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Wenn’s mal wieder kracht an der Wilden Sau

Nach Unfällen auf der Autobahn 4 hat die Wilsdruffer Feuerwehr richtig Stress. Und in der Stadt herrscht stundenlang Ausnahmezustand. Den Bürgern reicht es.

Die Wilsdruffer Feuerwehr ist in wenigen Minuten am Unfallort, wenn es wieder gekracht hat auf der A4. Stadtwehrleiter Falk Arnhold (vorn), Ortswehrleiter Daniel Quint und der Stellvertreter für Technik Daniel Menzel sorgen dafür.
Die Wilsdruffer Feuerwehr ist in wenigen Minuten am Unfallort, wenn es wieder gekracht hat auf der A4. Stadtwehrleiter Falk Arnhold (vorn), Ortswehrleiter Daniel Quint und der Stellvertreter für Technik Daniel Menzel sorgen dafür. © MS_2021_copyright

Mitten in der Nacht in der Nähe der Autobahnabfahrt Wilsdruff: Ein Lkw mit 23 Tonnen Bananen kommt von der Fahrbahn ab, prallt zunächst links gegen die Leitplanke. Dann reißt der Fahrer das Lenkrad herum, der Laster rauscht nach rechts quer über die dreispurige Fahrbahn, kommt ins Schleudern und kippt in den Straßengraben. Wahrscheinlich hat den rumänischen Fahrer der Sekundenschlaf erwischt.

Wenn es wieder gekracht hat nachts am Unfallschwerpunkt über dem Tal der Wilden Sau, dann dauert es nur wenige Augenblicke, bis der Stress losgeht in den Schlafzimmern der Feuerwehrleute. Meist ruft ein Augenzeuge des Unfalls die 112 an, ein Dispatcher in Dresden prüft die Fakten und löst Alarm aus bei den Feuerwehren in Wilsdruff und Klipphausen. Zweimal pro Woche geht das meistens so. Oft nachts, oft am Wochenende.

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In acht Minuten am Unfallort

Stadtwehrleiter Falk Arnhold bekommt dann wie alle seine 44 Kameraden eine SMS mit den wichtigsten Angaben: was, wo, welcher voraussichtliche Schaden. In Sekunden ist er aus dem Bett, hat sich angezogen, bei schweren Fällen macht er sich selbst auf den Weg zum Feuerwehrhaus. Ein bis zwei Minuten nach dem Alarm sind die Ersten vor Ort. Fast immer ist Ortswehrleiter Daniel Quint der Erste. Kein Wunder, er wohnt im Feuerwehrhaus. Alle streifen schnell ihre feuerfesten Anzüge über, springen in die Stiefel, Helm auf. Zweieinhalb bis fünf Minuten dauert es nach dem Alarm, bis die Feuerwehren ausrücken. Praktischerweise liegt das Feuerwehrhaus nur wenige hundert Meter von der Autobahnauffahrt entfernt. Mit Blaulicht und Signalhorn geht es hoch, die Autos im Stau haben hoffentlich eine Rettungsgasse gebildet. Acht bis neun Minuten nach dem Alarm ist die Wilsdruffer Feuerwehr in aller Regel am Unfallort, oft sind sie die Ersten.

Den Unfall mit dem Bananenlaster werden Falk Arnhold und seine Männer nicht so schnell vergessen. Zunächst sperrten sie die Autobahn. Dann versuchten sie minutenlang mit vollem Körpereinsatz, die Tür des umgekippten Lkw zu öffnen und die beiden eingeklemmten rumänischen Fahrer zu befreien. Beide sehr korpulent. „Es war Schwerstarbeit“, berichtet Falk Arnhold. „Es ging bis an die Schmerzgrenze.“ Aber sie haben die beiden Fahrer befreien können, der Rettungswagen brachte sie ins Krankenhaus. Am Morgen danach die überraschende wie ungute Nachricht: Beide rumänischen Fahrer wurden positiv auf Corona getestet, alle am Einsatz der Feuerwehr Beteiligten müssen in Quarantäne. Einige Tage später wurden alle negativ getestet, glücklicherweise. Denn der nächste Unfall kommt bestimmt.

23 Tonnen Bananen hatte dieser Lkw geladen, der bei Wilsdruff mitten in der Nacht verunglückte.
23 Tonnen Bananen hatte dieser Lkw geladen, der bei Wilsdruff mitten in der Nacht verunglückte. © Roland Halkasch

Falk Arnhold und seine Männer machen das freiwillig, Berufsfeuerwehr auf dem Land gibts nicht. Arnhold ist Chef einer Heizungs- und Sanitärfirma mit 25 Angestellten und vier Millionen Euro Umsatz. Der Stadtwehrleiter ist Bauleiter und der Technik-Stellvertreter Daniel Menzel Vertriebsleiter eines großen Dienstleistungsunternehmens. „Wir haben alle einen an der Klatsche“, meint Falk Arnhold und schmunzelt. „Schuld ist das Feuerwehr-Gen.“ Sein Amt bedeutet für ihn zwei bis drei Stunden täglich Einsatz für die Feuerwehr. Immer, jahrein, jahraus. Es bedeutet auch, er muss jederzeit los. Nachts, mitten in der Arbeitsberatung, während der Familienfeier. Und das für 180 Euro Aufwandsentschädigung im Monat. „Schmerzensgeld für meine Frau“, scherzt Arnhold.

