Politik
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Der Mann, der die Welt veränderte

Michail Gorbatschow war einer der wichtigsten Staatsmänner im vorigen Jahrhundert. Er hat den Kalten Krieg beendet - und dafür sein Land verloren. Ein Nachruf.

Von Uwe Peter
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Michail Gorbatschow, der russische Friedensnobelpreisträger und ehemalige sowjetische Staatschef, ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in Moskau.
Michail Gorbatschow, der russische Friedensnobelpreisträger und ehemalige sowjetische Staatschef, ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in Moskau. © David Longstreath/AP/dpa

Zwischen nahezu absoluter politische Allmacht und völliger politischer Ohnmacht lagen weniger als sieben Jahre. Für einen Staatsmann eine eher kurze Zeitspanne, um in die Geschichte einzugehen. Michail Sergejewitsch Gorbatschow hat Geschichte geschrieben, daran gibt es keine Zweifel.

Was heute über ihn in der jeweiligen Geschichte der Welt und einzelner Länder geschrieben wird, unterscheidet sich jedoch zum Teil fundamental. Denn Gorbatschow hat in diesen sieben Jahren vom März 1985 bis zum Dezember 1991 nicht nur sein Land, sondern die Welt verändert: die Welt seinerzeit zweifellos zu einer besseren, einer sichereren. Sein Land hingegen hat diese Veränderungen nicht überlebt, die Sowjetunion ist seit 1991Geschichte. Dabei war er einst angetreten, um sein Land besser, offener und demokratischer zu machen – aber genau daran ging es zugrunde.

„Gorbi ist tot“ – dieser Satz wird hierzulande seit Dienstagabend sehr häufig in Gesprächen gefallen sein. Bei vielen sicher mit Bedauern und Trauer. Dieser „Gorbi“ aber war Michail Gorbatschow nur in unserem Sprachgebrauch. Diese Verkürzung seines Namens hatte stets etwas Vertrautes, Freundliches, fast liebevolles, was Politikern normalerweise nicht so oft entgegenschlägt.

Doch in den letzten Jahren der DDR war der sowjetische Parteichef ein Hoffnungsträger, der die Wünsche vieler nach einem besseren, menschlicheren und offeneren Sozialismus auf sich vereinte – und nur bei der eigenen Staatsführung in Berlin auf schon fast bösartige Ablehnung stieß.

Eine Trauerschleife ist am Mittwoch am Denkmal für Michail Gorbatschow in Dessau-Roßlau zu sehen.
Eine Trauerschleife ist am Mittwoch am Denkmal für Michail Gorbatschow in Dessau-Roßlau zu sehen. © dpa

Selbst die beiden russischen Worte, mit denen Gorbatschow immer verbunden bleiben wird – Perestroika und Glasnost (Umgestaltung und Transparenz) – waren in der offiziellen DDR jahrelang ein Tabu. „Würden Sie, wenn ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ fasste der SED-Chefideologe Kurt Hager im März 1987 in einem schriftlich geführten und im Wortlaut vom Partei-Politbüro abgesegneten Interview die Hartleibigkeit seiner Genossen zusammen.

Für DDR-Korrespondenten in Moskau war das bis Ende 1989 eine verrückte, zugleich auch sehr schwierige Zeit. Plötzlich hieß es nicht mehr: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“. Vielmehr gab es klare Anweisungen aus Berlin, worüber wir gefälligst nicht zu schreiben hatten. Die Begriffe Perestroika und Glasnost gehörten übrigens von Anfang an dazu. Politische Veränderungen, wie etwa Wahlen zum Parlament mit Gegenkandidaten für die von der Partei aufgestellten Genossen waren in der Berichterstattung ebenso unerwünscht wie der offene und kritische Umgang mit der Stalin-Ära und ihren unzähligen Opfern. Dass Menschen plötzlich nicht mehr lügen mussten über das Schicksal ihrer eigenen Familie, dass Kritik an Bürokraten im Staatsapparat und an Leitern von Betrieben auf einmal erwünscht und nicht mehr verboten war, dass die alltägliche Korruption im Großen und im Kleinen nicht mehr als kleine notwendige Aufmerksamkeit, sondern als Straftat betrachtet wurde.

Es wehte ein Hauch von bislang unbekannter geistiger Freiheit durch das große Land, die allerdings nicht überall auf Begeisterung stieß. Es gab zu viele Leute, die dabei viel zu verlieren hatten – Einfluss, Geld und Macht. Grund genug auch für die DDR-Oberen, das Ganze skeptisch bis offen ablehnend zu betrachten. Für uns Journalisten blieb nur die Chance, in Alltagsgeschichten „zwischen den Zeilen“ über die Veränderungen zu berichten. Wie groß das Interesse zu Hause war, wurde deutlich, als uns beim alljährlichen Journalisten-Basar auf dem Berliner Alexanderplatz ab 1987 aus Moskau mitgebrachte Sticker und Anstecker mit dem Foto Gorbatschows und Aufschriften wie Perestroika förmlich aus der Hand gerissen wurden.

