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Kalt erwischt

Mit der Autobahnpolizei Bautzen auf der Suche nach überladenen Lkw und Fahrern im Drogenrausch. Und Kripo-Fahnder jagen Autodiebe und Schwarzarbeiter.

Der ukrainische Fahrer einer polnischen Firma fährt japanische Autos auf einem in Frankreich zugelassenen Transporter nach Osteuropa - und hat genau einen Pkw zu viel geladen.
Der ukrainische Fahrer einer polnischen Firma fährt japanische Autos auf einem in Frankreich zugelassenen Transporter nach Osteuropa - und hat genau einen Pkw zu viel geladen. © Matthias Schumann

Die beiden Polizisten bemerken es sofort: Der Pkw-Transporter vor ihnen auf der Autobahn ist zu lang und von den neun geladenen Toyotas ist genau einer zu viel drauf. Sie geben Gas, beschleunigen ihren Streifenwagen, wechseln nach links auf die Überholspur, ziehen vorbei und setzen sich vor den Lkw. Die Leuchtschrift im Heckfenster blinkt: Follow me. Bitte folgen. Das Polizeifahrzeug lotst den Transporter zum nächsten Parkplatz.

Es ist Ludwigsdorf, unmittelbar vor der polnischen Grenze. Pech gehabt. Der Ausweis des Fahrers wird kontrolliert und gleichzeitig eine Fahndungsabfrage ausgelöst, ob was gegen ihn vorliegt. Ins Röhrchen pusten muss er auch noch. Alles negativ, der Fahrer nimmt’s locker. Dann wird das Maßband rausgeholt und der Lkw vermessen. Tatsächlich ist der Transporter knapp einen Meter zu lang, so dass ein Auto mehr darauf passt als erlaubt. So sieht’s aus: Der ukrainische Fahrer einer polnischen Firma fährt einen nicht korrekt beladenen Transporter mit französischem Kennzeichen und japanischen Autos Richtung Osteuropa. Die Globalisierung treibt auch auf der A4 ihre Blüten.

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Geschäfte im Gebüsch

Für Polizeikommissar Thomas Pietsch (34) und Polizeihauptmeister Norman Herrmann (47) von der Autobahnpolizei hatte um sieben Uhr der Dienst bei ausgesprochenem Mistwetter gerade erst begonnen. In Bautzen Ost waren sie zu ihrer täglichen Runde auf die A4 aufgefahren, die sie erst zur Grenze, dann Richtung Dresden und zurück nach Bautzen führt. Schon nach wenigen Minuten entdeckten sie am Rastplatz Wiesaer Forst einen Mann im Gebüsch. Auch er muss seinen Ausweis zeigen. Der polnische Lkw-Fahrer hatte sich erleichtert, weil er, wie er zu verstehen gab, auf der Toilette Angst vor Corona hat. 10 Euro wird er los. Wenn das jeder täte. Bis 50 Euro hätten die Polizisten ihm dafür abnehmen können.

Polizeikommissar Thomas Pietsch und Polizeihauptmeister Norman Herrmann in ihrem rollenden Polizeibüro.
Polizeikommissar Thomas Pietsch und Polizeihauptmeister Norman Herrmann in ihrem rollenden Polizeibüro. © Matthias Schumann

Auch der lockere Fahrer des Pkw-Transporters wird milde behandelt. 85 Euro soll der Ukrainer Strafe zahlen, und weil er die nicht hat, darf er überweisen. Und weil er bereits an der Grenze steht, muss er den überzähligen Pkw nicht abladen, wie es sonst üblich ist. Die polnische Firma allerdings wird richtig zur Kasse gebeten. 1.000 bis 1.500 Euro Strafe wird das kosten, schätzt der erfahrene Polizeihauptmeister Herrmann. Die Firma hat die Sicherheit des Verkehrs gefährdet und sich einen unerlaubten Wettbewerbsvorteil verschafft. Worauf die Polizei alles achtet.

Fußnägel auf dem Armaturenbrett

In Ludwigsdorf wenden die Beamten ihren Wagen und fahren in der Gegenrichtung zurück. Manchmal schleicht die Streife die Autobahn entlang, dann wieder beschleunigt sie plötzlich stark, zieht auf die Überholspur und fährt eine Zeit lang neben einem Lkw auf gleicher Höhe her. Dabei bekommen die Polzisten immer wieder Erstaunliches zu sehen: Handytelefonate, freihändiges Fahren während des Frühstücks, eingeschaltete Videos. Der Knaller bisher: Fußnägelschneiden auf dem Armaturenbrett. Alles können die Polizisten aus ihrem Fahrzeug heraus nicht erkennen, deshalb kommt immer mal ein ziviler Bus zum Einsatz, von dem aus Beamte die Lkw-Fahrer auf gleicher Höhe beobachten.

