Kabarett mit ihrem Mann Manfred Breschke und dem Kollegen Thomas Schuch zur Heilpädagogenausbildung. Von da zu den Jahren als Kindergärtnerin und Fachberaterin und über eine unbeschwerte Jugend bis zu ihrem Opa, der Clown bei Sarrasani war, und auf Omas Schoß. Dort, wo Märchen vorgelesen wurden und sich ein kleines Mädchen in den lustigen Hahn verschoss, Ballett liebte, Violine spielte und sich beim Turmspringen böse verletzte. Und weil Erinnerungen anderer, immer wieder erzählt, in den eigenen Erinnerungsschatz übergehen, entsinnt sich Monika Breschke sogar ihrer eigenen Geburt: eine Sturzgeburt. Holterdiepolter sei sie im Krankenwagen zur Welt gekommen. Mutter und Tochter kamen gut verrichteter Dinge im Klinikum Bautzen an und waren wohlauf. Typisch für ihr Wesen sei das, habe die Oma immer gesagt, und Monika Breschke nickt nachträglich dazu. Kraftvoll und entschlossen, diese Eigenschaften kennt sie von sich.

Dabei fällt ihr ein Erlebnis ein. „Ich war einmal mit meinem Vater an der Ostsee. Obwohl es verboten war, sind wir ins Wasser gegangen.“ Die starken Wellen rissen die beiden auseinander, und Monika verließ die Kraft. „Ich dachte, ich ertrinke. Aber dann habe ich gekämpft, immer den Gedanken im Kopf: Das kann ich meinem Vater nicht antun. Wie soll er denn weiterleben, wenn ich sterbe?“ Ganz sicher hätte er sich schuldig gefühlt, dabei empfand die Tochter Schuld. „Ich hatte ihn ja überredet, mit mir baden zu gehen.“ Hohe Wellen schlug Monika Breschkes Leben auch später immer wieder. Sie hat gestrampelt – vor der Wende für alternative Bildungs- und Erziehungsansätze in der Kita, nach der Wende auf der Suche nach neuen beruflichen Wegen.

Sie hat gekämpft – um Liebe und Familienglück und ein gutes Leben für ihre beiden Kinder. Außerdem fast zwei Jahrzehnte lang um das Publikum ihres privaten Kabaretts. Dort führte sie Regie, schrieb Texte, spielte auf der Bühne. Vor allem aber führte sie die Geschäfte, schrieb Anträge auf Kulturförderung (meistens erfolglos) und spielte nicht mit, wenn die Ausgaben zu viele Einnahmen schluckten.

Nun wird sie wieder strampeln. Auf ihrem Liegerad. Wann und wohin sie will. Am liebsten nach Hamburg, mit ihrem Mann. Denn Monika Breschke lässt den Vorhang fallen. Sie gönnt sich Zeit für sich. Für ihre Freude an Radreisen, Büchern, Naturkosmetik und das Schreiben. Auch für ein soziales Engagement. Zuvor übergibt sie die Buchhaltung an ihre Kollegen. Nur nichts überstürzen. Ganz ruhig geht die Ruhelose in den Ruhestand.