Im Inland zuerst begeistert begrüßt und später verdammt, im Ausland zunächst skeptisch beäugt und später gefeiert – so lässt sich Gorbatschows politisches Wirken etwas vereinfacht zusammenfassen. Dabei sollte die Außenpolitik, die er mit seinem Außenminister Eduard Schewardnadse verfolgte, lediglich die äußeren Bedingungen für den Umbau im eigenen Land erleichtern. Die Reformer in Moskau hatten verstanden, dass sie den Rüstungswettlauf mit dem Westen finanziell, materiell und vor allem technologisch auf Dauer nicht durchhalten würden, ohne die in Stagnation verharrende Wirtschaft der UdSSR im Ganzen zu gefährden.

Das war ein wesentlicher Grund für Gorbatschows offensive Friedenspolitik, die im Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan und letztlich in Abkommen mit den USA über atomare und konventionelle Abrüstung mündete. Das war auch ein Grund dafür, dass Gorbatschow den Volksaufständen in den einstigen Satellitenstaaten im Ostblock nicht mehr – wie in den Jahrzehnten zuvor - sowjetischen Panzer entgegenstellen ließ. All das, nicht zuletzt auch sein persönlicher Beitrag zur deutschen Einheit, hat Gorbatschow hierzulande zu „Gorbi“ gemacht, zu einem Politiker, auf den viele bis heute bewundernd und dankbar zurückschauen.

Michail Gorbatschow (l.) und DDR-Staatschef Erich Honecker tauschen auf dem Ostberliner Flughafen Schönefeld einen Kuss aus.
Michail Gorbatschow (l.) und DDR-Staatschef Erich Honecker tauschen auf dem Ostberliner Flughafen Schönefeld einen Kuss aus. © AP/dpa

Ganz anders ist das in seiner Heimat. Als Gorbatschow am 25. Dezember 1991 mit einer kurzen Erklärung sein Amt als erster und zugleich letzter Präsident der schon nicht mehr existierenden UdSSR aufgab, war der einstige Hoffnungsträger zum Totengräber seiner Partei und seines Staates geworden. Die anfängliche Aufbruchsstimmung war in der UdSSR längst von der Ernüchterung eingeholt und Gorbatschow von den Realitäten überholt worden. Die Worte Perestroika und Glasnost verschwanden mitsamt einem Gesellschaftssystem aus dem täglichen Gebrauch auf die Seiten von Geschichtsbüchern und Memoiren. Dabei gab es beim Amtsantritt als Parteichef dazu tatsächlich keine Alternative für den damals schon real dahin-stagnierenden Sozialismus. Gorbatschow gebührt das Verdienst, dies erkannt und offen ausgesprochen zu haben.

Nach dem Tod seines greisen Vorgängers Tschernenko, der nur ein Jahr residiert hatte, war Gorbatschow davon überzeugt, dass die Wahl ihm „als Vertreter einer neuen Generation“ zufallen müsse. Bei einem Nachtspaziergang am 10. März 1985 von etwa drei Uhr bis zum Morgengrauen beriet er mit Frau Raissa die Strategie für den entscheidenden Tag seiner Wahl - und für die nächsten Jahre. Überzeugt davon, dass nur der Generalsekretär der KPdSU in der Lage wäre, die nötigen Reformen im Lande einzuleiten, sprach Gorbatschow die für ihn und die UdSSR letztlich schicksalhaften Worte: „Wie hart es auch immer kommen mag, es gibt keinen anderen Weg“. Doch es kam noch härter. Genau fünf Jahre nach Amtsantritt strich der Volksdeputiertenkongress der noch existierenden UdSSR die führende Rolle der KPdSU aus der Verfassung. Ein weiteres Jahr danach trat Gorbatschow nach dem Augustputsch von 1991 als Generalsekretär zurück und löste die Partei formell auf.

