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Aus dem Tagebuch des Ministerpräsidenten

Die Echtheit des brisanten Dokuments wird gegenwärtig in der Redaktion überprüft. Ein satirischer Nachschlag von Kabarettist Wolfgang Schaller.

Unser Kolumnist Wolfgang Schaller ist Kabarettist und Autor.
Unser Kolumnist Wolfgang Schaller ist Kabarettist und Autor. © Sebastian Kahnert/dpa

Von Wolfgang Schaller

Der Tag hatte gestern für mich über 28 Stunden, weil die Grünen mich wieder im Landtag belästigt haben, diese Verbotspartei, die am liebsten anordnen würde, dem Viehzeug die Silage wegzufuttern, nur um sich mit dem Grünzeug selbst gesund zu ernähren. Aber mir blieb ja keine andere Wahl als diese Koalition. Und sie hatte wenigstens den Vorteil, dass ich zum ersten Mal in den großen Zeitungen positiv erwähnt wurde, nachdem sie uns immer vorgeworfen hatten, wir würden in Sachsen um die Nazis ein Schleifchen binden.

Und nun freute ich mich heute auf den Sonntag und ging vor mein Haus Schnee schippen, da versammelt sich am Gartenzaun mit lautem Geschrei eine Bürgerhorde. Nun gehe ich ja gern auf meine Bürger und Bürgerinnen zu, man muss ja als Ministerpräsident auch Meinungen, die man nicht ernst nehmen kann, ernst nehmen. Aber als dann eine Bürgerin ihr Halstuch in den Farben der Reichskriegsflagge über ihren Mund zog, als wolle sie das Capitol stürmen, zog durch mich eine Wut auf die Wutbürger, die die Corona-Maßnahmen als Diktatur bezeichnen. Und ich hätte gern gesagt: Leute, wenn wir eine Diktatur wären, würdet ihr hier nicht krakelen dürfen, sondern im Stasi-Keller sitzen. Und wenn ich jetzt abends im Schreibtischlampenschein sitze, dann vertraue ich dir, liebes Tagebuch, an: Wenn sie mich anschreien oder den Jens Spahn anspucken oder die Frau Merkel mit „Hau ab!“ anpöbeln, dann wünschte ich mir ein kleines Diktatürchen.

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An solchen Tagen, liebes Tagebuch, sehnt man sich nach den Zeiten von August dem Starken, der sich einen Narren hielt. Heute ist man als Ministerpräsident selbst der Narr. Wäre ich König von Sachsen, hätte ich schreien dürfen, und die Schreier hätten meinen Schnee schippen müssen. Aber spätestens seit ich das Foto kenne, auf dem ich vor dem Dresdner Kreuzchor stehe und wie so ein Sängerknabe schaue, weiß ich, dass ich nicht wie August aussehe.

Du bist als Politiker immer der Blöde

Natürlich darf ich den Mob nicht Mob nennen. Ich darf an die AfD keine Wählerstimmen verlieren. Mit Rechts vereinen und Ganzrechts abstoßen und Links nicht ranlassen – das erfordert von mir mitunter Verrenkungen, dass mein Kopf und meine Füße unterschiedliche Postleitzahlen haben. Ein Politiker hat nie eine Chance, etwas richtig zu machen. Wenn der Jens, den wir liebevoll Spahnplatte nennen, im Rahmen der Europäischen Union zu wenig Impfstoff bei Biontech bestellen kann, weil die Polen zu wenig Geld ausgeben wollen und der Macron seinen französischen Impfstoff verkaufen will, dann wird er bei denselben Leuten zum Buhmann, die im Sommer Buh gerufen hätten, hätte er zu viel Geld ausgegeben für einen noch unreifen Impfstoff. Du bist als Politiker immer der Blöde.

Nur der Markus darf sich immer feiern lassen, weil er die gemeinsam gefassten Beschlüsse so schnell mit seinen eigenen Beschlüssen kippt, dass er laufend vor sich selbst herrennt. Und dafür darf er laufend ins Fernsehen bei Herrn Lanz, während ich beschimpft werde, dass in Sachsen die Corona-Zahlen zu hoch und die Alten in den Pflegeheimen zu ungeschützt sind und die Impfversorgung eine Katastrophe ist.

Aber diese renitenten Sachsen halten sich doch nicht an die Maßnahmen, die lassen sich doch nicht den Mund mit einer Maske zubinden, die haben schon unmaskiert im Herbst ’89 eine Regierung gestürzt und sagen sich nun: „Bitte, es geht doch!“

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Aber das ist ja das Schlimmste: Dass ein Politiker nie sagen darf, was er denkt. Und dass er mal gar nicht denken will, sondern nur Schnee schippen. Und dann, liebes Tagebuch, denke ich: Ach, waren das schöne ruhige Zeiten, damals in Görlitz, da hatte ich die Landeskrone vor mir. Jetzt habe ich die Landeskrone auf, aber ich bin kein König. Und deshalb, bitte, lasst mich wenigstens beim Schneeschippen in Ruhe.

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