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Polizeieinsatz auf A4: "Spiel mit Leben und Tod"

Ablenkung ist die Gefahr Nummer 1 im Straßenverkehr. Deshalb testet die Dresdner Polizei eine spezielle Methode für Lkw-Kontrollen auf der Autobahn.

Stefan Reichel hat die Kamera im Anschlag, seine Kollegin Vivien Jünger beobachtet. Aus einem Bus heraus hat die Polizei Lasterfahrer ins Visier genommen. Dieser Fahrer war vorbildlich unterwegs, mit beiden Händen am Lenkrad.
Stefan Reichel hat die Kamera im Anschlag, seine Kollegin Vivien Jünger beobachtet. Aus einem Bus heraus hat die Polizei Lasterfahrer ins Visier genommen. Dieser Fahrer war vorbildlich unterwegs, mit beiden Händen am Lenkrad. © Christian Juppe

Update, 13. Oktober, 15 Uhr: Bei ihren Einsätzen am "Tag der Ablenkung" hat die Polizei an 51 Kontrollstellen 505 Ordnungswidrigkeiten registriert. Das teilten die Verantwortlichen der Polizeidirektion Dresden an diesem Mittwoch mit. 174 Mal handelte es sich dabei um sogenannte Handyverstöße.

Acht davon stellten zivil gekleidete Polizisten in einem Bus fest, die insbesondere den Lkw-Verkehr auf der A4 überwacht haben. 158 der Handyverstöße entfielen auf die Landeshauptstadt. Insgesamt waren 200 Polizisten bei der Aktion im Dienstgebiet der Polizeidirektion Dresden im Einsatz. Zu diesem Dienstgebiet gehören neben Dresden die Landkreise Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirg.

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So haben wir am Kontrolltag berichtet

Der weiße Reisebus aus Chemnitz ist unverfänglich: Keine Aufschrift und auch das kein Kennzeichen lassen den Rückschluss zu, dass die Polizei damit unterwegs ist. Noch nicht einmal die Insassen sind als Polizisten zu erkennen, alle tragen Zivil. Nur die vielen Kameras wirken vielleicht etwas befremdlich auf die Lasterfahrer, an denen der Mercedes-Bus auf der Autobahn vorbeizieht. Denn sie sind stets im Anschlag.

Zu ihnen gehört auch die Videokamera von Stefan Reichel. Der Polizeihauptmeister ist an diesem Dienstag unter den Bus-Insassen, die nicht das erste Mal bei einer solchen Tour dabei sind. Weit geht die Fahrt nicht, "wir kreiseln", nennen Reichel und seine Kollegen die Einsatzform.

Der Bus "kreiselt" also über die A4, immer zwischen den Anschlussstellen Wilsdruff und Dresden-Flughafen. Das Einsatzziel: Kontrolle der Lkw-Fahrer. Wird telefoniert oder ins Handy getippt? Lassen sich die Transportprofis vielleicht auch durch andere Dinge von ihrer eigentlichen Arbeit ablenken? Das Ganze ist Teil der Polizeiaktion "Respekt durch Rücksicht", die seit dem 4. Oktober läuft und bei der es in dieser Woche um das Thema "Ablenkung" im Straßenverkehr geht.

Hochgefährlicher Leichtsinn

Gerald Baier, Chef der Dresdner Verkehrspolizei, wählt drastische Worte, wenn er über Ablenkung am Steuer spricht. "Das ist ein Spiel mit Leben und Tod", sagt er, ähnlich wie Alkoholfahrten. Nur schlimmer. Das ist der "Topkiller", so Baier. Häufiger als Alkohol sei Ablenkung eine Ursache für schwere Unfälle. Seit die Polizei ihre Aufmerksamkeit stärker auf dieses Thema gelenkt habe, sei die Zahl der erfassten Fälle deutlich gestiegen: von rund 1.500 im Jahr 2015 auf derzeit rund 3.000 pro Jahr. Zu dieser Zahl tragen auch Kontrollen wie die an diesem Dienstag bei.

Gerald Baier, Chef der Dresdner Verkehrspolizei, berichtet: Ablenkung ist beim Autofahren der "Topkiller", noch vor Alkohol.
Gerald Baier, Chef der Dresdner Verkehrspolizei, berichtet: Ablenkung ist beim Autofahren der "Topkiller", noch vor Alkohol. © Christian Juppe

Der Einsatz beginnt an diesem Morgen auf dem Parkplatz der Raststätte Dresdner Tor in Richtung Chemnitz. Dort wartet der weiße Bus, dort warten auch mindestens ein halbes Dutzend Streifenwagen, darunter die der Autobahnpolizei - mehrere Mercedes-Kombis.

Nach einer kurzen Einweisung starten alle zugleich. Vier Streifenwagen sind als sogenannte Fänger im Einsatz. Auch sie "kreiseln" auf der A4 zwischen Wilsdruff und dem Flughafen, oder die Beamten parken an Stellen, an denen zum Beispiel Wirtschaftswege zur Autobahn führen. Sie überwachen den Verkehr und sind wie schnelle Beiboote immer in der Nähe des Busses.

