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Als Steine auf „Ausländer“ flogen

Eine neue MDR-Doku zum 30. Jahrestag der Anschläge in Hoyerswerda soll nicht nur rekonstruieren. Zeitzeugen und Filmemacher haben diskutiert.

Ein mosambikanischer Vertragsarbeiter in seinem Wohnheimzimmer, im Hintergrund die eingeworfenen Fensterscheiben.
Ein mosambikanischer Vertragsarbeiter in seinem Wohnheimzimmer, im Hintergrund die eingeworfenen Fensterscheiben. © MDR/HA Kommunikation

Von Hannah Küppers

Es ist 30 Jahre her, dass sich diese Szenen in ihrer Stadt abgespielt haben, und trotzdem wird Grit Lemke schlecht, als sie an diesem Abend die Bilder auf der großen Leinwand in der Kulturfabrik Hoyerswerda sieht. „Ich hätte mich am liebsten übergeben“, sagt sie und einige ältere Damen und Herren im Publikum nicken. Gerade war die Zeitzeugin noch selbst auf der Leinwand zu sehen, jetzt sitzt sie im Scheinwerferlicht auf der Bühne, zusammen mit Polizist Jörg Schwirtznik, der auch bei den pogromartigen Anschlägen auf ausländische Vertragsarbeiter im September 1991 dabei war.

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Am 30. Oktober erstrahlt die nächtliche Görlitzer Innenstadt wieder in einem Meer voller Farben und lädt sie zu einem besonderen Einkaufserlebnis ein.

Zum Jahrestag der Geschehnisse wollte der MDR eine neue Dokumentation drehen, erzählt Carsten Tesch zu Beginn der Diskussionsrunde nach der Film-Preview in der Kulturfabrik in Hoyerswerda. Nicht, um ein weiteres Mal die Ereignisse zu rekonstruieren, sondern auch, „um den Nachhall in der Stadt aufzuzeichnen“. Daraus ist „Hoyerswerda 91 – eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung“ geworden. Die Regisseure haben etliches Archiv-Material durchforstet und mit vielen Menschen gesprochen, die damals in der Septemberwoche vor Ort waren. Bis nach Mosambik ging die Recherche-Reise, um David Macou zu treffen.

Von heute auf morgen evakuiert

Macou, der zwölf Jahre lang in Hoyerswerda als Vertragsarbeiter in der „Schwarzen Pumpe“ im Braunkohle-Abbau arbeitete und 1991 über Nacht in seine Heimat Mosambik zurückkehren musste. Die Behörden sahen am Ende keine andere Lösung, als die Ausländer zu evakuieren. Die rechtsradikalen Anschläge auf sein Zuhause, das Wohnheim für DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik und Vietnam, sind für ihn „das Schlimmste, das ich in meinem Leben gesehen und erlebt habe“, sagt er im Film. Neo-Nazis und andere Rechtsradikale belagerten eine Woche lang das Wohnheim, warfen mit Steinen und Stöcken die Fensterscheiben ein.

Am zweiten Tag der Ausschreitungen fliegen zunehmend auch Brandsätze gegen das Vertragsarbeiterwohnheim. Die Polizei ist ohne spezielle Schutzausrüstung und kann die Angreifer nur mit Mühe und mit Hilfe der Diensthunde abwehren.
Am zweiten Tag der Ausschreitungen fliegen zunehmend auch Brandsätze gegen das Vertragsarbeiterwohnheim. Die Polizei ist ohne spezielle Schutzausrüstung und kann die Angreifer nur mit Mühe und mit Hilfe der Diensthunde abwehren. © MDR/HA Kommunikation

Die Erinnerungen von Polizist Jörg Schwirtznik klingen ähnlich wie die von Macou: „Das waren die schlimmsten, gewalttätigsten Einsätze, die ich als Polizist mitgemacht habe“, sagt er bei der Diskussionsrunde in Hoyerswerda. Mit so massiver Gewalt sei er zuvor in der DDR nie konfrontiert worden. Moderator Carsten Tesch fragt ihn nach seinen Gefühlen, die er damals 1991, aber auch jetzt beim Sehen des Films empfinde. Ohnmacht und Hilflosigkeit nennt Schwirtznik – Worte, die noch öfter fallen an diesem Abend. In der Tat wirkte die örtliche Polizei 1991 völlig machtlos, schritt erst viel zu spät ein, wollte erst noch auf Unterstützung aus Bautzen warten. Der damalige Innenminister Rudolf Krause sprach währenddessen in der Landeshauptstadt Dresden davon, „alles unter Kontrolle“ zu haben.

