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Sachsens Lebensader: Auf der Autobahn nachts um halb 2

Andreas Kammer fährt jede Nacht die SZ von der Dresdner Druckerei nach Bautzen. Ohne die A4 wären viele Firmen verloren. Auftakt unserer neuen Serie.

Gegen Mitternacht lädt Andreas Kammer tonnenweise Zeitungen in der Dresdner Druckerei auf seinen Lkw. Bevor es auf die A4 in Richtung Bautzen geht, kommt noch Post von Post Modern dazu.
Gegen Mitternacht lädt Andreas Kammer tonnenweise Zeitungen in der Dresdner Druckerei auf seinen Lkw. Bevor es auf die A4 in Richtung Bautzen geht, kommt noch Post von Post Modern dazu. © Matthias Schumann

Um 1:15 Uhr klettert Andreas Kammer ins Fahrerhaus seines 15-Tonners. Es ist stockdunkel, windig und kalt. Den Lkw hat er gerade in der SZ-Druckerei auf dem Dresdner Heller voll beladen. Er biegt jetzt ein auf den Autobahnzubringer. Die vier Spuren sind komplett leer, tagsüber gibt es hier kaum eine Lücke.

Wird wohl eine ruhige Fuhre? "Warten Sie’s ab!", meint Andreas Kammer und steuert seinen Daimler hoch auf die Autobahn Richtung Bautzen. Und tatsächlich, von jetzt auf gleich ist es vorbei mit der nächtlichen Ruhe: Die A4 ist gleißend hell, alle sechs Spuren sind rappelvoll. Lkw an Lkw, viele mit Anhänger, besonders viele DHL-Fahrzeuge.

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Schwertransporte quälen sich durch die Nacht, am Tag hätten sie keine Chance. Erst hinter Dresden wird’s etwas ruhiger. Aber es ist immer noch so viel Verkehr wie in den 90er-Jahren tagsüber. Oder in den 80ern zu Spitzenzeiten.

Die Druckerei der Sächsischen Zeitung, von hier gehen die Zeitungen auf die Reise nach Bautzen.
Die Druckerei der Sächsischen Zeitung, von hier gehen die Zeitungen auf die Reise nach Bautzen. © Matthias Schumann

Andreas Kammer ist heute 20 Minuten früher losgekommen. Die Druckerei hat die Bautzener SZ-Ausgabe überpünktlich ausgedruckt, alles lief optimal, berichtet Björn Fischer vom Leitstand, der alle Arbeiten an der riesigen Druckmaschine überwacht. Karin Berger von der Firma Media Logistik, die den Vertrieb der Zeitungen übernimmt, hat mit ihren Leuten schon sechs Paletten zusammengestellt mit allem, was man im Altkreis Bautzen heute so lesen wird:

Corona sorgt für ruhigen Verkehr

12.000 Exemplare der Sächsischen Zeitung, 573 Morgenpost, 39 Neues Deutschland, 22 FAZ, 18 Süddeutsche, 11-mal Handelsblatt, 12 Junge Welt, 14 Bild. Auch das eine TAZ-Exemplar soll nicht verschwiegen werden. Die Paletten mit dem Lesestoff hat Andreas Kammer mit Hubwagen auf den Lkw gewuchtet und auch noch eine Tonne Post von Post Modern für die Bautzener Empfänger aufgeladen.

Alles in allem gehen von hier aus jede Nacht 330.000 Zeitungen auf die Reise. Dafür sind insgesamt 131 Touren nötig, die von über 100 Fahrern ins Verbreitungsgebiet der SZ, nach Chemnitz und Leipzig gefahren werden, berichtet Logistikchef Thomas Lehmann. Viele über die A4. Die Fahrer beliefern dann 3.000 Zeitungszusteller. Ein hochkomplexes Netzwerk.

12.000 Exemplare der Sächsischen Zeitung, 573 Morgenpost, 39 Neues Deutschland, 22 FAZ, 18 Süddeutsche, 11-mal Handelsblatt, 12 Junge Welt, 14 Bild und eine taz-Ausgabe bringt Andreas Kammer in den Kreis Bautzen.
12.000 Exemplare der Sächsischen Zeitung, 573 Morgenpost, 39 Neues Deutschland, 22 FAZ, 18 Süddeutsche, 11-mal Handelsblatt, 12 Junge Welt, 14 Bild und eine taz-Ausgabe bringt Andreas Kammer in den Kreis Bautzen. © Matthias Schumann

Auf der rappelvollen Autobahn stellt Andreas Kammer erst mal den Tempomat auf 80 km/h und schaltet das Navi ein. Die Strecke kennt er natürlich, er fährt die Zeitung seit 14 Jahren nach Bautzen. Aber die wichtigste Information ist jetzt: Gibt’s Staus heute Nacht?

Er checkt kurz und ist erleichtert. Alles frei. Corona sorgt für ruhigeren Verkehr, seit Wochen gibt es kaum Probleme. Nur im Februar, als es kräftig schneite, herrschte immer mal Chaos rund um den Burkauer Berg. Die Lkws standen kreuz und quer auf der Autobahn, kein Durchkommen.