Wenn es wieder gekracht hat auf der Autobahn, dann bekommen nicht nur die Feuerwehr und alle Rettungskräfte Stress. Oft muss die dreispurige Autobahn gesperrt und der Verkehr umgeleitet werden. Dann ist in Wilsdruff die Hölle los. Oliver Köbe, 47, wohnt an der Nossener Straße, die an seinem Haus vorbeiführt. „Hier quält sich dann stundenlang der gesamte Verkehr lang. Die Lkws Stoßstange an Stoßstange. Viele suchen nach Schleichwegen, bis die Stadt verstopft ist. Lärm, Gestank, überall liegt dann der Müll herum, der aus den Autofenstern geworfen wurde.“ Und nicht weit von seinem Haus entfernt zeigt er, wie die teils überlangen Laster kurz vor dem Marktplatz durch eine enge 90-Grad-Kurve müssen, dabei über die Bordsteinkanten fahren und knapp an den Hauswänden vorbeiziehen. „Den Wilsdruffern reicht’s langsam.“

Oliver Köbe wohnt an der Staustrecke und ist genervt. Er sammelte 1.000 Unterschriften für eine Umgehungsroute.
Oliver Köbe wohnt an der Staustrecke und ist genervt. Er sammelte 1.000 Unterschriften für eine Umgehungsroute. © Matthias Schumann

Wie geht der Bürgermeister mit der Situation um? „Wilsdruff ist immer einen Halt wert, nicht nur auf der Autobahn“, versucht es Ralf Rother, 49, mit einem Scherz. Aber nach Spaß ist ihm eigentlich nicht zumute bei diesem Thema. Auch seine Stadtverwaltung liegt an der Nossener Straße, er hat das Problem also direkt vor den Fenstern. „Auch ich bekomme die Alarm-SMS auf mein Handy. Dann weiß ich schon mal, was in der nächsten halben Stunde hier abgehen wird.“ Ralf Rother ist seit 2003 im Amt und erfahren genug: „Die Unfälle auf der Autobahn und die Staus in der Stadt sind für die Bürger das Thema Nummer 1. Und damit auch für mich.“

Autobahnausbau dürfte Jahrzehnte dauern

Drei Forderungen macht er auf. Erstens soll endlich eine etwa vier Kilometer lange Ortsumfahrung her, von der Autobahnabfahrt um die Stadt herum in Richtung Nossen. Seit Mitte der 90er-Jahre soll die Umfahrung kommen, jetzt ist sie endlich in der konkreten Planung. Wann die Straße fertig ist, will noch immer niemand sagen. Zweitens fordert der Bürgermeister den achtstreifigen Ausbau der Autobahn und neuen, besseren Lärmschutz, als er in den 90er-Jahren verbaut wurde. Denn viele Einwohner, die nahe an der A4 wohnen, sind genervt vom Lärm. Der Autobahnausbau dürfte aber noch Jahrzehnte dauern. Und noch langfristiger gedacht ist der Wunsch, den Verkehr auf die Schiene zu verlagern. „Dafür müssen ja erst noch neue Eisenbahnstrecken gebaut werden.“

Hintergrund: Seit wann gibt’s die sächsische A4?

In den 20er-Jahren gab es erste Pläne für die deutschen Autobahnen, die seit 1929 auch so heißen. 1936 wurde der erste Abschnitt der A4 zwischen Dresden-Neustadt und Wilsdruff freigegeben, gleichzeitig begannen die Arbeiten an mehreren Streckenabschnitten. Schon 1937 konnte man von Dresden bis Jena auf der neuen Autobahn fahren, im Dezember 1937 folgten die ersten Kilometer Richtung Bautzen. Bis 1940 war die Strecke bis Weißenberg so gut wie fertig, erste Brückenpfeiler wurden auf der Strecke bis Görlitz gebaut. Sie stehen noch heute im Wald. Mit Kriegsbeginn wurden die Bauarbeiten gedrosselt und 1943 ganz eingestellt. In den letzten Kriegstagen gab es Zerstörungen, so wurde die Spreebrücke bei Bautzen gesprengt.