Kontrolle auf Sitzhöhe

Im Bus selbst fahren unter anderem Polizeihauptmeister Stefan Reichel und seine Kollegin Vivien Jünger mit. Beide gehören zur Autobahnpolizei. Sie kennen die A4 aus dem Effeff und machen solch eine Tour nicht zum ersten Mal. Reichel hat eine Videokamera im Anschlag, Beweissicherung.

Er soll filmen, wenn ein Lasterfahrer mit dem Handy hantiert. "Manche lesen, andere beschäftigen sich mit dem Tablet, bereiten Speisen zu oder kochen Kaffee. Es gab sogar schon Lkw-Fahrer, die einen Film gesehen haben", sagt Verkehrspolizei-Chef Baier.

Kurz vor 10.30 Uhr fährt der Bus schließlich los, runter vom Raststättenparkplatz auf die A4 Richtung Chemnitz, aber zunächst nur die wenigen Kilometer bis zur Anschlussstelle Wilsdruff. Dort dreht er und die Fahrt geht weiter Richtung Osten. Pech für den Busfahrer, ein Stau hat sich gebildet, er reicht etwa von der Abfahrt Dresden-Altstadt bis zum Wilden Mann. Keine Chance, Laster zu überholen und die Fahrer zu kontrollieren. Erst später wird der Verkehr wieder flüssiger. Am Flughafen dreht der Bus und es geht zurück Richtung Raststätte. Regen hat eingesetzt, Gischt verschlechtert die Sicht auf der Autobahn. Reichel wartet mit der Kamera im Anschlag auf den ersten Verkehrssünder. "Man sitzt höher, auf Höhe der Fahrer, und sie fühlen sich unbeobachtet", erklärt er die Vorteile seines Sitzplatzes bei solch einer Kontrollfahrt.

Rauchen, essen, telefonieren

Die Lasterfahrer sind trotz des ekligen Herbstwetters entspannt. Einer isst, ein anderer telefoniert mit Lautsprecher-Stöpseln in den Ohren, ein Litauer lenkt seinen 40-Tonner mit freiem Oberkörper und Zigarette im Mund. Doch keiner lässt sich etwas im Sinne des Gesetzes zuschulden kommen. "Vielleicht ist das Thema auch schon rum", vermutet eine Polizeikollegin. Sie war schon bei einer Kontrollfahrt in Ostsachsen dabei, bei der auch Verkehrssünder gestellt wurden. "Es hatte sich damals per Funk unter den Lkw-Fahrern schnell rumgesprochen, dass wir unterwegs sind", erinnert sie sich. Das habe wohl daran gelegen, dass die Beamten im Bus damals Uniform trugen. "Die Trucker haben dann freundlich gegrüßt, als wir an ihnen vorbeifuhren."


Die Autobahnpolizei folgt dem Bus mit einem Streifenwagen, um Lasterfahrer sofort zu stoppen, wenn sie zum Beispiel dabei beobachtet wurden, als sie während der Fahrt mit ihrem Handy beschäftigt waren.
Die Autobahnpolizei folgt dem Bus mit einem Streifenwagen, um Lasterfahrer sofort zu stoppen, wenn sie zum Beispiel dabei beobachtet wurden, als sie während der Fahrt mit ihrem Handy beschäftigt waren. © Christian Juppe

100 Euro Strafe und einen Punkt in Flensburg kostet es, wenn ein Lkw-Fahrer während seiner Fahrt mit dem Handy beschäftigt ist, 150 Euro und zwei Punkte, wenn er zusätzlich sich oder andere Verkehrsteilnehmer gefährdet. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn er einen Gefahrenbremsung hinlegen muss oder von seiner Fahrspur abweicht, erklärt Baier.

Strafe allein ist zu wenig

Doch das allein reicht nicht, ist der Chef der Dresdner Verkehrspolizei überzeugt. "Nur wer die Gefahr kennt, kann sie auch vermeiden", sagt er, deshalb gehöre immer auch ein Gespräch dazu, wenn die Beamten einen Fahrer stellen, der sich ablenken ließ. "Wer bei 50 km/h eine Sekunde nicht auf die Straße blickt, fährt 13 Meter im Blindflug." Mehrere Stunden wird der Bus an diesem Dienstag zwischen Wilsdruff und dem Flughafen "kreiseln". Bis 14 Uhr werden die Beamten im Bus nur drei Handyverstöße registriert haben.

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In Dresden wird das allerdings anders aussehen: Auch hier ist die Polizei an diesem Tag verstärkt im Einsatz. 76 Mal stoppt sie dabei bis zum frühen Nachmittag Pkw-, Lkw- und Radfahrer, die während der Fahrt ein Handy in der Hand oder am Ohr haben. Insgesamt werden die Beamten bis zu diesem Zeitpunkt 202 Ordnungswidrigkeiten feststellen.

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