"Schrottreife Kisten"

Andreas Kammer hört die ganze Zeit die Verkehrsmeldungen vom MDR. Wenn sich ein Stau abzeichnet, gibt’s für ihn nur eines: runter von der A4, rauf auf die B6. „Das muss schnell gehen, denn nach spätestens einer halben Stunde ist auch diese Strecke zu.“ Hier kommt er ganz gut durch, wenn ihn nicht gerade eine Polizeistreife anhält und fragt, was er hier nachts mit seinem Lkw zu suchen hat. Für diese Gelegenheit hat er einen noch immer wirkmächtigen Spruch drauf: „Sie wollen doch sicher heute auch noch Zeitung lesen, oder?“

Das Verhältnis des Berufskraftfahrers zu den Ordnungshütern ist prinzipiell ein konstruktives. Das schließt eine gesunde Portion Vorsicht ein. Sein Navi zeigt deshalb auch die Polizeikontrollen an. „Das dulden sie bei Profis.“ Ansonsten ist er froh über die Kontrollen, weil eine Menge überladene oder technisch unsichere Fahrzeuge unterwegs sind, vorwiegend aus Osteuropa. "Da sind schrottreife Kisten dabei."

Die bleiben gern mal liegen auf der Autobahn und verursachen Staus, die Andreas Kammer gar nicht mag. Denn er will pünktlich sein, nicht in einen Stau fahren und eine Vollbremsung unbedingt vermeiden. Er hat das mal erlebt, auf seiner Ladefläche herrschte danach das reinste Chaos.

Andreas Kammer, 52 und ledig, ist „Fahrer mit Leib und Seele“. Er hat mal Agrotechniker gelernt und vom Traktor bis zum Mähdrescher alles gefahren, was Räder und einen Motor hat. Er wollte aber nie Fernfahrer sein. „Truckerromantik gibt’s nicht mehr. Nur harte Arbeit und jede Nacht Schlafen in der Kabine.“ Aber auf den Lkw wollte er schon. Seit 14 Jahren fährt der Hoyerswerdaer deshalb für die Firma Klitzing Zeitungen und Post auf der Strecke Hoyerswerda–Dresden–Bautzen– Hoyerswerda. Nahezu jede Nacht und jede Nacht gern, sagt er. „Ich bin ein Nachtmensch.“ In ihm haben die SZ-Leser im Raum Bautzen eine sichere Bank.

Acht Spuren von Nossen bis Dresden?

Inzwischen geht die Fahrt vorbei an Müllermilch in Leppersdorf, der größten Molkerei Europas. Sie liegt, natürlich, direkt an einer Auffahrt zur A4. Das Gewerbegebiet Ottendorf ist nicht weit entfernt, kurz vor Bautzen kommt Salzenforst. Die Gewerbegebiete sind voll belegt, wurden gerade erweitert oder werden es bald. Logistiker wollen unbedingt an die Autobahn, aber auch viele Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe, Maschinenbauer, Metall- und Kunststoffproduzenten.

Ankunft im Medienvertrieb Bautzen. Von hier aus wird die SZ zu den Zustellern vor Ort transportiert.
Ankunft im Medienvertrieb Bautzen. Von hier aus wird die SZ zu den Zustellern vor Ort transportiert. © Matthias Schumann

Thomas Horn, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, sieht Sachsen als wichtigen Knotenpunkt in Europa. Die A4 hat sich nicht nur zur bedeutendsten Ost-West-Lebensader entwickelt, sondern mit der A17, der A72, mit der A9 und der A13 ist Sachsen auch zu einem Nord-Süd-Knotenpunkt geworden.

Natürlich sei die Autobahn nicht der einzige sächsische Standortvorteil, aber ein bedeutender, erklärt Thomas Horn und zählt einige Beispiele auf. So hat sich die Schweizer Firma Belimo gerade in Großröhrsdorf angesiedelt, sie ist Weltmarktführer für Haustechnik-Stellsysteme und will von hier aus Osteuropa erreichen.

Wann wird die A4 ausgebaut?

Der Verkehr auf der A4 ist enorm. Zwischen Dresden und dem Dreieck Nossen fahren täglich 100.000 Fahrzeuge, etwa ein Drittel davon sind Lkw. Von Dresden nach Bautzen wurden 67.000 täglich gezählt, ab Bautzen immer noch 50.000. Der Ausbau der A4 drängt also.2019 gab es grünes Licht vom Bund für einen achtstreifigen Ausbau zwischen Dreieck Nossen und Dresden Nord. Von dort bis zur Landesgrenze sollen es mal sechs Streifen werden. (1/3)

Wann wird die A4 ausgebaut?

Für den Abschnitt bis Bautzen hat die Deges den Auftrag übernommen, Untersuchungen zum Verkehrsaufkommen, Umweltplanungen, Baugrund- und Objektplanungen durchzuführen. Allein 233 Bauobjekte von der Lärmschutzwand bis zur Autobahnbrücke müssen untersucht werden. Inzwischen sind dafür Messfahrzeuge der Deges auf der Autobahn unterwegs, ausgerüstet mit Laserscans. Vorbereitet wird die Herstellung eines 3D-Modells. (2/3)

Wann wird die A4 ausgebaut?