Für das Scheitern seiner Idee von einem besseren Sozialismus und einer besseren Sowjetunion ließen sich diverse Gründe und subjektive Fehler nennen - nur sollte man das Wesentliche dabei nicht übersehen: Es war der Wiederbelebungsversuch eines klinisch Totem. Das in sich erstarrte, verkrustete Sowjetsystem mit seinem hochgradig korrumpierten Apparat war nicht mehr zu reformieren. Schon gar nicht mittels dieses Apparates, der sich Gorbatschows Politik in großen Teilen zwar nicht öffentlich, aber vehement widersetzte. Einer der großen Fehler Gorbatschows in dieser Zeit war der Versuch, zwischen Reformgegnern und Reformanhängern vermitteln zu wollen – womit er letztlich die Unterstützung beider Seiten verlor. Viele seiner Entscheidungen wirkten zögerlich, manchmal gar widersprüchlich, seine Reden waren zwar wortgewaltig, blieben aber folgenlos. Was wiederum zur Folge hatte, dass er bis heute für alle Probleme dieser Jahre nahezu allein verantwortlich gemacht wird: die katastrophale Wirtschaftslage, die Verarmung großer Teile Bevölkerung durch eine gewaltige Inflation und – bis heute ein spürbarer Faktor im russischen Denken - der Verlust des Großmachtstatus der UdSSR.

Gorbatschow machte auch Fehler

Natürlich hat Gorbatschow Fehler gemacht, wie die meisten, die etwas völlig Neues versuchen. Für einige wurde er verdammt, für andere verlacht. Verdammt etwa, als er 1986 das Unglück im Atomreaktor von Tschernobyl viel zu lange verschweigen ließ, oder 1991, als er erst- und letztmalig (und vergeblich) mit Waffengewalt versuchte, Unabhängigkeitsbestrebungen im Sowjet-Baltikum zu ersticken. Verlacht mit Dutzenden Witzen, als er seinen Landsleuten 1987 per „Trockengesetz“ den Wodka ab- und eine gesunde Lebensweise angewöhnen wollte. Hinzu kam die gelegentliche Selbstüberschätzung des Bauernsohns aus dem südrussischen Stawropol, die dereinst in dem bei einem Sonnenkönig entlehnten Satz gipfelte: „Das Zentrum bin ich“. Auch seine in vieler Hinsicht deutbare Weltsicht, die er in – oft zu langen – Reden erkennen ließ, die ihn auch zum Opportunisten machte.

Eine Eigenschaft, die ihn begleitete, etwa wenn er den heutigen russischen Präsidenten Putin mal kritisierte und dann wieder lobte. Mal warf er Putin vor, eine „Imitation von Demokratie“ erschaffen zu haben, in der die Führungsriege ohne jegliche Kontrolle regieren und „den eigenen materiellen Wohlstand sichern“ könne. Dann wiederum verteidigte er die russische Invasion in Georgien und sogar die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Vor allem erstere Aussagen sind aber eher im Westen als in Russland bekannt geworden, in der Heimat war der letzte Staatschef der UdSSR längst in Vergessenheit geraten.

Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) 2004 mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow.
Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) 2004 mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow. © Heribert Proepper/AP/dpa

Notiz von ihm nahm bestenfalls noch die Zeitung Nowaja Gaseta, zu deren Geld- und Herausgebern Gorbatschow nach seinem Rücktritt jahrelang gehörte und die sich dessen einstigen Idealen – Demokratie, Offenheit, Transparenz und Unbestechlichkeit – verschrieben hatte. Die Zeitung musste ihr Erscheinen in Russland kurz nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine einstellen.

In den letzten Jahren von schwerer Krankheit gezeichnet, bleibt ungeklärt, was Michail Gorbatschow von den Entwicklungen im jetzigen Russland noch mitbekommen hat. Sicher ist: Wenn er es gewusst hätte, wäre er damit nicht glücklich gewesen. Putins Politik widerstrebt all seinen früheren Idealen und Vorstellungen. Ja, auch Gorbatschow wollte die UdSSR erhalten und betrachtete deren Untergang als ein Unglück in der Geschichte. Sie mit brutaler Waffengewalt gegen einstige Brudervölker wiederherstellen zu wollen, hätte ihm jedoch zutiefst widerstrebt.

Michail Gorbatschow hat die Welt – vielleicht ein bisschen unfreiwillig - verändert. Geblieben sind vor allem die außenpolitischen Erfolge, die halfen, bis dato unüberwindbare Gräben zu überbrücken und Mauern einzureißen. Geblieben ist auch ein Satz, den er so wörtlich übrigens nie gesagt hat: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Er ist zu Recht für sein Wirken verehrt und mit internationaler Anerkennung überhäuft worden. Doch Gorbatschow hat dabei – und das sicher gänzlich unfreiwillig - sein eigenes Land verloren. Nicht zuletzt, weil er Entwicklungen in Gang gebracht hat, die das Land und auch ihn letztlich überrollten. Das System, das er reformieren wollte, hätte Männer seines Formats viel früher gebraucht. Er selbst kam zu spät - und das Leben hat ihn dafür bestraft.

Unser Autor: Uwe Peter war von 1986 bis 1996 Korrespondent in Moskau, ab 1990 unter anderem für die Sächsische Zeitung.