Kurze Filmsequenzen und Schwarz-Weiß-Aufnahmen eines damaligen Lokal-Reporters, die in der Dokumentation auftauchen, zeigen das genaue Gegenteil. Die anfänglich kleine pöbelnde Gruppe aus jungen Skinheads in schwarzen Lederjacken und Springerstiefeln vergrößerte sich. Die zersplitternden Fensterscheiben und das Gejohle der Menschenmenge stachelten zu immer brutalerem Krawall an. „Die Menge wurde von Tag zu Tag mutiger und immer weiter angepeitscht“, erinnert sich Jörg Schwirtznik. Filmemacher Nils Werner konnte beim etlichen Durchsehen der Aufnahmen Ähnliches beobachten: „Es herrschte eine Jubelstimmung dort, eine Volksfest-Atmosphäre.“ Einige Interviews mit den Rechtsradikalen, die das Fernsehen damals sendete, sind in die MDR-Doku eingeflossen. Sie sprechen von den Vertragsarbeitern in ihrer Stadt als „Viecher“, die ihnen ihre Arbeitsplätze wegnehmen. Und sie wollen eine „ausländerfreie Stadt“ haben.

Der Film bewirkt etwas

Die Frage, woher dieser Rassismus plötzlich kam, haben sich seit 1991 viele gestellt. Aber Filmemacher Nils Werner wollte nicht zum x-ten Mal von Hoyerswerda als der „seelenlosen Betonstadt“ erzählen. Er hat die fröhlichen Kindheitsjahre von Grit Lemke zu seinen ersten Szenen gemacht. Er lässt sie von der großen Solidarität in der Nachbarschaft erzählen und von einer Stadt, in der man aufeinander achtete. In dieser Fallhöhe sieht Lemke selbst das Neue der MDR-Dokumentation, die Gleichzeitigkeit von positiver Aufbruchsstimmung in der boomenden Industrie-Stadt während derDDR-Zeit und der aggressiven Ausländerfeindlichkeit nach der Wende.

Grit Lemke, aufgewachsen in Hoyerswerda, vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims. Sie wohnte in der gleichen Straße, wurde vom Angriff im benachbarten Jugendklub „Der Laden“ völlig überrascht.
Grit Lemke, aufgewachsen in Hoyerswerda, vor dem letzten noch vorhandenen Block des damaligen Vertragsarbeiterwohnheims. Sie wohnte in der gleichen Straße, wurde vom Angriff im benachbarten Jugendklub „Der Laden“ völlig überrascht. © MDR/HA Kommunikation

So sei der September 1991 in ihrer Stadt noch nie erzählt worden. Sie hat schon Reaktionen auf die neue Dokumentation per E-Mail erhalten. Von einer Frau, die damals bei den Angriffen in der ersten Reihe stand und erzählt, dass sie beim Ansehen des Films wahnsinnig geweint und sich geschämt habe zum Beispiel. „Der Film kann viel bewirken“, ist sich Lemke sicher. Sie hat zum 30. Jahrestag selbst ein Buch über „Die Kinder von Hoy“ geschrieben. Denn sie schämt sich dafür, dass in ihrer Stadt so wenige Orte oder Hinweise an diese Ereignisse erinnern und das Thema jahrzehntelang totgeschwiegen wurde.

Auch Historiker Christoph Wowtscherk, der in Hoyerswerda lebt, findet die Aufarbeitung gerade jetzt wichtig, Man erlebe an vielen Orten ein kleines „Déjà vu“. Manche Menschen hätten durch den bevorstehenden Kohleausstieg wieder ähnliche Befürchtungen wie damals die Einwohner von Hoyerswerda, als die „Schwarze Pumpe“ zugemacht wurde und alle ihren Job verloren. Er sieht neue rassistische Gewalt aufkeimen. Viele Menschen hätten Angst, solche biografischen Brüche noch mal erleben zu müssen.Dennoch endet „Hoyerswerda 91 – eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung“ mit Szenen der Versöhnung und fröhlichen Menschen, die sich neben dem Denkmal mit dem bunten Regenbogen postiert haben und mit weißen Zetteln eine Grußbotschaft an Mosambik auf den Boden gelegt haben, sie wollen die gemeinsame Vergangenheit neu beleben.

Seit 2014 erinnert ein Mahnmal an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda. Wer Näheres über die Ereignisse erfahren möchte, muss allerdings erst einen QR-Code einscannen.
Seit 2014 erinnert ein Mahnmal an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda. Wer Näheres über die Ereignisse erfahren möchte, muss allerdings erst einen QR-Code einscannen. © MDR/HA Kommunikation

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„Wir können den Opfern ein Stück ihrer Würde zurückgeben“, ist sich Grit Lemke sicher. Die Podiumsdiskussion in der Kulturfabrik ist nur eine der vielen Veranstaltungen, die in diesem Jahr zum Gedenken an die Anschläge vor 30 Jahren stattfinden. Sogar Zeitzeuge und Film-Protagonist David Macou ist aus Mosambik nach Hoyerswerda gereist.

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