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Was tun, wenn die Kriegsangst übermächtig wird?

Die Nachrichten aus der Ukraine können Menschen psychisch krank machen. Wie man eine schützende Distanz bewahrt, erklärt Psychiater Andreas Ströhle.

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Die Nachrichtenseiten in Deutschland sind derzeit voll von schrecklichen Bildern aus der Ukraine. Das kann belasten.
Die Nachrichtenseiten in Deutschland sind derzeit voll von schrecklichen Bildern aus der Ukraine. Das kann belasten. © Emilio Morenatti/AP/dpa

Von Ingo Bach

Seit dem vergangenen Donnerstag erschrecken Bilder von flüchtenden und verletzten Menschen, von Bombeneinschlägen und Gewehrfeuer in der Ukraine auch die Menschen in Deutschland. Die Bedrohung durch den nicht allzu weit entfernten Krieg, den Russland gegen seinen Nachbarn führt, prägt auch in Berlin den Alltag.

Das bleibt nicht ohne Folgen für die Psyche vieler Menschen. Wir haben mit Andreas Ströhle, den Leiter der Angstambulanz der Charité darüber gesprochen, wie man trotz der lähmenden Angst nicht psychisch krank wird.

Nahezu rund um die Uhr erreichen uns derzeit aus der Ukraine erschreckende Nachrichten und Bilder eines Krieges, der nur eine Tagesreise entfernt stattfindet. Wie können sich solche Neuigkeiten auf die Psyche der Menschen hierzulande auswirken?

Die aktuellen Nachrichten und Bilder lösen natürlich bei vielen Menschen – auch in Berlin – Sorgen und Ängste aus. Und das ist erst einmal völlig normal und nachvollziehbar. Denn wir Menschen sind zum Selbstschutz so veranlagt, dass wir auf Bedrohungen mit Angst reagieren.

Doch aktuell gibt es eine für die Psyche möglicherweise krank machende Herausforderung: Wir können diese Bedrohung nicht beeinflussen. Statt Flucht oder Kampf, mit denen der Mensch von Natur aus auf Bedrohungen reagieren würde, bleibt uns nur das ohnmächtige Beobachten aus relativer Ferne. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit ist besonders schlimm.

Gibt es Menschen, die für solche krank machende Herausforderungen besonders anfällig sind?

Menschen, die schon unter Angststörungen leiden, machen sich jetzt unter Umständen noch mehr Sorgen als Gesunde. Aber dass daraus eine krankhafte psychische Störung erwächst, ist derzeit nur eine hypothetische Möglichkeit. Sie ist aus meiner Sicht noch nicht real, weil der Beginn des Krieges ja erst wenige Tage zurückliegt. Aber das kann sich ändern, je länger die Bedrohung andauert.

Gerade Menschen, die selbst schon einmal Krieg und Flucht erlebt haben, und jetzt diese Bilder aus der Ukraine sehen, könnten dadurch erneut traumatisiert werden. Und dann möglicherweise erneut eine Traumafolgestörung ausbilden, die behandelt werden muss.

Haben Sie in der Angstambulanz Erfahrungen gesammelt mit den psychischen Auswirkungen vorheriger Konflikte?

Für die Geflüchteten, die zu uns nach Berlin kamen und kommen werden, sind erst einmal andere Dinge sehr viel wichtiger: dass sie eine Unterkunft finden, dass akute Erkrankungen behandelt werden, dass ihre Kinder in Schulen gehen, dass sie arbeiten dürfen.

Und danach kann man dann schauen, inwieweit eine psychotherapeutische Versorgung nötig ist. Denn leider sind die Folgen einer Traumatisierung sehr langanhaltend. Wir haben immer wieder Menschen in unserer Ambulanz in Behandlung, die vor Konflikten nach Berlin geflüchtet sind. So etwa vor dem Bosnienkrieg Mitte der 1990er Jahre.

Wir therapieren zum Teil jetzt noch Menschen, die damals als Kinder zu uns kamen und nun als Erwachsene noch immer unter den indirekten Kriegs- und Fluchterfahrungen leiden und die auch viele Jahre später noch von Ängsten und Depressionen heimgesucht werden.

Wie kann man den Ängsten umgehen, ohne dass sich langfristige Folgen einstellen?

Dabei kann der gesunde Menschenverstand behilflich sein. Man darf die Bedrohung nicht zu dicht an sich heranlassen, sondern muss sich immer wieder bewusst machen, dass man selbst nicht direkt betroffen ist.

Empathie, das Mitleiden mit den Opfern, wenn man diese schrecklichen Bilder und Nachrichten sieht, ist eine positive Eigenschaft des Menschen.

Doch diese darf nicht zu weit gehen. Sonst besteht die Gefahr einer Überidentifizierung mit den unter dem Krieg leidenden Menschen, die einen selbst in eine chronische Angststörung treiben kann.

Um eine Distanz zu wahren, die die eigene psychische Gesundheit schützt, sollte man sich immer wieder fragen, was bedeutet dies konkret für mich und meine Familie, wie real ist die Gefahr denn wirklich. Hier in Deutschland stehen wir derzeit nicht vor den Mündungen der Maschinengewehre oder auf uns zurollenden Panzern.

Sollten diejenigen, die anfällig sind für Angststörungen, den schlechten Nachrichten am besten aus dem Wege gehen?

Nein. Zum einen ist es in unserer Gesellschaft mit den vielen Nachrichtenkanälen gar nicht möglich, schlechte Neuigkeiten nicht wahrzunehmen. Und zum anderen ist eine solche Vermeidung keine gute Strategie, Angsterkrankungen in den Griff zu bekommen.

Sondern es geht, wie gesagt, darum, die Gründe für eine Furcht einzuordnen und zu entscheiden, ob die Gefahr für mich konkret und real ist. Und diese Entscheidung sollte am besten im Austausch mit anderen Menschen erfolgen, um so die Kontrolle über sich selbst zurückzubekommen.

Zur Person:

Andreas Ströhle ist Psychiater und und leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Er leitet die Spezialambulanz für Angsterkrankungen.

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