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Erster Schnee für die Firma

Der Winterdienst pflügt jetzt als GmbH über die Autobahn. Was ändert das? Auf Achse mit der Meisterei in Goppeln.

Heiß auf Schnee und Eis: Florian Oertel und sein MAN. Der 19-Jährige aus Mohorn gehört zu den jüngsten Straßenwärtern der neuen Autobahn GmbH.
Heiß auf Schnee und Eis: Florian Oertel und sein MAN. Der 19-Jährige aus Mohorn gehört zu den jüngsten Straßenwärtern der neuen Autobahn GmbH. © Daniel Schäfer

Er hatte einen Traum. Einen Traum von orangen Autos. Seit er denken konnte, waren sie in seinem Kopf. Und dann waren sie in seinem Kinderzimmer, eine ganze Straßenmeisterei von Playmobil. Heute sitzt er in so einem Auto drin. Es ist ein zwanzig Tonnen schwerer MAN, dessen Räumschilder zwei Fahrspuren auf einmal beackern. Winterdienst, sagt er, ist sein Liebstes. "Die Breite, die Größe - das ist beeindruckend. Das macht Spaß."

Florian Oertel, alle nennen ihn Flori, ist 19 Jahre alt und Straßenwärter bei der Autobahnmeisterei Nickern in Goppeln. Gelernt hat er seinen Traumberuf beim Freistaat Sachsen, bis voriges Jahr im Herbst. Das Wappen trägt er immer noch auf der Brust. Doch die Mütze auf dem Kopf ziert ein anderes Logo, ein großes A, und daneben "Die Autobahn".

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Am 1. Januar enthüllt: Das neue "Firmenschild" am Sitz der Autobahnmeisterei Nickern an der A 17 bei Goppeln.
Am 1. Januar enthüllt: Das neue "Firmenschild" am Sitz der Autobahnmeisterei Nickern an der A 17 bei Goppeln. © Daniel Schäfer

Flori ist einer der jüngsten unter künftig bis zu 15.000 Mitarbeitern der Autobahn GmbH. Mit Jahresbeginn hat die Gesellschaft, zu hundert Prozent Bundeseigentum, die Hoheit über Bau, Betrieb, Verwaltung und Finanzierung des 13.000 Kilometer langen deutschen Autobahnnetzes übernommen. Auch die sechzig Kilometer der Autobahnmeisterei Nickern zwischen Dreieck Nossen und tschechischer Grenze gehören jetzt zur GmbH. Am 1. Januar wurde das "Firmenschild" am Tor des Goppelner Betriebshofs enthüllt.

Wohl der erste richtige Winter seit Jahren

Der Akt fand im kleinen Kreise statt, ohne Sekt und große Feier. Das dürfte Ronny Hamann, dem Autobahnmeister, nur recht gewesen sein. Denn am straffen Pensum für seine Leute hat sich nichts geändert. Der Betrieb muss laufen. Gerade heute. Es ist Wintereinbruch. Kein extremer, aber immerhin ein Winter. Offenbar wird es der erste richtige seit Jahren.

In Aufbruchsstimmung: Autobahnmeister Ronny Hamann. Das Gemälde in seinem Büro zeigt die Autobahn am Tanneberger Loch in den 1950ern.
In Aufbruchsstimmung: Autobahnmeister Ronny Hamann. Das Gemälde in seinem Büro zeigt die Autobahn am Tanneberger Loch in den 1950ern. © Daniel Schäfer

Ronny Hamann ist ein erfahrener Autobahner. Bevor er Meister von Nickern wurde, war er zehn Jahre Chef der Meisterei Weißenberg in der Lausitz, davor hier und da als Vize eingesetzt. Nach all den Jahren im Staatsdienst zur GmbH zu wechseln, fiel ihm nicht allzu schwer. Er identifiziert sich mit dem neuen Namen, und hat, so sagt er, auch seine gut vierzig Mitarbeiter dazu gebracht. Nicht ohne Überzeugungsarbeit zwar. Aber letztlich bestand keiner darauf, Angestellter des Freistaats zu bleiben.

Meistereien gehen geschlossen zur Firma

Offenbar lief es anderswo ganz ähnlich. Nach Aussage der GmbH-Niederlassung Ost in Halle, zu der in Sachsen neben Nickern noch fünf weitere Meistereien, unterm Strich rund 500 Kilometer Autobahn, gehören, war die Wechselbereitschaft sehr hoch. Bei den Meistereien habe sie nahezu 99 Prozent betragen. Insgesamt seien rund 300 Mitarbeiter aus der sächsischen Landesstraßenbauverwaltung zur GmbH gegangen.

Endlich mal Winter: Im Salzlager der Meisterei Nickern fehlen schon wieder tausend Tonnen. Das meiste wurde seit dem Jahreswechsel verbraucht.
Endlich mal Winter: Im Salzlager der Meisterei Nickern fehlen schon wieder tausend Tonnen. Das meiste wurde seit dem Jahreswechsel verbraucht. © Daniel Schäfer

Die Reform gilt als die größte in der Geschichte des deutschen Autobahnwesens. Durch die Bündelung der Aufgaben sollen die Ressourcen effektiver genutzt, die Qualität der Verkehrsbauten vereinheitlicht werden. In Sachsen hatte bislang das Landesamt für Straßenbau und Verkehr für die Autobahn gesorgt. Und das nicht schlecht, wie Meister Hamann findet. Wünsche wurden berücksichtigt, moderne Technik angeschafft. "Wir können uns überhaupt nicht beklagen."

