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Sachsen will die Impfquote erhöhen

Viele Erwachsene sind nur unzureichend geschützt - mit zunehmendem Lebensalter sinkt der Impfschutz. Bereits bei Achtjährigen gibt es erste Lücken im Impfpass. Der Chef der Sächsischen Impfkommission fordert die Impfpflicht.

© Symbolfoto: dpa

Stephanie Wesely

Dresden. Mit zunehmendem Lebensalter sinkt der Impfschutz. Weil Eltern die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt regelmäßig nutzen, haben von den Vorschulkindern in Sachsen noch mehr als 95 Prozent alle empfohlenen Impfungen. Erste Lücken gibt es laut Landesuntersuchungsanstalt Sachsen bei den Achtjährigen. Nur bei neun von zehn besteht ein vollständiger Impfschutz. Das Ergebnis der Impfpasskontrollen bei den Zwölfjährigen ist dann schon besorgniserregend: Bei mehr als jedem Zweiten fehlen Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten.

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Da Impfungen nicht meldepflichtig sind, hat niemand einen Überblick, wie gut Erwachsene geschützt sind. Das soll sich ändern. Seit 2009 meldet die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen Impfungen an das Sozialministerium, die von Haus- und Kinderärzten abgerechnet werden. „Bis wir ein vollständiges Bild haben, wird es noch einige Jahre dauern“, so eine Sprecherin.

Um die Impfquoten wieder zu erhöhen, hat Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) den Sächsischen Impftisch ins Leben gerufen. „Wir wollen, dass Ärzte ihre Patienten stärker auf Impflücken ansprechen“, sagt sie. Außerdem sollen in Firmen Impftermine angeboten werden. Denn oft mangele es nicht an der Bereitschaft, sich impfen zu lassen, sondern an der Gelegenheit. Infektionskrankheiten sind heute längst nicht ausgerottet. Sie betreffen auch immer mehr Erwachsene, wie die Masernwelle im vergangenen Jahr zeigte. Unter den 271 Erkrankten in Sachsen waren 51 über 18 Jahre alt. Masern sind wegen der Komplikationen gefürchtet. Bei einem Erkrankten trat eine Gehirnentzündung auf. Deshalb sollten sich alle nach 1958 Geborenen impfen lassen.

Neun Tatsachen zum Impfen

1. Die Pflicht zur Impfberatung vor der Kita ist wirkungslos.

Seit Sommer 2015 müssen Eltern vor Aufnahme ihres Kindes in die Kita eine ärztliche Impfberatung nachweisen. Doch kein Kind wurde bisher abgewiesen. „Da es einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kita-Platz gibt und dafür im Gesetz keine Vorbedingungen genannt sind, gab es laut Sächsischem Sozialministerium bislang noch keine Sanktionen. Doch auch eine nachgewiesene Impfberatung sagt noch nichts über die Qualität aus: „Die Eltern können selbst entscheiden, bei welchem Arzt sie sich beraten lassen. Sie könnten also auch zu einem Impfgegner gehen“, sagt Dr. Dietmar Beier, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission.

2. Impfungen sind sicher.

Impfstoffe sind die am besten untersuchten pharmazeutischen Produkte, sagt Dietmar Beier. Laut sächsischem Sozialministerium gab es 2015 in Sachsen drei Impfschadensfälle. Das Verhältnis von Impfkomplikationen liegt unter eins zu einer Million.

3. Sechsfach-Impfungen sind nicht schädlich.

„Unser Körper muss sich jeden Tag mit vielen Krankheitserregern auseinandersetzen. Das Immunsystem ist dafür da. Eine Drei- oder Sechsfachimpfung beeinträchtigt ihn nicht“, sagt Beier. Laut Barmer GEK wurden 2014 im Vergleich zu 2009 60 Prozent mehr Dreifach- und 20 Prozent mehr Sechsfachimpfungen verabreicht.

4. Kinder haben Angst vorm Impfen. Mit Erklären lässt sich viel erreichen.

„Der Schmerz bei einer Impfung ist nicht die prägende Erfahrung. Viel bedeutender ist die Angst vor möglichen schlimmen Ereignissen und vor der Ungewissheit“, sagt Dr. Monika Niehaus, Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Thüringen. Das Empfinden der Kinder hänge oft auch von den Eltern ab. Ihre Zuversicht gebe dem Kind das Gefühl, dass das alles in Wirklichkeit nicht so schlimm ist. Aber Eltern sollten ehrlich erzählen, dass die Spritze pikst – vergleichbar mit einem Mückenstich –, und nur einige Sekunden dauert. Die Lüge „du merkst das überhaupt nicht“ richtet viel mehr Schäden an.

