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Sachsen spürt verbotene Neonazi-Musik auf

Das Landeskriminalamt entwickelt ein Analyseverfahren. Damit sollen indizierte Songs automatisch erkannt werden.

Von Thilo Alexe

Wenn Neonazis um Nachwuchs werben, nutzen sie dabei oft ein beliebtes Element der Jugendkultur: Musik. Der Besuch von Konzerten rechtslastiger Bands markiert nach Überzeugung von Verfassungsschützern in vielen Fällen den Einstieg Heranwachsender in die Szene.

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Bier, derbe Klänge sowie die meist konspirative und deshalb abenteuerliche Anreise wirken vor allem auf junge Männer verlockend. „Konzerte sind für die rechtsextremistische Szene wichtig. Sie dienen als Identifikationsmuster, zur Rekrutierung von Nachwuchs und fördern den Zusammenhalt“, sagt Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU). Auch mit der Verteilung von CDs in der Nähe von Schulen versuchen Rechtsextremisten, Jugendliche für ihre Ziele zu interessieren.

Mittlerweile ist eine stilistische Vielfalt entstanden. Dominierte über Jahre harte Gitarrenmusik samt gebrüllter Texte, sind jetzt auch vermeintlich sanftere Töne von nationalistischen Liedermachern und Rappern zu hören. Neben Liveauftritten und CDs ist das Internet ein wichtiger Faktor zur Verbreitung.

Dem will Sachsen entgegenwirken. Unter anderem durch Druck auf die Szene ist es gelungen, die Zahl der Neonazikonzerte zu reduzieren. Nun soll ein technisches Instrument Ermittlern bundesweit dabei helfen, indizierte Musik rechtsextremer Bands zu erkennen.

Intern heißt das vom sächsischen Landeskriminalamt entwickelte Verfahren „Nazi Shazam“. Shazam ist eine Anwendung für Mobiltelefone, Smartphones und Tablets zur Erkennung von Musiktiteln. Dabei wird die knappe Sequenz eines Songs mit einer Datenbank verglichen. Gibt es einen Treffer, zeigt Shazam dem Nutzer den Namen des Stücks, Interpret und weitere Angaben zur Komposition an.

Das dabei verwendete Prinzip des Audio-Fingerabdrucks machen sich nun auch Ermittler zunutze. Beschlagnahmten sie CDs, mussten sie das braune Liedgut bislang anhören und mit Vergleichsmaterial abgleichen. „Nazi Shazam“ soll das vereinfachen. Künftig sollen Polizisten per App auf dem Handy erkennen können, ob ein Song wegen rechtsextremer oder volksverhetzender Zeilen indiziert ist.

Das Verfahren setzt auf das Codieren von Frequenzen. Der so gewonnene Audio-Fingerabdruck wird verglichen mit den Codes bekannter, indizierter Rechtsrocktitel. So sollen Audio-Quellen wie Internetradios, CDs oder Musikdateien automatisch und schnell auf verbotene Lieder überprüft werden können.

Die Technologie zielt vor allem auf neonazistische Internetradios. 2011 gab es sechs davon, an denen sächsische Rechtsextremisten beteiligt waren. Im Jahr darauf registrierten Polizisten mehr als 30 solcher Sender. Mit „Nazi Shazam“ soll es einfacher werden, gegen Betreiber vorzugehen, falls sie indizierte Songs abspielen.

Innenminister Ulbig sieht die Entwicklung des Landeskriminalamts als „ schönes Beispiel für die oft geforderte Waffengleichheit. Intelligente Technik ist nicht immer eine Bedrohung, sondern kann auch deutlich mehr Sicherheit bringen.“

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Derzeit überspielen Beamte anderer Landeskriminalämter indizierte Musik nach Dresden, um das Datenmaterial für einen Abgleich zu aktualisieren. Auch die Landesinnenminister befassen sich auf ihrer bis Freitag dauernden Konferenz in Osnabrück mit der Technologie. Bis zu einem flächendeckenden Einsatz müssen sie noch Details klären. Offen ist, ob das automatisierte Identifizieren von Musik durch Polizisten per Handy bei Livekonzerten in einem Saal rechtlich zulässig ist – oder aber bereits eine juristisch problematische Aufzeichnung darstellt.