Aufbruchsstimmung nach der "Stunde Null"

Dennoch spricht der Meisterei-Chef von einer Aufbruchsstimmung, die nun in seinem Haus herrscht. Wohin dieser Aufbruch führt, weiß er zwar noch nicht genau. Der Dienst laufe vorerst weiter wie immer. Er kann weiter Material einkaufen, seine Technik warten lassen. Die Neuigkeiten lägen auf der Verwaltungsebene. So kurz nach der "Stunde Null" müsse man noch sehen, wie die Gesellschaft verschiedene Dinge anpacke. Mittun wollen er und seine Leute auf jeden Fall. "Etwas Neues zu gestalten - das motiviert."

Typisch Wintereinbruch: Ein Autotransporter steht am Donnerstag beim Landschaftstunnel nahe Heidenau quer. Im Stau steckte auch der Winterdienst fest.
Typisch Wintereinbruch: Ein Autotransporter steht am Donnerstag beim Landschaftstunnel nahe Heidenau quer. Im Stau steckte auch der Winterdienst fest. © Marko Förster

Die Niederlassung Ost, so sagt Sprecher Tino Möhring, befindet sich nach wie vor im Aufbau. Dabei würden alle "Baustellen" sichtbar. Zu diesen Baustellen gehört das firmeneigene IT-System. Dessen Entwicklung sei in den letzten Monaten intensiv vorangetrieben worden. Es funktioniere und würde nun bis Ende Februar stufenweise hochgefahren. Im Augenblick konzentriere man sich auf die Kernprozesse, insbesondere auf die Bezahlung von Gehältern und Rechnungen, auf die Bestellvorgänge und die Anlage von Verträgen.

Räumfahrzeug kämpft sich durch den Stau

Gegen den Schnee können Computersysteme nichts ausrichten. Da hilft nur räumen und streuen. Neun Fahrzeuge lässt Meister Hamann an diesem Morgen auf der A 4 und der A 17 kreiseln, das Maximum. Die Frühschicht hat er schon drei Uhr morgens antreten lassen, damit sie die Nachtschicht im Winterkampf verstärkt. Auch diesmal wird wieder der eine oder andere meckern, der Winterdienst habe verschlafen. Das ärgert ihn nicht mehr. Man ist abgehärtet. "Wir können nicht mehr tun als fahren."

Bahn frei! Florian Oertels Räumfahrzeug schiebt an der Meuschaer Höhe bei Dohna Schneereste von der dritten Spur der A 17.
Bahn frei! Florian Oertels Räumfahrzeug schiebt an der Meuschaer Höhe bei Dohna Schneereste von der dritten Spur der A 17. © Daniel Schäfer

Trotz allem: Probleme wird es immer geben. So auch heute: Ein Sattelzug mit Autos hat sich an der Landschaftsbrücke bei Heidenau quer gestellt. Zwanzig Kilometer Stau. Darin steckte auch Flori mit seinem Räumwagen fest. Zum Glück, erzählt er, haben einige Lasterfahrer für ihn Platz gemacht, ihn mit Winkzeichen an ihren Fahrzeugen vorbei dirigiert. Es geht um Zentimeter. Flori konnte sich durchschlängeln, dabei noch etliche Kilo Tausalz unter die Reifen der Wartenden werfen. "Damit die später auch wieder wegkommen."

Beats aus dem Handy machen gute Laune

Jetzt ist er schon wieder auf Tour. Prohlis - Pirna - Prohlis. Der Flockenwirbel ist verebbt, der Quersteher an den Rand gezogen. Flori kann in Ruhe den restlichen Schnee von der Piste schieben. Dazu lässt er schnelle Beats via Handy aus dem Bordradio wummern. Reguläre Sender werden irgendwann langweilig, wenn man acht Stunden auf dem Laster sitzt. Mit der eigenen Musik fährt sich's besser. "Da kriegt man gleich gute Laune."

Das Gefühl für die Breite: Beim Schneeräumen liegen zwischen Schiebeschild und Leitplanke nur ein paar Zentimeter.
Das Gefühl für die Breite: Beim Schneeräumen liegen zwischen Schiebeschild und Leitplanke nur ein paar Zentimeter. © SZ/Jörg Stock

Die geht auch nicht weg, als wieder mal ein Auto von hinten mit Lichthupe drängelt. Schnee räumen geht nicht im Schweinsgalopp. Das macht Technik und Leitpfosten kaputt. Und wenn der Matsch bis in den Gegenverkehr fliegt, sagt Flori, finden das die Autos dort auch nicht so schön. Dass mancher kein Verständnis hat für die orangen Autos, kann er abhaken. Er liebt sie jedenfalls noch immer. Auch mit GmbH. "Ich weiß nicht, warum das nicht klappen sollte."

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