Sven Kaczmarek in der Leitstelle der Autobahnpolizei Bautzen. Er koordiniert von hier aus die Polizeistreifen.
Sven Kaczmarek in der Leitstelle der Autobahnpolizei Bautzen. Er koordiniert von hier aus die Polizeistreifen. © Matthias Schumann

Der Chef der Verkehrspolizeiinspektion, Polizeioberrat Frank Wobst, hält die Kontrollen natürlich für wichtig. Denn ihn treibt die enorme Zunahme des Verkehrs auf der A4 um. Seit 2010 hat allein der Schwerverkehr zwischen Dresden und der polnischen Grenze um 90 Prozent zugenommen. Außerdem waren an 58 Prozent der Unfälle 2020 ausländische Kraftfahrer beteiligt, für seine Polizisten schon mal sprachlich ein ziemliches Problem. Frank Wobst ist stolz darauf, dass die Zahl der Unfälle im vergangenen Jahr von 636 auf 543 zurückgegangen ist. Dank Corona, und weil es weniger Baustellen gab und bessere Assistenzsysteme in den Fahrzeugen. Auch seine Leute, ist er sicher, haben einen Anteil an den guten Zahlen.

Verdächtige Zunge

Natürlich hat die Autobahnpolizei auch die Pkw-Fahrer im Blick. Neben den beliebten Geschwindigkeitskontrollen achten Thomas Pietsch und Norman Herrmann auf unsichere Fahrzeuge – und unsichere Fahrer. So fällt der Verdacht kurz vor Salzenforst auf einen jungen Mann in einem kleinen roten Renault. Durch die geschlossenen Autofenster hindurch glauben die Polizisten, ein verdächtiges Augenpaar erkannt zu haben. Sie holen den Renault von der Autobahn. Drogentest. Der junge Pole bestreitet, irgendwas genommen zu haben. Die Polizisten erkennen geweitete Augen. Sie prüfen die Zunge. Ist sie rissig? Der Verdacht bestätigt sich, jetzt gibt’s den Drogentest, einem Corona-Schnelltest ähnlich. Damit ist aufzuklären, um welche Droge es sich handelt und wie hoch die Konzentration ist. Nach einer Viertelstunde ist klar: Der junge Mann hat Cannabis konsumiert, keine hohe Konzentration. Vielleicht hat er das Zeug am Abend zuvor geraucht. Ärger gibt das auf jeden Fall. Eine andere Polizeistreife wird gerufen, die ihn ins Krankenhaus zum offiziellen Drogentest bringt. Bestätigt sich das Ergebnis, drohen 500 Euro Strafe, ein Monat Fahrverbot und zwei Punkte. Im Wiederholungsfall verdoppeln sich die Strafen.

Auch die Kripo ist auf der A4 unterwegs. Sie versucht, gestohlene Autos aufzuhalten - und Schwarzarbeiter.
Auch die Kripo ist auf der A4 unterwegs. Sie versucht, gestohlene Autos aufzuhalten - und Schwarzarbeiter. © Matthias Schumann

In der Leitstelle vom Autobahnrevier Bautzen kann unterdessen Sven Kaczmarek auf mehreren Bildschirmen verfolgen, wo die Polizeistreife Pietsch/Herrmann und die anderen auf der A4 gerade unterwegs sind. Wenn jemand den Notruf wählt, um einen Unfall oder ein liegengebliebenes Fahrzeug zu melden, dann schickt er die Streife hin, die gerade in der Nähe ist. Sind Straftaten im Spiel, Tankbetrug etwa oder geriet zufällig ein Dieb in die Kontrolle, dann bekommt die Kriminalpolizei ein Signal. Die Kooperation funktioniert.

Während die Autobahnpolizei mit ihren Fahrzeugen auf der A4 gut zu erkennen ist, fallen Fahnder der Kriminalpolizei oft gar nicht auf. Denn die gemeinsamen Streifen von Bundes- und Landespolizisten nutzen PS-starke Zivilfahrzeuge. Am ehesten sind sie mal an der Grenze bei Ludwigsdorf zu entdecken, wo sie startbereit in Parkbuchten auf verdächtige Fahrzeuge warten. Ihre Schwerpunkte: die illegale Einreise von Schwarzarbeitern – und die illegale Ausreise gestohlener Autos.

