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Auf einen Wein in den Heiligen Grund

Andreas Kretschko gehört zu den angesagten Jungwinzern in Sachsen. Am Sonnabend eröffnet er eine Besenwirtschaft.

Der Meißner Winzer Andreas Kretschko hat gut Lachen: Endlich geht das normale Geschäft wieder los. Sein Wein reift mit besten Aussichten – zum Beispiel auf die Albrechtsburg.
Der Meißner Winzer Andreas Kretschko hat gut Lachen: Endlich geht das normale Geschäft wieder los. Sein Wein reift mit besten Aussichten – zum Beispiel auf die Albrechtsburg. © Thomas Kretschel

Meißen. Diese Adresse vergisst man nicht: Heiliger Grund, Meißen. Ganz in der Nähe die Katzenstufen, direkt darüber liegt das Weingut Proschwitz. Hier hat Andreas Kretschko einen Teil seiner Rebstöcke stehen. Diese Lage liebt er besonders wegen der alten Steillagen, der ruhigen Natur und des tollen Blicks auf die Albrechtsburg. Hier treffen wir uns zum Gespräch.

Herr Kretschko, der Lockdown geht endlich zu Ende. Wie haben Sie die trostlose Zeit überstanden?

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Mit Armaturen der Firma Quooker fließt das Wasser auf Wunsch heiß, kalt, mit Sprudel oder ohne. Im Küchenzentrum Dresden berät man gern dazu.

Ich hab’ mich in die Arbeit gestürzt. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 stampfte ich einen Online-Shop aus dem Boden. Bis dahin hatte ich meine Weine zu 80 Prozent an die Gastronomie verkauft, dieser Absatz brach ja schlagartig weg. Deshalb habe ich mich auf die Privatkunden gestürzt, ich habe Flyer verteilt, Probierpakete verschickt. Und zum Glück haben sie total positiv reagiert – ich konnte deren Zahl in einem Jahr verdoppeln und meine Verluste in der Gastronomie damit ausgleichen. Richtig wehgetan hat mir der Wegfall der Veranstaltungen. Keine Weinbergstouren, keine Weinproben, keine Feste. Das war für alle Winzer schlimm. Seit Herbst habe ich mich dann intensiv meinem Keller gewidmet.

Welche Folgen wird der Lockdown langfristig für die Winzer haben?

Das hängt von der finanziellen Situation des einzelnen Winzers ab. Einige mussten schon sehr an ihre Rücklagen gehen oder neue Kredite aufnehmen. Einzelne Insolvenzen kann es geben, aber ich glaube nicht an eine Insolvenzwelle.

Während des Lockdowns kamen die Online-Weinproben in Mode. Sie waren da ja auch dabei. Hat das wirklich Spaß gemacht?

Die erste Zoom-Weinprobe war schon sehr gewöhnungsbedürftig. Es fiel mir zunächst schwer, zwei Stunden immer nur auf den Bildschirm zu gucken statt mit Menschen im Raum zu kommunizieren. Außerdem war ich aufgeregt wie vor einer Prüfung. Aber ich habe mich daran gewöhnt und hatte dann auch Spaß daran.

Die Kunden auch?

Sehr. Am Wein natürlich, den ich vorher an sie verschickte. Aber manchmal war es auch lustig für die Runde, Menschen zu beobachten, die sich unbeobachtet fühlen. Jedenfalls hatte ich kürzlich vorerst meine letzte Online-Probe, glaube aber, dass ich diese Form in der kalten Jahreszeit neu auflegen werde.

Die Weinreben wachsen gerade schnell, wenn auch relativ spät. Wie wird denn das Weinjahr 2021?

Wir hatten uns ja schon daran gewöhnt, dass durch den Klimawandel alles immer eher wird: die Blüte, die Lese. Bis jetzt aber liegen wir wegen des kalten Frühjahrs drei Wochen hinter dem Schnitt der letzten Jahre. Wir werden also einen „normalen“ Herbst bekommen und die Trauben erst ab Ende September lesen. Schön ist, dass die Trauben sehr vital sind, weil es mehr Niederschläge gab.

Blick auf Andreas Kretschkos Weinberg
Blick auf Andreas Kretschkos Weinberg © Thomas Kretschel

Sie gehören zu den jüngeren Winzern in Sachsen, die sich bereits einen Namen gemacht haben, Weintester bestätigen Ihnen eine interessante eigene Note und beständige Qualitätsverbesserungen. Wie sehen Sie Ihre Entwicklung selbst?

Ich habe in den letzten Jahren viel gearbeitet an der Qualität im Keller. Ich habe zum Beispiel verschiedene Hefen ausprobiert und nutze nur solche, die die Rebsorte unterstützen. Jede Weinsorte hat ihre eigene Hefe, auf Aromahefen verzichte ich. Bananenaroma etwa mag ich nicht im Wein. Und seit einigen Jahren verwende ich keinen zusätzlichen Zucker mehr.