Die DDR tat nur wenig für den Erhalt, die Spreebrücke wurde in den 70er-Jahren wieder aufgebaut. Die Geschwindigkeit musste auf der Strecke immer weiter reduziert werden, auf einem Abschnitt bis auf 20 Stundenkilometer. Zwischen Bautzen und Weißenberg, damals am Ende der A4, entstanden 66 Getreidespeicher für den Krisenfall. In den 90er-Jahren wurden die Speicher abgerissen, die A4 komplett saniert, erweitert und bis Görlitz ausgebaut. Die A4 führt heute von der niederländischen bis zur polnischen Grenze und ist mit 583 Kilometern die viertlängste in Deutschland.

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Jetzt soll erst mal das Machbare erreicht werden. Deshalb hat Anwohner Oliver Köbe gemeinsam mit ein paar Fußballkumpels eine Unterschriftenaktion für den raschen Baubeginn der Westumfahrung gestartet. In kurzer Zeit unterschrieben 1.000 Wilsdruffer. Die Listen übergab er vor ein paar Monaten gemeinsam mit Bürgermeister Rother an die zuständige Landesdirektion. Ein Vertreter der Behörde nahm die Listen dankend entgegen. Einen Termin nannte auch er nicht.

Justament am Dienstag hat die Landesdirektion immerhin den Planfeststellungsbeschluss für Umbauten in der Nähe der Autobahnauffahrt genehmigt, eine Voraussetzung für die neue Umgehungsstraße.

Wenn es wieder kracht, ist die Feuerwehr mit einem neuen Rüstwagen für alle Eventualitäten ausgestattet.
Wenn es wieder kracht, ist die Feuerwehr mit einem neuen Rüstwagen für alle Eventualitäten ausgestattet. © Matthias Schumann

Die Autobahn wird für die Feuerwehr auch weiter der mit Abstand wichtigste Einsatzort bleiben, Stadtwehrleiter Falk Arnhold hat da keine Illusionen. Zum Glück gibt’s kaum noch Wohnungsbrände. Er ist schon mal froh, dass der Verkehr wegen der Corona-Pandemie etwas geringer geworden ist und seine Leute deshalb nicht ganz so oft gerufen werden. Außerdem ist hilfreich, dass es gerade mal kaum Baustellen gibt. „Die sind ein großer Gefahrenherd. Dort staut sich der Verkehr, und dann gibt es böse Auffahrunfälle.“ Wie am 30. März, als ein slowenischer Lkw-Fahrer ums Leben kam. Insofern nimmt er die Pläne vom achtstreifigen Ausbau der A4 mit gemischten Gefühlen auf.

Für die nächsten Jahre ist die Freiwillige Feuerwehr in Wilsdruff immerhin gut gerüstet für die zu erwartenden Unfälle. Insgesamt 24 Feuerwehrfahrzeuge stehen zur Verfügung, 2019 spendierte das Land Sachsen zudem einen nagelneuen Rüstwagen für eine schlappe halbe Million Euro. Das ist ein rollender Werkstattwagen mit Plasmaschweißgerät, Seilwinde, Hebewerkzeugen, Beleuchtungsanlagen. Dann sehen die Kameraden wenigstens genug, wenn nachts wieder mal ein Lkw verunglückt.

Wenn aus Abgeschleppten Gäste werden

Wenn es wieder kracht an der Wilden Sau, ist fast immer auch eine Firma aus Wilsdruff im Einsatz: Der Abschleppservice Fröhlich. Inhaber Axel Fröhlich hat sich eine spezielle E-Mail-Adresse ausgedacht: [email protected]öhlich.de.

Macht das Abschleppen wirklich fröhlich, Herr Fröhlich? – „Nee, eigentlich nicht. War eher so eine Marketingidee.“ Er erzählt vom Unfall des Bananenlasters mit den beiden rumänischen Fahrern, den er als Bergungsleiter betreut hatte. „Wir mussten 23 Tonnen Bananen, in 25 Kilo schwere Kisten verpackt, händisch umladen in einen von uns bereitgestellten Kühlaufleger. Ich habe danach noch 14 Tage lang meine Knochen gespürt.“

Auch seine Kunden sind nicht wirklich fröhlich, oder? „Natürlich nicht“, meint Axel Fröhlich, „aber wir geben uns große Mühe, dass ihnen so gut wie möglich geholfen wird.“ Dann erzählt er die Geschichte von der vierköpfigen polnischen Familie mit zwei kleinen Kindern, die am 23. Dezember von Großbritannien zum Weihnachtsurlaub in die Heimat reisen wollte, aber bei Wilsdruff auf der Autobahn liegen blieb. Wegen Corona waren die Hotels der Umgebung geschlossen. Da hat Axel Fröhlich kurzerhand alle vier bei sich daheim im Gästezimmer untergebracht.

Fröhlich war die polnische Familie am nächsten Morgen in Wilsdruff immer noch nicht. Aber schon froh, dass es an der Wilden Sau so nette Leute gibt.

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