Die Planungen werden noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Auf einen Baustart will sich niemand festlegen, es werden bis dahin noch viele Jahre vergehen. Erst recht ist kein Fertigstellungsdatum absehbar. Inzwischen soll nach Lösungen gesucht werden, wie die A4 mit dem wahrscheinlich weiter zunehmenden Verkehr fertig wird. So wird darüber nachgedacht, künftig die Standspuren für den Verkehr freizugeben. (3/3; ok)

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Das polnische Unternehmen PKM wiederum produziert jetzt in Salzenforst, die Baier-Holding erweiterte erst in Bautzen ihre Kunststoffproduktion. Die Elbeflugzeugwerke in Dresden schließlich lassen Kompositplatten im Lausitzer Kodersdorf herstellen, die Autobahn verbindet die beiden Standorte. Kein Wunder, dass Thomas Horn dafür wirbt, rasch die A4 zwischen Dresden und Nossen auf acht Fahrbahnen, und von Dresden nach Bautzen auf sechs auszubauen. „Das ist sehr wichtig für weitere Ansiedlungen in Sachsen.“

Nun haben wir Bautzen fast erreicht, ohne Stau und ohne Zwischenfälle. Keine lebenden oder toten Wildschweine auf der Autobahn, keine verlorenen Fahrräder, kein Unfall und keine Polizeikontrollen. Verspätungen sind ohnehin selten, sagt Andreas Kammer. Und wenn, dann liegt das eher an der Druckerei. „Da gibt’s schon mal einen technischen Defekt. Deshalb bin ich auch schon erst um 5 vom Hof gekommen, als es hell wurde und die Vögel zwitscherten.“

Heute sind wir überpünktlich. Kurz nach 2 Uhr geht’s in Bautzen West runter von der Autobahn, über die Friedensbrücke durch die vollkommen stille Innenstadt. Kein Mensch, kein Fahrzeug, nichts.

Ein Kühlschrank als Zeitungslager

Andreas Kammer mit Stapeln seiner Ware.
Andreas Kammer mit Stapeln seiner Ware. © Matthias Schumann

Erst beim Medienvertrieb Bautzen wird’s wieder lebendig. Hier warten zwei Dutzend Mitarbeiter in der Kälte auf Kammers Ladung. Zuerst kommt die Post runter vom Wagen, sie wird in einem Verteilzentrum für die Touren der Postboten sortiert. Die SZ-Zeitungspaletten kommen in kleine Transporter, die mit dem großen Känguru drauf.

Die wenigen überregionalen Zeitungen werden einzeln dazu gepackt, dann wird alles zusammen zu den Zeitungszustellern vor Ort transportiert. Einige Zusteller aus dem Raum Bautzen holen ihre Pakete gleich selbst vom Lkw ab. Das läuft wie ein Uhrwerk, nach 20 Minuten ist die tonnenschwere Ladung filetiert und portioniert auf der Weiterfahrt.

Karin Berger und ihre Kollegen von Media Logistik stellen die Zeitungen für die Tour nach Bautzen zusammen.
Karin Berger und ihre Kollegen von Media Logistik stellen die Zeitungen für die Tour nach Bautzen zusammen. © Matthias Schumann

Als Letztes packt sich Andreas Kammer viele Zeitungspakete direkt ins Fahrerhaus, weil er dann noch selbst eine "kleine Tour" über die Dörfer, über Radibor und Neschwitz, unternimmt. Die Pakete legt er direkt bei den Zustellern daheim ab, trocken und sicher natürlich, in einer Garage oder einem Unterstand. Von einem Zusteller ist überliefert, dass er für diesen Zweck einen alten Kühlschrank in den Garten gestellt hat. Wahrscheinlich, weil er die SZ morgens taufrisch in die Briefkästen stecken kann. Und pünktlich natürlich, wenn nichts dazwischenkommt. SZ-Leser wissen, was gemeint ist.

Der Arbeitstag endet, wenn andere aufstehen

Gegen 5 Uhr ist Andreas Kammer zurück in Hoyerswerda. Der Arbeitstag geht zu Ende, wenn die ersten Nachbarn aufstehen. Erst erledigt er noch das eine oder andere, bis die Müdigkeit kommt, dann gibt’s Schlaf bis gegen 14 Uhr. Am Nachmittag ist der Garten dran, Besorgungen wollen erledigt sein. Gegen Abend läuft dann die Meldung von Media Logistik ein, wie viele Zeitungen und wie viele Tonnen Post heute transportiert werden müssen.

Am späten Abend, wenn die Nachbarn schlafen gehen und die neue SZ schon gedruckt wird, steigt Kammer wieder in seinen 15-Tonner. Auf der Fahrt nach Dresden hört er die Staumeldungen, auf dem Navi hat er schon mal die Autobahn im Blick.

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