Wie ist Ihre Philosophie im Weinberg?

Ich arbeite mit der Natur und will so wenig wie möglich eingreifen, keine Insektizide, keine Akarizide zur Bekämpfung von Milben und Zecken, keine Herbizide. Es geht also fast zu wie in einem Bioweingut.

Und wie schmeckt dann Ihr Wein?

Ich baue ihn trocken aus, mit nur einem bis drei Gramm Zucker. Aber in diesem Jahr wird es zum ersten Mal auch einen feinherben Riesling geben.

Was sind Ihre besten Weine?

Die besten Bewertungen erhalten Weißburgunder, Grauburgunder, Spätburgunder. Die Burgunder sind also meine Stärke. Beim Riesling habe ich noch zu starke Schwankungen. Insgesamt produziere ich elf Weine und Sekte. Seit meiner jahrelangen Arbeit auf Schloss Wackerbarth liebe ich den Sekt und sein feines Perlenspiel. Meiner wird allerdings in einer externen Sektkellerei versektet.

Wie viel Rebfläche bearbeiten Sie?

Mittlerweile sind es zwei Hektar, allerdings an verschiedenen Standorten.

Kann man als Winzer von zwei Hektar leben?

Das ist schon sportlich. Aber ich habe noch eine zweite Firma. Ich berate Weinbaubetriebe in ganz Deutschland, auch Privatpersonen in Sachsen, für die ich kleine Weinberge konzipiere.

Die Vorbereitungen für die Besenwirtschaft im Weinberg "Heiliger Grund" laufen.
Die Vorbereitungen für die Besenwirtschaft im Weinberg "Heiliger Grund" laufen. © Thomas Kretschel

Ihr Lebensmittelpunkt ist Radeberg, das klingt nicht nach einem Weingut.

Richtig, aber das ändert sich jetzt. Im Juli findet der Umzug statt in einen historischen Weinkeller in Radebeul in der Nähe der Spitzhaustreppe. Er befindet sich im Weinberg, dort gibt es konstante Temperaturen, das Ambiente ist wunderschön. Ich freue mich schon darauf, es ist ein Gefühl des Ankommens – endlich, nach zehn Jahren Arbeit als eigenständiger Winzer.

Wohin soll Ihre Entwicklung führen?

Im Moment habe ich ausschließlich Steil- und Terrassenlagen, quer durchs Elbtal verteilt. Eine betriebswirtschaftliche Herausforderung. Irgendwann möchte ich aber auch Flächen haben, die man mit einem Traktor bearbeiten kann. Dann kann ich auch mal die eine oder andere Splitterfläche abstoßen. Optimal wären künftig mindestens vier Hektar.

Wo gibt’s denn den Kretschko-Wein?

Zum Glück öffnet jetzt die Gastronomie wieder. Meinen Wein gibt’s zum Beispiel in Dresden bei „Schmidt’s“, in der Bülow Residenz, im „Elements“. Aber auch in Fachgeschäften und meinem Online-Shop.

Können unsere Leser Sie denn auch mal im Weinberg besuchen und hier einen Wein trinken?

Da habe ich eine gute Nachricht für Sie: Ab 19. Juni werde ich hier in Meißen in der Nähe der Katzenstufen eine Besenwirtschaft eröffnen. Hier kann man künftig in der wärmeren Jahreszeit immer sonnabends und sonntags ab elf Uhr meinen Wein probieren, eine Kleinigkeit essen und die Natur genießen. Dies ist übrigens historischer Boden. 1991 wurde an dieser Stelle von meinen Vorgängern die allererste Besenwirtschaft Sachsens eröffnet. Diese Tradition will ich wiederbeleben. Meine Besenwirtschaft kann man dann auch für Feierlichkeiten aller Art buchen.

Und dann sind Sie auch persönlich hier und zu einem Schwatz bereit?

Ja, ich freue mich darauf!

  • Andreas Kretschko: Nach einem einjährigen Praktikum bei Wackerbarth studierte der 40-Jährige Önologie, absolvierte Praktika in mehreren deutschen Spitzenweingütern und arbeitete ein halbes Jahr in einem kanadischen Weingut. Später war er bei Wackerbarth sieben Jahre Chef der Weinberge. Seit 2012 ist er selbstständig und führt zwei Firmen: die Winzerei und eine Beratungsfirma für Weinbaubetriebe. Kretschko ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Radeberg.
  • Auch weitere Straußwirtschaften sind geöffnet, u.a. der „Winzerschoppen“ an der Bosel in Sörnewitz, der Rogge-Ausschank am Pillnitzer Weinberg oder am kommenden Wochenende Freytags Weingarten in Dresden-Wachwitz.

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