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„Sachsen ist kein brauner Schandfleck“

Wie fremdenfeindlich ist Sachsen? Ein Bautzner Schüler hat gespaltene Heimatgefühle.

© Robert Michalk

Pegidaland – das ist nur einer von vielen hässlichen Spitznamen für Sachsen im Zusammenhang mit der Asylkrise. Der Freistaat ist in der letzten Zeit ja öfter in die Medien geraten. Eigentlich könnte man die Nachrichten über Sachsen in Zeiten der Flüchtlingskrise schon fast als Routine betrachten. Seien es die rassistisch motivierten Vorfälle in Freital oder auch der angeblich ausländerfeindliche Brandanschlag auf ein zukünftiges Flüchtlingsheim in meiner Heimatstadt Bautzen.

Bei genauerem Überlegen war es mir doch ein Rätsel, wie Sachsen so in das Kreuzfeuer der Medien und der Gesellschaft geraten konnte. Besonders die Lausitz galt immer als besonders vielfältig, da man dort die slawische Minderheit der Sorben antreffen kann. Mit diversen Projekten und Organisationen wie „bunt“ wurde in den letzten Jahren gezielt gegen Rechtsextremismus vorgegangen und trotzdem hört man leider oft genug von Übergriffen. Die Zahl der rechtsextremistisch angeregten Gewalttaten hat in Sachsen in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Allein 2015 gab es in Sachsen weit über 30 Übergriffe auf Flüchtlinge mit teilweise schwerer Körperverletzung.

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In meinem näheren Umfeld konnte ich das vor Kurzem miterleben: Auf einen rassistischen Kommentar in einem öffentlichen Verkehrsmittel, der zwei Muslima mit Kopftüchern galt, reagierten nur zwei der vielen Mitreisenden. Das ist meiner Meinung nach einer von vielen Beweisen dafür, dass wir leider ein ernstzunehmendes Problem mit rechtem Gedankengut in Sachsen haben. Aber woher kommt denn die Angst vor Fremden?

Ist es vielleicht ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten? Als man aus der sowjetischen Besatzungszone selber gerne flüchten wollte, aber nicht konnte. Aber Behauptungen dieser Art sind gegenwärtig nur eine Vermutung und werden es wohl auch vorerst bleiben. Eine, wie ich finde, hingegen sehr interessante Theorie hat der deutsche Psychoanalytiker Matthias Wellershoff aufgestellt.

Er ist der Meinung, dass wir, die Menschen der westlichen Gesellschaft, oft unzufrieden mit unserem Leben sind. Manchmal möchten wir einfach aus unserem Alltag fliehen, da wir Tag für Tag immer funktionieren müssen aber selbst oft nicht glücklich damit sind. Er findet, dass Menschen die Angst vor Flüchtlingen haben, sich manchmal provoziert fühlen, da viele der Asylbewerber ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben und geflohen sind, so, wie einige auch gerne einfach aus ihrem oft fremdbestimmten Alltagsleben fliehen möchten. Das ist ein sehr interessanter Gedankenansatz. Ich denke jedoch, dass sich eine allgemeingültige Begründung nicht finden lassen wird.

Um nochmals auf die Vorfälle in Bautzen zurückzukommen: Meiner Meinung nach ist Bautzen wieder zu schnell aus dem Bewusstsein der Medien verschwunden. Man konnte zwar vieles über den Brand in dem geplanten Flüchtlingsheim und die „Nazis“, die rechte Parolen beim Besuch des Bundespräsidenten riefen, lesen oder hören aber wenig über die genauen Hintergründe. Und selbst ich als Bürger von Bautzen fühlte mich nicht ausreichend informiert. Deshalb hakte ich beim Bautzener Pressesprecher André Wucht nach.

Als erstes fragte ich, ob mittlerweile die Brandursache restlos geklärt werden konnte. Herr Wucht konnte mir nach seinem jetzigen Stand erklären, dass es sich ausnahmslos um Brandstiftung gehandelt hat. Allerdings wird davon ausgegangen, dass die Tat nicht politisch motiviert war, weil der gelegte Brandsatz relativ professionell angefertigt war und zusätzlich genau platziert war. Nicht wie in anderen Fällen, die eine politische Motivation hatten.

Das ist meiner Meinung nach keine ausreichende Erklärung seitens Polizei und Behörden. Beziehungsweise kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bauweise eines Brandsatzes das Alleinstellungsmerkmal einer Straftat ist. Zu den Vorfällen beim Besuch des Bundespräsidenten, der angeblich mit rechten Parolen empfangen wurde, erklärte Wucht, dass die Veranstaltung ruhig abgelaufen sei und lediglich wenige Einzelpersonen vereinzelte Beschimpfungen riefen. Generell erschien alles in den Medien wesentlich dramatischer, als es war.

Wucht vermutet, dass die Vorfälle in Clausnitz, welche sich wenige Tage vor dem Brandanschlag in Bautzen abspielten, die Stimmung aufheizten und das brennende Asylheim dann der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das war sicherlich auch ein Grund für die negative Medienpräsenz von Sachsen.

Ich persönlich habe gespaltene Gefühle, wenn es um politische Angelegenheiten in meiner Heimat Sachsen geht. Einerseits musste ich schon mehrere Male beschämt und wütend vom Fernsehbildschirm wegschauen, wenn Sachsen mal wieder in Verbindung mit Fremdenhass in den Nachrichten war.

Andererseits denke ich, man darf trotzdem nicht nur schubladenartig denken, sondern sollte gezielt gegen Rechtspopulismus in seiner Heimat vorgehen. Denn meiner Meinung nach war Sachsen vor diesen Vorfällen kein „brauner Schandfleck“, und genau deshalb muss man Initiative ergreifen, damit man gezielt dieses Image loswird und man sich nicht schämen muss, wenn man den Satz sagt: „Ich komme aus Sachsen.“