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Russland hat viel zu verlieren

London zieht Russen an: Oligarchen kaufen Häuser, die Frauen gehen shoppen, die Kinder aufs Internat. Russland hegt politisch Sympathien für den Brexit. In der Praxis dürften die Folgen für das Land aber schwerwiegend sein.

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© Reuters

Friedemann Kohler

Moskau. Freut sich Russlands Präsident Wladimir Putin, wenn Großbritannien aus der EU austritt? Dieses Drohbild hat der britische Premierminister David Cameron bemüht, um seine Landsleute bei dem Referendum am 23. Juni vom Brexit abzuhalten. Ähnlich hat sich der ehemalige belgische Regierungschef Guy Verhofstadt geäußert.

„Das ist für uns ein neues Element, dass Russland oder Präsident Putin als Faktor beim Thema Brexit gebraucht werden“, entgegnete Kremlsprecher Dmitri Peskow. Er fügte hinzu, dass Russland natürlich an guten Beziehungen zur EU und jedem einzelnen Mitglied gelegen sei.

In Camerons Unterstellung, wo Putins Sympathien liegen könnten, steckt zwar mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Doch tatsächlich hat Moskau nach Expertenmeinung bei einem Brexit viel zu verlieren. „Für Russland bedeutet der Brexit desselbe wie für alle anderen europäischen Länder, nämlich Ungewissheit“, sagt der Politologe Andrej Suschenzow, Geschäftsführer des kremlnahen Waldai-Diskussionsforums.

Das Verhältnis zwischen Moskau und London ist paradox. Zu keinem anderen großen EU-Staat sind Russlands Beziehungen derartig schlecht. Gegenseitige Spionagefälle und der Giftmord an dem Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko 2006 mit radioaktivem Polonium in London verhindern eine Annäherung. In der EU ist Großbritannien Verfechter einer harten Linie gegen Russland, verficht Sanktionen wegen der Übergriffe auf die Ukraine. Auf der anderen Seite ist London das bevorzugte Ziel für russische Oligarchen auf Hauskauf und deren shoppende Gattinnen. Der russische Nachwuchs wird auf britische Elite-Internate geschickt.

Mit Äußerungen zum Brexit hält sich die russische Politik zurück. Doch Russland hat in den letzten Jahren mit allen Bewegungen sympathisiert, die die EU und ihre Mitglieder in Verlegenheit gebracht haben. Moskau war 2014 für eine Abspaltung Schottlands, unterstützte das EU-kritische Referendum in den Niederlanden im April.

Die Hoffnung konservativer Russen: „Die EU wird in sich zusammenbrechen wie einst die Sowjetunion“, sagte beispielsweise der Oligarch Konstantin Malofejew der österreichischen Zeitschrift „Profil“. Rechte, EU-kritische Parteien wie die AfD (Deutschland), FPÖ (Österreich) oder Front National (Frankreich) halten Kontakt nach Moskau - ebenso die britische UKIP.

Politisch würde Russland aber nicht unbedingt vom Austritt der Briten profitieren. Natürlich würde die Union ihr militärisch stärkstes Mitglied verlieren. Aber nach einem Brexit würde Deutschland wohl die EU dominieren, das wäre für Russland nicht wünschenswert, argumentiert Suschenzow. Und noch schlimmer: Es entsteht eine Allianz Großbritanniens mit den USA und den russlandkritischen EU-Ländern im Osten wie Polen.

Suschenzow erwartet auch wirtschaftlichen Schaden für beide Seiten. Die Londoner Börse ist wichtiger Handelsplatz für Aktien russischer Großkonzerne, zum Beispiel des Gasriesen Gazprom. Isoliert sich der Finanzplatz London, könnten die russischen Firmen an asiatische Börsen weiterziehen. Nach dem Brexit werde Russland „neue sichere Häfen für Geld und Investitionen suchen müssen“, schreibt der Experte. Auch mit dem Ansturm der Russen auf „Londongrad“ wäre es wohl vorbei.

Der bilaterale britisch-russische Handel ist nur klein. Doch die EU macht für Russland fast die Hälfte ihres Außenhandels aus. Deshalb würden die Probleme der Union nach einem Brexit auch Russland treffen. Vor allem könnten zwei enge Partner Großbritanniens leiden - die Niederlande und Zypern. Beide sind wiederum wichtig für Russland. (dpa)