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A17-Baustelle: Ärger um Abbruch-Beton

Das Material wird zu einer Recyclinganlage in Kesselsdorf gefahren, für die es offenbar keine Genehmigung gibt. Der Betreiber wiegelt ab.

In Kesselsdorf betreibt ein Bauunternehmen diesen Recyclingplatz. Die Behörden prüfen nun, ob Genehmigungen umgangen wurden.
In Kesselsdorf betreibt ein Bauunternehmen diesen Recyclingplatz. Die Behörden prüfen nun, ob Genehmigungen umgangen wurden. © Daniel Schäfer

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Im Hintergrund sattgrüne Laubbäume, davor eine Wüste. Meterhoch türmen sich hier Betonreste zu hohen Bergen. Ein Brecher steht mitten in dem Gelände, das offenbar aufgeschüttet ist und ebenfalls aus Betonbruch besteht. Es dröhnt und rattert, Staub zieht über die Inselallee in Kesselsdorf.

Was auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Recyclingplatz aussieht, könnte zum Politikum werden. Denn laut Behörden gibt es für die Anlage keine Genehmigung. Dabei handelt es sich wohl vor allem um Betonbruch, der von der nahe gelegenen Baustelle auf der A17 abtransportiert wurde.

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Die Fragen, die sich nun stellen, sind folgende: Wird der Autobahnbeton ohne Genehmigung recycelt und ohne große Kontrollen wieder in Umlauf gebracht? Und wurden oder werden dabei Umwelt- und Sicherheitsaspekte missachtet? Bei einem Bauauftrag, der letztendlich vom Steuerzahler finanziert wird?

Schwerlastverkehr setzt der Autobahn zu

Das wäre für die bundeseigene Autobahn GmbH eine zumindest unangenehme Situation. Das Unternehmen ist mit seiner Niederlassung Ost für die A17 zuständig. Seit Monaten wird dort gebaut. Derzeit ist die Fahrtrichtung Prag betroffen. Die Ausfahrt Gorbitz ist gesperrt.

Es geht darum, die Betonoberfläche komplett auszubauen und die Spuren stattdessen zu asphaltieren. Denn die Schäden an der gerade einmal 20 Jahre alten Autobahn sind so massiv, dass Reparaturen nichts mehr bringen.

Die Autobahn GmbH nennt dafür mehrere Gründe. Zum einen ist der Abschnitt stark befahren, insbesondere der Schwerlastverkehr setzt den Fahrbahnen zu. Zum anderen trat in diesem Abschnitt das Problem des sogenannten Betonkrebses auf, einer chemischen Reaktion, die zu Rissen führt.

Noch bis zum November werden sich die Arbeiten auf der A17 hinziehen. Es wird in verschiedenen Abschnitten gebaut. Auftragnehmer das Unternehmen Richard Schulz mit seiner Tochtergesellschaft im brandenburgischen Schwarzheide.

Ein Bild vom Mai dieses Jahres: Der Beton auf den Spuren in Fahrtrichtung Prag wurde abgebrochen beziehungsweise abgefräst.
Ein Bild vom Mai dieses Jahres: Der Beton auf den Spuren in Fahrtrichtung Prag wurde abgebrochen beziehungsweise abgefräst. © Foto: Egbert Kamprath

Betonbruch kommt nach Kesselsdorf

Der abgetragene Beton wird vom Unternehmen Müller Trans Dresden ins Gewerbegebiet Kesselsdorf abgefahren. Dort hat Müller einen kleinen Recyclinghof. Der Betonbruch geht jedoch nicht an diese Adresse, sondern landet an der Inselallee 14.

Wie aus dem Nichts ist dort in diesem Frühjahr eine neue Recyclinganlage entstanden. Und sie gehört nicht Müller Trans, sondern einem Bauunternehmen aus dem Moritzburger Ortsteil Boxdorf, der Firma Papai.

"Ja, wir verwerten dort den Autobahnbeton. Wir brechen ihn vor Ort. Das ist gutes Material und kann wiederverwendet werden, zum Beispiel im Straßenbau", sagt Firmenchef René Papai.

