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Russland – der Feind Nummer eins

Matthias Platzeck wirbt für den Dialog mit Russland. Das Interesse an dem Thema ist groß.

© Dietmar Thomas

Von Dagmar Doms-Berger

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Gödelitz. Als Matthias Platzeck am Sonnabend das Gödelitzer Podium betritt, wird er mit rauschendem Applaus von über 300 Zuhörern empfangen. So voll war der Saal im Ost West Forum Gut Gödelitz bisher nur zweimal – da waren Bundespräsidenten zu Gast. Matthias Platzeck, der frühere Ministerpräsident Brandenburgs, wirbt als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums für eine bessere Russlandpolitik.

Die großpolitische Lage ist ernst. Ost und West stehen sich mit Hass gegenüber. Militärisches Säbelrasseln und wirtschaftliche Sanktionspolitik bestimmen das Tagesgeschäft. Die Situation erinnert an die Jahre des kalten Krieges. Von der Gewissheit, dass der Frieden in Europa gesichert ist, sei nicht viel geblieben, so Platzeck. Die militärischen Auseinandersetzungen in der Ost-Ukraine und die Krise auf der Krim verdeutlichen, wie schnell die Situation eskalieren kann.

Bestimmt wird das tägliche Handeln des Westens von Ignoranz und einer Antihaltung gegenüber Russland. „Alles, was der Russe macht, ist per se falsch“, so Platzeck. Die deutsch-russischen Beziehungen – ein einziger Scherbenhaufen. Dies müsse sich ändern, sagt Platzeck und fordert ein Miteinander auf Augenhöhe.

„Wenn es um Russland geht, mangelt es an Sachverstand“, beklagt Platzeck. Der kalte Krieg wirke da noch immer nach. Der Westen kenne den Osten nicht, es gebe auch wenig Interesse, das zu ändern. In den Lebensläufen von Politikern fänden sich den USA und Großbritannien, aber nicht Russland. Sachverstand über Russland wirken nicht karrierefördernd, wenig sexy, weiß Platzeck aus seinem politischen Leben. Die Vorurteile säßen noch immer tief.

Andererseits tue Russland auch einiges, um die Vorurteile zu bestätigten. Die Beteiligung Russlands in Syrien, Libyen und Iran liefere den Gegner ausreichend Futter. Dass es ein Umdenken geben kann, beweist Platzeck mit dem Beispiel der Ost-Politik der Brandt-Bahr-Ära der 60er Jahre, die mit Dialogbereitschaft unter dem Leitsatz „Wandel durch Annäherung“ für Entspannung in der Ost-Politik sorgte.

Engagiert liefert Platzeck zahlreiche Fakten, beantwortet präzise die vielen Fragen des Publikums. Es ist bereits der dritte Vortrag, den er an diesem Sonnabend hält. Er wolle Russland nicht verklären, er wolle aufklären. Der SPD-Mann mit ostdeutscher Biografie erntet dafür nicht überall Beifall, sondern wird wie die Journalistin und Russlandkennerin Gabriele Krone-Schmalz von politischen Gegnern als „Russlandversteher“ belächelt.

Das Thema Russland war bei Matthias Platzeck immer präsent, in seiner Kindheit nahe der Glienicker Brücke und später als Ministerpräsident von Brandenburg (2002 bis 2013) war er aktiv in der Deutsch-Russischen Freundschaftsgruppe. Seit vier Jahren ist er nun als Missionar für ein besseres Miteinander zwischen Deutschland und Russland unterwegs. Erst im Frühjahr hat er zum Thema Russlandpolitik im Dresdner Schauspielhaus im Rahmen der Dresdner Reden in Kooperation mit der Sächsischen Zeitung referiert und wurde mit Standing Ovations begrüßt.