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Sachsen vergrault angehenden Physiklehrer

Nach der Promotion will Steven Reichardt als Referendar starten. Er wird abgelehnt. Ein anderes Bundesland nimmt ihn gern.

© Britta Veltzke

Von Britta Veltzke

Steven Reichardt kommt am Nachmittag aus der Schule nach Hause. Die Kinder spielen im Garten – irgendwo in einem Dorf in Sachsen. Doch das ist eine Wunschvorstellung geblieben. Eine Seifenblase, die genau in dem Moment zerplatzt, als der 35-Jährige einen Bescheid des Landesamtes für Schule und Bildung aus dem Briefkasten zieht. Eine Ablehnung. Dem Schock folgen Selbstzweifel. „Was wird nun aus mir, aus uns?“, fragt er sich.

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Nach seiner Promotion wollte der Physiker als Quereinsteiger ins Referendariat an einem Gymnasium starten. Die Fächer: Mathe und Physik. Mit dem Gedanken, Lehrer zu werden, hat er sich seit Jahren angefreundet. Reichardt gab Seminare an der Uni, hospitierte probeweise an Schulen. „Als ich die Absage in den Händen hielt, dachte ich, ich hätte die Situation völlig falsch eingeschätzt.“ Hatten nicht alle Lehrer gesagt, dass er mit dieser Fächerkombination offene Schulpforten einrennen würde? Auch laut dem zuständigen Landesamt fehlen besonders in den Naturwissenschaften Lehrer. Doch die Regeln sind, wie sie sind, argumentiert das Amt.

Zum Zeitpunkt der Absage lebt Reichardt – groß, schlaksig, verheiratet, Vater von zwei Kindern – noch in Leipzig. Den Traum vom Leben auf dem Land, wo der Lehrermangel noch mal drastischer ist als in Dresden oder Leipzig, hätte sich die junge Familie wahrscheinlich nach dem Referendariat verwirklicht. Schließlich ist Reichardt selbst zwischen Hühnerstall und Apfelbäumen aufgewachsen – und wünscht sich das Gleiche für seine Kinder. Doch selbst im Vogtland oder im Osterzgebirge hätte der promovierte Physiker eine Absage bekommen. Denn laut Prüfungsordnung hat er sich an der Uni zu wenig mit Mathe beschäftigt, insbesondere mit Geometrie. „Und das, obwohl die Physikausbildung an der Uni Leipzig besonders mathelastig ist“, erklärt Reichardt. „Offensichtlich traut man mir nicht zu, dass ich mir fehlende Fachgebiete selbst aneigne.“

Eine Chance hätte er gehabt, doch noch Mathe- und Physiklehrer in Sachsen zu werden: Dafür hätte er aber noch mal an die Uni gemusst. Leistungspunkte in Mathe nachholen. Doch das wollte er nicht.

Nur zwei Wochen nach der Absage aus Sachsen, öffnete sich eine neue Tür für Reichardt. Denn die gleiche Bewerbung hatte er auch nach Niedersachsen geschickt – und eine Zusage bekommen. Die Hürden für Quereinsteiger, die ins Referendariat starten wollen, liegen dort niedriger. Kandidaten wie Reichardt soll das den Einstieg erleichtern. „Eine Anhebung der zu erreichenden Credit-Points für das Zweitfach würde eine hohe Zahl potenzieller Bewerberinnen und Bewerber von vornherein ausschließen“, teilte eine Sprecherin des niedersächsischen Kultusministeriums mit. In einem Eignungsgespräch konnte Reichardt sein Gegenüber zudem davon überzeugen, dass er nicht nur ein guter Physiker ist, sondern auch das Zeug hätte, sein Wissen an Schüler weiterzugeben.

Die Kollegen in Sachsen sehen die Sache grundsätzlich anders. „Es gibt keinen ersichtlichen Grund, weshalb Erst- und Zweitfach unterschiedlich bewertet werden sollten.“ Beide Fächer müssen Bewerber in Sachsen im Umfang von 80 Leistungspunkten studiert haben, um zugelassen zu werden. Niedersachsen fordert lediglich 30 Punkte für das zweite Fach.

Ursula-Marlen Kruse, Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen, kann da nur mit dem Kopf schütteln. So einen Fall habe sie noch nicht erlebt. „Das neue Schuljahr wird in Sachsen mit einer riesigen Lücke anfangen. Und dann sagt man, du hast die und die Punkte nicht, die für andere Länder aber dicke reichen.“ Aus Sicht der Gewerkschaftlerin werde in Sachsen allzu oft das Haar in der Suppe gesucht. „Und dann lassen wir einen Physiker ziehen. Das ist überhaupt gar nicht verständlich. Denn der ist dauerhaft verloren.“

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Steven Reichardt, seine Frau und die zwei Kinder haben bereits die Sachen gepackt. Am ersten August hat sein Vorbereitungsdienst in Göttingen angefangen – Verbeamtung inklusive. Dass sie zurück nach Sachsen kommen, hält Reichardt für „eher unwahrscheinlich“.