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Die Frau, die Russland aufforsten will

Auch in Russland gibt es eine Generation Greta: Von einer jungen Frau, die auszog, die Wälder zu retten. Eine Million Bäume hat Marianna Muntianu schon gepflanzt.

Beim Aufforsten in russischen Wäldern fühlt sich die 31-jährige Marianna Muntianu am wohlsten.
Beim Aufforsten in russischen Wäldern fühlt sich die 31-jährige Marianna Muntianu am wohlsten. © Uta Cecilia Nabert

Von Uta Cecilia Nabert

Immer, wenn eine Gesellschaft Maske trägt, steht sie vor einem Wendepunkt, so scheint es. 2010 war es in Russland schon einmal so weit. „Die Menschen trugen tagelang Masken, denn in vielen Städten machte schwerer Rauch das Atmen fast unmöglich“, erinnert sich Marianna Muntianu. Rauch, der von verheerenden Buschfeuern herüberwehte, die sich durch das Land fraßen. Danach waren 2,3 Millionen Hektar Wald vernichtet und Marianna am Boden zerstört. „Ich sah die Bilder im Fernsehen und wusste, dass wir etwas Wichtiges verloren hatten.“

Für die heute 31-Jährige und viele junge Menschen änderte sich damals alles. Sie warteten darauf, dass irgendjemand die verkohlten Flächen aufforsten würde – die Regierung vielleicht? Oder die zuständigen Forstämter? Als nichts passierte, gründeten sie die Umweltschutzorganisation ECA.

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Marianna Muntianu war von der ersten Stunde an dabei. Seitdem hat sie gemeinsam mit anderen über eine Million Bäume gepflanzt, die Spendenplattform „Plant the Forest“ entwickelt – und auch das gleichnamige Handyspiel. 2019 hat sie für ihren innovativen Ansatz zum Schutze der Umwelt den UN-Preis „Young Champions of the Earth“ erhalten.

Sie hat sich schick gemacht – eng anliegender Rollkragenpulli, glänzende Goldkreolen, die Haare sorgsam um den Hals gelegt. So sehen also die Hippies von heute aus; moderne Baum-Umarmer sozusagen, die Umweltschützer des 21.Jahrhunderts. Die studierte Ökonomin lächelt, wenn sie spricht: „Irgendwas gezählt habe ich schon immer gerne, heute sind es eben Bäume.“ Dabei sei es ihr leichtgefallen, den Bürostuhl gegen die Arbeit in der Natur einzutauschen. Kindheitserinnerungen prägten sie, gerne denke sie an die Zeit zurück, da sie mit der Großmutter im Wald Beeren und Pilze sammelte. Sie habe es genossen, durch saftig grüne Landschaften zu streifen mit teils spektakulären Aussichten. „Managerin in einer Firma zu sein, das war dagegen nie wirklich mein Ding.“

Größtes Problem war die Überzeugung

Heute ist Marianna im Frühling und Herbst meist im Wald anzutreffen, wo sie den Rolli gegen eine Daunenweste eingetauscht hat. Gemeinsam mit freiwilligen Helfern lebt die Frau dann ihre Leidenschaft fürs Bäumepflanzen aus. „Ich liebe das Schöpferische und Sinnvolle an dieser Arbeit.“

Dank Spendengeldern kann die Wahl-Moskauerin ihre Heimat hauptberuflich und in Vollzeit aufforsten. Landesweit arbeitet sie mit den Forstämtern zusammen, von denen sie die Setzlinge erhält und erfährt, welche Flächen bepflanzt werden dürfen. „Die russischen Wälder sind in Staatsbesitz“, erklärt sie. „Das heißt, die zuständigen Förster kümmern sich nach unserer Arbeit darum, dass es den Wäldern gutgeht.“ Das größte Land der Erde wieder zu bewalden, könnte man an sich schon als Herausforderung werten. Doch, sagt Marianna, die größte Schwierigkeit sei es gewesen, die Menschen zu überzeugen. „Umweltschutz war hier lange ein Fremdwort, Organisationen wie Greenpeace gab es bei uns nicht, die Leute sagten: Ist doch alles gut, wir haben noch genug Wald.“ Ausgerechnet der finanzielle Teil des Unterfangens sollte dagegen einfach werden: Die Kosmetikmarke Faberlic, so eine Art russisches Yves Rocher, hatte sich die Aufgabe gestellt, zehn Millionen Bäume zu pflanzen – in Anlehnung an eine Produktlinie des Unternehmens.. Diese Initiative wurde von der ECA-Bewegung umgesetzt.

Marianna, Gründerin und Leiterin des ECA-Departments in ihrer Heimatregion Kostroma, 300 Kilometer nordöstlich von Moskau, hatte an diesem Projekt einen Anteil von 330.000 Bäumen. 2015 übernahm sie die Leitung des Projekts „Wald pflanzen“ von ECA Russia. „Ich kann sagen, dass unter meiner Führung von 2010 bis 2020 über eine Millionen Bäume in meiner Heimat gepflanzt worden sind.“

Ihre Öko-Karriere fing an wie einer der Setzlinge, die sie seitdem in die Erde gebracht hat: im Verhältnis winzig, wenn man bedenkt, was für ein großes Gewächs daraus werden sollte. Zunächst schrieb sie vor allem E-Mails und telefonierte herum: „Wir kontaktierten alle Schulen in der Provinz Kostroma.“ Viele hätten kein Interesse gezeigt, doch eine Handvoll Schuldirektoren und Lehrer wollten mitmachen. „Die meisten von ihnen unterrichteten im ländlichen Raum und waren froh, den regulären Lehrplan mit unserem Angebot bereichern zu können.“ Ein weiterer Vorteil: Die Schulen hatten große Schulhöfe, also selbst genügend Platz für die Klassen, um Hunderte Setzlinge zu verbuddeln.