5. Nicht alle Impfungen sind gleichermaßen populär.

Während die Impfquote bei Masern, Mumps, Röteln, Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus noch recht hoch ist, gibt es bei Pneumokokken und Meningokokken große Lücken. „Diese Impfungen werden erst seit 2006 beziehungsweise 2004 empfohlen. Seitdem steigt die Impfrate aber kontinuierlich an“, sagt Heidrun Böhm, Referatsleiterin für Infektionsschutz im Sozialministerium Sachsen. Mit der Resonanz auf die Hepatitis-Impfung sei man auch noch nicht zufrieden. Böhm: „Hepatitis B ist Bestandteil der Sechsfachimpfung. Einige Eltern lassen aber nur die Fünffachimpfung durchführen.“ Aufgeholt wurde ebenso beim Schutz gegen die von Zecken übertragene Frühsommermeningoenzephalitis. Seit der Vogtlandkreis zum Risikogebiet erklärt wurde, steigt hier die Impfbeteiligung: Von 2013 zu 2014 auf das Dreifache, meldet das Sozialministerium.

6. Gegen die Masernimpfung gibt’s großen Widerstand. Sie ist aber wichtig.

„Bei einem von tausend Masernfällen tritt eine Gehirnentzündung auf“, sagt Heidrun Böhm. Masernviren sind zehnmal ansteckender als Grippe. Jeder Erkrankte infiziert zwölf bis 18 Personen, hat das nationale Referenzzentrum für Masern, Mumps, Röteln am Robert-Koch-Institut ermittelt. Ebenso schwerwiegend sind Röteln vor allem für Schwangere und Mumps. Bei Männern kann Mumps zur Zeugungsunfähigkeit führen. Gegen alle drei Krankheiten wird auf einmal geimpft.

7. Die Masern werden nicht wie versprochen bis 2020 ausgerottet sein.

Diese Frist von der Weltgesundheitsorganisation ist schon einmal um zehn Jahre hinausgeschoben worden, denn die Masern sollten bereits 2010 bekämpft sein. „Doch auch 2020 ist illusorisch. Dazu müssten mindestens 95 Prozent der Bevölkerung zwei Masernimpfungen haben. Und das schaffen wir gerade bei den unter Sechsjährigen“, sagt Beier. Im letzten Jahr gab es in Deutschland wieder Tausende Erkrankte.

8. Außer Pocken ist noch keine Infektionskrankheit ausgerottet.

Polioerkrankungen gab es seit sechs Jahren keine mehr. „Doch derzeit tritt Polio wieder in Afghanistan und Pakistan auf. Aufgrund der Flüchtlingsbewegung können auch Erkrankungen nach Europa kommen. Ist der Impfschutz der Bevölkerung aber entsprechend hoch, wird eine Ausbreitung verhindert“, sagt Heidrun Böhm.

9. Viele Erwachsene wissen nicht mal, wo ihr Impfpass ist.

„Wir empfehlen in solchen Fällen, lieber den kompletten Impfschutz nachzuholen, als ungeschützt zu sein“, sagt Dietmar Beier. Man kann bei einigen Erkrankungen auch anhand einer Blutuntersuchung feststellen lassen, ob Antikörper existieren.

Stephanie Wesely

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Auch Keuchhusten wurde voriges Jahr rund 400 Mal in Sachsen diagnostiziert, überwiegend bei Erwachsenen. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Erkrankte haben wochenlang einen trockenen Husten, der die Erreger verteilt. Insofern plädiert der Vorsitzende der Sächsischen Impfkommission, Dietmar Beier, für eine Impfpflicht. „Das hat aber nichts mit einem Impfzwang zu tun. Den gab es auch in der DDR nicht. Aber eine Pflicht hat zur Folge, dass der Staat die Voraussetzungen für eine hohe Impfbeteiligung schaffen muss.“ Für Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) stellt sich die Frage einer Impfpflicht noch nicht. Sie möchte lieber die Vorteile in den Mittelpunkt stellen und aufklären. In Sachsen gibt es etwa drei Prozent Impfverweigerer – darunter zum Beispiel Naturärzte und Heilpraktiker. Aus ihrer Sicht enthalten Impfstoffe Schwermetalle.