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Am schönsten ist es doch daheeme

Das Zuhause hat beim Sächsischen Wort des Jahres gewonnen. Doch der Begriff Heimat wird allzu oft missverstanden.

Das Zuhause hat beim Sächsischen Wort des Jahres gewonnen. Doch der Begriff Heimat wird allzu oft missverstanden.
Das Zuhause hat beim Sächsischen Wort des Jahres gewonnen. Doch der Begriff Heimat wird allzu oft missverstanden. © www.pixabay.com (Symbolfoto)

Es gab in den vergangenen Wochen eine basisdemokratische Wahl und ein eindeutiges Ergebnis. 3.219 Menschen wählten bei der Abstimmung im Internet ihr sächsisches Lieblingswort des Jahres 2021. Mit 23 Prozent gewann: Daheeme. Verkündet wurde der liebste Ausdruck am Tag der Deutschen Einheit bei der Sachsen-Gala in der Staatsoperette in Dresden.

Der Wahlgewinner setzte sich gegen zehn andere Kandidaten durch. Dabei waren schöne Vokabeln wie belämmerd, ningeln, Hammelbeene, Griewadsch und Zudecke. Doch das Daheeme landete auf Platz eins. Sächsinnen und Sachsen fühlen sich zu Hause offenbar sehr wohl. Sie sollen sogar die einzigen Menschen auf der Welt sein, die selbst im eigenen Wohnzimmer Heimweh haben. Und die sächsische Fahne zeigt dazu das Grün der ewigen Hoffnung und das Weiß der täglichen Kapitulation.

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Der Leipziger Sprachwissenschaftler Gunter Bergmann erklärt im Sächsischen Volkswörterbuch, dass das Daheeme die mundartliche Artikulation von „daheim“ ist. In dem Wort steckt das germanische Wort „heim“. Das bedeutet „Dorf“ oder „Haus“. Gemeint ist damit der Ort, an dem man lebt, wo man zu Hause ist. In mittel-, alt- und mittelniederdeutschen Sprachquellen besitzt es den ursprünglichen Bedeutungsgehalt, der sich in etwa mit „Stammsitz“ eingrenzen lässt. Sowohl im Vogtland, im Erzgebirge, in der Lausitz als auch im Elbland sagen die Menschen voller Inbrunst: „Daheeme is es doch am schönsdn.“ Oder: „D´rham is d´rham“.

Um den Verstand gebracht

Das Daheeme hat es allerdings nicht ganz leicht. Zuhause oder Heimat ist Schlüsselwort, Reizwort und Kampfbegriff zugleich. Auf der einen Seite verbunden mit Rückständigkeit, Konservativismus, Volkstümelei und Nationalismus, andererseits aber auch mit Vertrautem, mit Identität, mit Geborgenheit. Das schreibt Literaturwissenschaftlerin Susanne Scharnowski, Forscherin an der Freien Universität Berlin, in ihrem Buch „Heimat. Geschichte eines Missverständnisses“.

Der Begriff sei keine Frage von Links oder Rechts, er werde von beiden Lagern gleichermaßen benutzt. Eher sei es eine Frage von „oben“ und „unten“, wer den Begriff eigentlich definieren dürfe und wer die Hoheit über den Diskurs beanspruche.

Gunter Bergmann erklärt im sächsischen Volkswörterbuch eine weitere Bedeutung des Wortes: „Nicht ganz daheeme sein“ meint: verrückt sein. Wer heimatlos ist, der wird um den Verstand gebracht. In Artikel 3 des Grundgesetzes steht geschrieben, dass niemand wegen seiner Heimat benachteiligt oder bevorzugt werden dürfe. Auch Sächsinnen und Sachsen leben auf dem Boden des Grundgesetzes und können sich darauf berufen.

Ein angenehmes Gefühl

Während der Corona-Pandemie bekam das Daheeme plötzlich eine zusätzliche Bedeutung. Menschen sollten per politischer Verordnung unbedingt zu Hause bleiben. Das englische Homeoffice ersetzte den deutschen Begriff der Heimarbeit. Alles verlagerte sich in die eigenen vier Wände, von der Kindererziehung bis zur Banküberweisung. Der globalisierte Austausch bekam zunehmend Lieferschwierigkeiten. Und das hat längst kein Ende.

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In der Psychologie gilt Heimat als ein Grundprinzip menschlicher Identität. Sie beschreibt ein Geflecht von Beziehungen, welches die Position von Individuen in Gruppen und in der Gesellschaft lokal, regional, national und global verortet. Letztlich ließe sich damit ein Grundkonzept moderner Vergesellschaftung fassen – unabhängig davon, um welche Kultur und welchen Sprachraum es sich handelt. Vielleicht gibt Heimat aber in der grenzenlosen Freiheit den Halt, den viele verloren glauben. Balkonien und Gardenien sind wieder hip, die Kleinbahn top, Maibäume cool, Fleisch aus der Region lieb und teuer und die Familie, egal ob zusammengewürfelt oder so wie damals, scheint die letzte gemeinsame Zelle des Zusammenhalts. Das Daheeme ist ein angenehmes Gefühl, es ist Wurzel des individuellen Wachsens und des gegenseitigen Vertrauens.

SZ-Autor Peter Ufer hat gemeinsam mit der Ilse-Bähnert-Stiftung die Aktion „Sächsisches Wort des Jahres“ initiiert und ist Mitglied der Jury.

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