Gestohlen wird alles was Räder hat

Polizeioberkommissar Mike Israel berichtet in seiner Dienststelle, nur ein paar Straßen von der Autobahnpolizei entfernt, von einem teuren Mercedes Benz GLC, der kürzlich in Pforzheim entwendet wurde. Die sächsischen Fahnder wurden informiert, dass die Flucht Richtung Polen wahrscheinlich sei. Und tatsächlich entdeckten sie das Auto am nächsten Morgen auf der A4 kurz vor der Grenze. Eine filmreife Verfolgungsjagd endete mit der Festnahme eines 36-jährigen Polen. Er hatte keinen Führerschein und stand unter Drogen. Israel: „Die meisten Fahrer sind junge Männer mit Geldproblemen, die mit dem Autodiebstahl selbst nichts zu tun haben. Sie werden mit Transportern nach Deutschland gefahren und holen die Autos nur ab.“ Gestohlen werden neuerdings nicht mehr nur Nobelmarken, sondern alles, was Räder hat, und sei es zur Ersatzteilgewinnung. Allerdings scheint der Autodiebstahl über die A4 rückläufig zu sein, wegen des Fahndungsdrucks – 2020 wurden immerhin 23 gestohlene Autos abgefangen – und der inzwischen recht guten Zusammenarbeit mit der polnischen Polizei.

Hintergrund: Wo kann man beten an der A4?

Ärger mit der Polizei? Stress mit quengelnden Kindern im Auto? Oder einfach nur müde? Dann ist eine kleine Pause sinnvoll, die nicht nur auf einem Parkplatz, sondern auch in einer Autobahnkirche Ruhe, Einkehr und Besinnung bringen kann. Zwei davon gibt es auf dem sächsischen Abschnitt der A4, beide stehen Christen wie Konfessionslosen ganztags offen.

Die Autobahnkirche Uhyst am Taucher liegt im zweisprachigen Gebiet, sie ist auf dem Weg von Dresden nach Bautzen gut von der A4 aus zu erkennen. Die Kirche wurde 1801 geweiht, ein Vorgängerbau ist seit 1412 bekannt. Es ist eine Saalkirche mit einem 40 Meter hohen Turm. Die Kirche wird auch für Konzerte und Vorträge genutzt.

Die zweite Autobahnkirche, die Jacobikirche in Wilsdruff, ist von der A4 nicht ganz so schnell zu erreichen, sie liegt mitten in der Stadt. Ein Besuch lohnt schon deshalb, weil das 1150 erbaute Gotteshaus die älteste romanische Saalkirche Sachsens ist. Sie wurde in den vergangenen über 800 Jahren so gut wie nicht verändert. Sie ist einfach und klar gegliedert, durch kleine romanische Rundbogenfenster fällt das Licht herein. Die Kirche wurde jahrhundertelang kaum genutzt, weil Wilsdruff früh eine Stadtkirche baute, in deren Schatten sie blieb. Nun fand sie eine neue Bestimmung. (ok)

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Mindestens genauso zu schaffen macht den Fahndern die illegale Einreise von Schwarzarbeitern, die vorwiegend aus der Ukraine und Moldawien kommen. Polizeihauptkommissar Sven Levora, der die Gemeinsame Einsatzgruppe Oberlausitz mit Sitz in Zittau führt, berichtet von Frauen, die im Westen als Pflegekräfte arbeiten wollen, meistens ungelernt. Sie verdienen etwa 900 Euro im Monat für 24-Stunden-Pflege sieben Tage die Woche. Oft gehen noch mehrere Hundert Euro für die Miete ab. „Das ist Ausbeutung“, wird Levora recht deutlich. In einem anderen Fall hat ein ukrainischer Elektriker für 1.000 Euro einen tschechischen Ausweis gekauft, er wollte in einer deutschen Firma schwarzarbeiten. Oft werden die Illegalen erst auf der Heimfahrt von den Fahndern erwischt. Sie verraten sich durch Arbeitskleidung, meist haben sie Tausende Euro dabei, die sie sich verdient hatten. Die Polizei kennt da keine Gnade: Das Geld wird ihnen abgenommen.

Polizisten können auch nett sein. Thomas Pietsch und Normann Herrmann sicherten während ihrer Streifenfahrt auch schon umsichtig Unfallstellen ab und begleiteten einen Tankwagen mit geplatztem Reifen im Schritttempo zum nächsten Parkplatz.

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Und sie sind auch gar nicht sauer, wenn sich ein Verdacht mal nicht bestätigt. So hatten sie einen Lastwagen aus dem Verkehr gezogen, der einen überladenen Eindruck machte. Aber die Ladefläche war leer. Fahrer Werner Härtel feixte dazu und erzählte, wie er im Auftrag der Dresdner Justizvollzugsanstalt gerade Brot und Wurst aus eigener Herstellung an andere Haftanstalten geliefert hatte. Außerdem könne ihn sowieso nichts mehr erschüttern, er geht in ein paar Tagen in Rente.

Allerdings entdeckten die Polizisten doch noch eine abgelaufene Tüv-Plakette Irgendetwas findet sich eben immer. Die JVA kann sich schon mal auf Post freuen.

Alle Teile unserer Reportagen-Serie "Lebensader A4" finden Sie hier.

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