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Das Rätsel der Bäume

Forstprofessor Andreas Roloff aus Tharandt kennt viele Geschichten von Bäumen – und hat ihre Gelassenheit übernommen.

Professor Andreas Roloff in Tharandt, wo er an der Uni Förster und Landschaftarchitekten ausbildet.
Professor Andreas Roloff in Tharandt, wo er an der Uni Förster und Landschaftarchitekten ausbildet. © Daniel Schäfer

Wenn Andreas Roloff über sich selbst und seine Leidenschaft reden soll, trifft man ihn am besten im Schatten eines riesigen Baumes. Weil das eine geht nicht ohne das andere. Roloff sitzt auf einer Bank im Schlosspark Jahnishausen bei Riesa und packt zwei Decken aus. Er hat auch eine Thermoskanne mit Tee dabei.

Mit Bäumen kennt sich Andreas Roloff aus wie wenige andere. Er ist Professor für Dendrologie - also die Lehre von den Bäumen. „Ein Traumjob“, sagt er. Seit mehr als 25 Jahren bildet er in den Forstwissenschaften in Tharandt Förster und Landschaftsarchitekten aus. In seinen Vorlesungen führt er auch gern mal einen Stepptanz mit Schuhen aus Pappelholz auf. Um zu zeigen, welche Bedeutung Bäume für die Menschen haben.

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Den Schlosspark Janishausen hat er ausgesucht, weil dort gleich am Parkeingang dieser große verzweigte Baum steht, der seine gelben Blätter zu dieser Zeit längst abgeworfen hat. „Nationalerbe-Baum“ steht daneben auf einem Schild. Es handelt sich um einen 210 Jahre alten Ginkgo. 5,15 Meter ist er breit. Vor ungefähr fünfzehn Jahren ist Andreas Roloff diesem Ginkgo das erste Mal begegnet. Seitdem hat er ihn schon oft besucht. Im Oktober 2019 wurde er in die Liste der Nationalerbe-Bäume aufgenommen. Eine Initiative, die sich den pflanzlichen Ahnen widmet, sie pflegt und ein Altern in Würde erlaubt. Roloff gehört zu dem fünfköpfigen Kuratorium: „Jeder durfte einen Wunschbaum vorschlagen. Ich wollte den hier dabei haben.“

Viel zu wenig uralte Bäume in Deutschland

So einen dicken Stammdurchmesser habe ein Ginkgo in Deutschland selten. „Bei uns sind die heute höchstens 250 Jahre alt, weil die Baumart erst 1730 nach Europa eingeführt wurde und sich hier nur allmählich verbreitet.“ In China dagegen gebe es einen Ginkgo, der über 3.000 Jahre alt ist. 17 Meter ist dort der Stamm, nicht hoch, sondern breit. Auch der in Jahnishausen könne mal so dick werden.

Uralte Bäume kämen in Deutschland viel zu selten vor. Hier erfülle der Deutsche sein Klischee. Es wird korrekt gesichert, gesägt oder lieber ganz gefällt. In England dagegen gebe es viele alte Bäume. Dort sei die Gesellschaft naturverbundener und wisse, dass von einem Baum auch mal was abfalle. In Deutschland gehe die Sicherheit vor - auf Kosten der uralten Riesen.

Dagegen will nun die Nationalerbe-Initiative vorgehen. Sieben Bäume wurden bisher zum Nationalerbe erklärt. Insgesamt sollen 100 in ganz Deutschland auserkoren werden. Das schwierigste dabei ist, die Besitzer zu finden. Den Ginkgo in Jahnishausen teilen sich gleich mehrere. Es ist eine Spurensuche - durch das natürliche und das bürokratische Dickicht Deutschlands. Deshalb hat der Professor aus Tharandt auch den ältesten Baum des Landes noch nicht gefunden.

Bäume haben kein Gehirn

Wie kann ein so alter Baum jedes Jahr neu austreiben? Immer wieder neue Blätter und Triebe von einem uralten Lebewesen, das teilweise schon abgestorben ist? Hier geht es um eines der größten Rätsel der Baumwissenschaften. Das Altern der Bäume. Andreas Roloff versucht seit Jahren, dieses Rätsel zu lösen. Von außen zum Beispiel sei es schwierig zu erkennen, wie alt ein Baum ist. Bäumen gehe es wie Menschen. Sie schrumpfen im Alter. Je älter die vorhandenen Aufzeichnungen sind, desto legendenhafter und mystischer die Erzählungen. Roloff kann viele solche Geschichten erzählen. Geschichten von Bäumen in China, England, Thüringen oder eben Jahnishausen. Er wirkt, als ob er die Gelassenheit der Bäume verinnerlicht habe.

Wenn man das so sagen darf. Denn Bäumen menschliche Charaktere zuzuschreiben, damit ist Andreas Roloff sehr vorsichtig. Das kann schnell beim Förster und Schriftsteller Peter Wohlleben enden, der mit dem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ einen Bestseller landete. Und mit dem möchte Roloff keineswegs verglichen werden. Der habe zwar zur Wertschätzung der Bäume beigetragen. „Ist aber peinlich übers Ziel hinausgeschossen“, sagt Andreas Roloff, der am liebsten nach der Hälfte des neuen Films von Peter Wohlleben aufgestanden wäre. Einige Thesen seien einfach falsch. Zum Beispiel, dass Bäume wie Menschen denken und kommunizieren.

Menschen planen, im Organismus eines Baums geschehe alles automatisch. Wären wir ein Baum, dann würden wir nach einem kalten Winter mehr Haare kriegen, wir Menschen aber ziehen uns dicker an. Der Mensch nutzt sein Gehirn, das haben Bäume nicht. Trotzdem gibt Andreas Roloff zu: Manchmal helfe es zum Verständnis, die Fachbegriffe menschlicher auszudrücken.

Bisher nur eine Baum-Umarmung

So nutzt auch der Professor, der vor der Forstausbildung Psychologie studiert hat, einige menschliche Begriffe. Er redet von der Sprache oder dem Charakter der Bäume. „In der Wissenschaft sprechen wir von sogenannten Charakterbäumen. Das ist ein Baum, der Makel hat, die aber gerade ausmachen, dass er nicht langweilig ist, sondern ein Individuum.“

Ist er ein Baumversteher? Ja. Die hölzernen Lebewesen haben eine Sprache, deren Zeichen Andreas Roloff interpretieren kann. Mit Esoterik habe das aber nichts zu tun. Da muss man aber doch nochmal fragen: Umarmt Andreas Roloff Bäume? „Eigentlich nicht“, sagt er augenzwinkernd. Nur bei einem Berg-Ahorn in Hamburg habe er mal eine Ausnahme gemacht. Es war der sechste Nationalerbe-Baum, der nun in Würde altern darf. Sonst umarme er sie aber nicht.

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Und auch wenn der Professor nächstes Jahr in Pension geht, möchte er weiterhin die alten Bäume begleiten.

Er will wissen, was wir als Gesellschaft von ihnen lernen können. Dabei schaut er wieder zum Ginkgo, der noch ein langes Leben vor sich haben wird. „Auch Bäume wachsen nicht ewig in die Höhe, werden wieder kleiner, bilden neue Triebe.“

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