Laut Auftraggeber, der Autobahn GmbH, sind bereits mehrere tausend Kubikmeter Beton an die Stelle gebracht worden: " Nach aktuellem Stand sind zirka 3.600 Kubikmeter Beton abgebrochen und 900 Kubikmeter gefräst. Es ist davon auszugehen, dass dies einem Viertel der Gesamtmenge entspricht", sagt Unternehmenssprecher Tino Möhring. Dumm bloß, dass den Aufsichtsbehörden diese Aufbereitungsanlage überhaupt nicht bekannt ist.

Anonymer Hinweis im Rathaus

Aufgefallen ist das erst vor einigen Tagen. Da gab es im Wilsdruffer Rathaus einen anonymen Anruf mit einem Hinweis auf die Firma Papai. So berichtet es Bauamtsleiter André Börner. "Für den Betrieb der Anlage ist aus unserer Sicht eine Genehmigung nach Bundesimmissionsschutzgesetz erforderlich. Die Stadt ist im Verfahren zu beteiligen, was bisher nicht erfolgte", sagt Börner. Er nennt den Vorgang "befremdlich".

Das ist noch nett ausgedrückt. Das Grundstück an der Inselallee liegt an einem Hang und war zuletzt stark zugewachsen. Hinter dem Grundstück befindet sich ein Baumgürtel, dort fließt auch der Zschonerbach entlang. Um Platz für die Arbeiten zu haben, wurden Bäume gerodet. Dann wurde der Hang mit Betonbruch mehrere Meter so aufgeschüttet, dass eine ebene Fläche entstand.

Auf dieser stand noch bis vergangenen Dienstag die Brecher- und Siebanlage. "Das ist unser Grundstück, wir können damit machen, was wir wollen", sagt Firmen-Chef Papai. Und übrigens: Das sei nur eine zeitweilige Sache, in Zukunft plane er dort etwas ganz anderes, der Betonbruch komme wieder weg. "Da ist nichts illegal."

Amt verweist auf Immissionsschutz

Laut § 10 Bundesimmissionsschutzgesetz sind Anlagen, die unter anderem hinsichtlich Lärm- und Staubentwicklung problematisch sind, genehmigungspflichtig. Ausdrücklich sind dort Brecheranlagen aufgeführt.

Außerdem ist auch die Lagerung von Abfällen - und Bauschutt ist zunächst einmal ein Abfall, auch wenn er später wieder aufbereitet wird - genehmigungspflichtig. So zumindest sieht man das im Landratsamt: "Nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz werden Grundstücke, auf denen Stoffe gelagert oder abgelagert oder Arbeiten durchgeführt werden, die Emissionen verursachen können, als Anlagen betrachtet." Und eine solche sei in der Regel genehmigungspflichtig, auch wenn das Grundstück in einem ausgewiesenen Gewerbegebiet liege.

Auf die Frage, ob ein Gelände einfach so in der Höhe mit dem Betonbruch aufgefüllt und geebnet werden kann, heißt es: "Nein, hier greifen neben immissionsschutzrechtlichen auch Bauplanungs-, bauordnungsrechtliche, naturschutzrechtliche oder abfallrechtliche Aspekte."

Landratsamt schickt Kontrolleure los

Genügend Gründe also für eine Stippvisite vor Ort. Denn es gibt ein weiteres Problem: der Betonkrebs. Er entsteht, wenn beim Bau stark alkali-kieselsäurehaltiges Material verwendet wird. Die nachfolgende chemische Reaktion in Verbindung mit Verkehrsbelastung führt zu Rissen in der Betonoberfläche. Auch die A17 sei in dem Bereich ansatzweise davon betroffen, heißt es seitens der Autobahn GmbH.

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Beim Recycling bedeutet das, dass der Krebsbeton mit unbelastetem Material vermischt werden muss, um einen unbedenklichen Baustoff zu erhalten. René Papai weiß das besser: "Alles Quatsch", poltert er am Telefon. "Die Autobahn ist kaputt, weil beim Bau schlechte Zuschlagsstoffe im Beton verwendet wurden und der Verkehr inzwischen weit über den einstigen Prognosen liegt."

Im Landratsamt versichert man, man werde die Vorgänge an der Inselallee genau prüfen. Demnächst sollen umfangreiche Kontrollen stattfinden.

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