Eine Million Bäume hat Marianna Muntianu schon gepflanzt.
Eine Million Bäume hat Marianna Muntianu schon gepflanzt. © Uta Cecilia Nabert

Umwelterziehung sei ihr von Anfang an wichtig gewesen, sagt die Russin – gerade vor dem Hintergrund des noch immer geringen Umweltbewusstseins im Land. Deshalb ließ sie ein Handyspiel entwickeln, in dem Nutzer virtuell Bäume auf Ödland pflanzen können, die entstandenen Wälder vor Bränden und Schädlingen schützen müssen und erleben dürfen, wie Tiere dorthin zurückkehren. Zugleich können Spieler Geld spenden, sodass auch in der Realität Wälder entstehen.

2020, genau zehn Jahre nach den Bränden, stand Marianna vor einem weiteren Wendepunkt in ihrem Leben: Sie verließ ECA und gründete die Umweltschutzorganisation Russian Climate Fund, um einen ganzheitlichen Ansatz zur Wiederherstellung der Wälder zu verfolgen, an dessen Spitze der Kampf gegen den Klimawandel steht. Die Entscheidung hierfür sei von ihrer Reise zum Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York und der Teilnahme am dortigen Klimagipfel beeinflusst gewesen. „Mir wurde klar, dass ich mich ganzheitlich für den Klimaschutz einsetzen will.“ Deshalb strahlt ihre Organisation heute monatlich Podcasts aus, in denen es um alles rund um den Klimaschutz geht. Unter anderem kamen hier schon Arshak Makichyan, der russische Organisator der Fridays for Future, zu Wort sowie Erik Albrecht, Autor des Buchs „Generation Greta“. „Wir planen einen Podcast über Firmenengagement im Umweltschutz, auch über den Unterwäsche-Hersteller DIM, der eine Weile für jedes verkaufte Produkt 100 Rubel an uns gespendet hat.“

Das Bäumepflanzen bleibt nach wie vor wichtiger Bestandteil von Mariannas Arbeit. So sei geplant, sagt sie, die Abraumhalden der großen Asbestminen im Land wieder zu bewalden. „Bisher wurden diese mit Sand bedeckt, da wächst rein gar nichts. Doch es gibt Studien, die besagen, dass man das ändern kann.“ Auch diese problematischen Orte könnten dann zu wertvollen Biotopen und CO2-Senken werden.

Sowohl der Russian Climate Fund als auch ECA erhalten ihre Gelder von privaten Spendern und Unternehmen. „Viele russische Unternehmen wollen sich immer öfter als nachhaltig und umweltbewusst positionieren.“ Auf der Internetseite können sie ebenso wie Privatpersonen ihren CO2-Fußabdruck errechnen und entsprechend spenden, wobei pro Baum drei Dollar anfallen. „Manchen Firmenteams reicht das aber nicht“, sagt Marianna. „Die kommen mit Spaten ausgerüstet selbst in den Wald und packen mit an.“

Groß und stark ist ihr Lieblingsbaum

In der Vergangenheit brauchte die Bewegung ein Jahr, um eine halbe Million Bäume zu pflanzen. Diese Menge will sie in diesem Jahr alleine bis Sommerbeginn ausbringen. Die Organsiation zählt inzwischen zwölf Mitglieder und arbeitet mit mehr als zwanzig Regionalleitern zusammen. „Langfristig wollen wir in fünfzig verschiedenen Regionen pflanzen.“ Und, ganz wichtig: Mittlerweile stehen mehrere Tausend Ehrenamtliche zur Verfügung. „Viele kamen nach dem ersten Mal immer wieder und brachten Familie, Freunde und Partner mit“, erzählt Marianna. „Wir sehen, dass Klimaschutz in Russland keine Modeerscheinung mehr ist, im Gegenteil, es werden immer mehr, die sich dafür interessieren. Mittlerweile haben wir in jeder Region einen harten Kern, auf den wir uns verlassen können.“

Ihr persönlich schönster Moment in dieser Erfolgsgeschichte? Marianna überlegt. „Wenn jemand auf uns zukommt und sagt: ,Danke, dass ihr es mir ermöglicht habt, meinen Teil zum Erhalt der Natur beizutragen.‘“ Ihr Lieblingsbaum sei übrigens die Eiche, sagt Marianna ganz von selbst, und man merkt, dass ihr diese Frage schon oft gestellt wurde. Was ihr an diesem Baum gefalle? Die Eiche sei groß und stark, werde sehr alt. „Was die uns wohl für Geschichten erzählen könnte.“

Wer weiß, vielleicht gelingt es Forschern eines Tages, mit Bäumen zu kommunizieren, und dann könnten sie die Geschichte erzählen von einer Frau, die auszog, um in Russland bis 2050 eine Milliarde Bäume zu pflanzen.

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