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Rassistisch beschimpft von einem Polizisten

Im April 2019 wurde Leandro Bomhard in einem Dresdner Club von einem Polizisten massiv beleidigt. Er hat das angezeigt. Mit Konsequenzen.

Leandro Bomhard studiert in Dresden und ist dort von einem Polizisten rassistisch beleidigt worden. Er hat die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Und redet jetzt öffentlich über den Vorfall.
Leandro Bomhard studiert in Dresden und ist dort von einem Polizisten rassistisch beleidigt worden. Er hat die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Und redet jetzt öffentlich über den Vorfall. © Jürgen Lösel

Dresden war anfangs ausgeschlossen. Leandro Bomhard stammt aus Regensburg, wollte Bayern fürs Studium verlassen, etliche Hochschulstädte standen auf seiner Liste. Dresden kam zunächst nicht vor, weil Bomhard befürchtete, dass er dort als Schwarzer Rassismus erleben würde. Er wusste von aggressiver Stimmung gegen Menschen, die eine andere Hautfarbe haben. Von Pegida und der AfD in Sachsen, die diese Stimmung schüren. Als jedoch die Auswahl auf seiner Städte-Liste immer kleiner wurde, andere Kandidaten wegfielen, schaute er sich Dresden an und dachte: „Da passte eigentlich alles. Nur das Problem mit Rechtsextremismus nicht.“ Vor drei Jahren entschied er, es trotzdem mit der Stadt zu versuchen. „Weil es nicht sein darf, dass Rechte Einfluss auf Entscheidungen in meinem Leben haben.“

Leandro Bomhard fühlte sich wohl in der Stadt. Ein mulmiges Gefühl blieb dennoch. Es sollte sich bestätigen. Im April 2019 erlebte er mit Freunden, wovor er sich gefürchtet hatte: Sie wurden auf das Übelste rassistisch beschimpft und beleidigt – von einem sächsischen Polizisten.

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Bomhard, 24 Jahre, ist ein großer Mann, der ruhig erzählt. Der Vorfall vor reichlich anderthalb Jahren beschäftigt ihn bis heute. Erst jetzt, wo der Fall abgeschlossen ist, hat er sich entschieden, offen darüber zu sprechen. In einer Zeit, in der es laute Debatten gibt zur Frage: Wie groß ist das Problem mit Rechtsextremismus innerhalb der Polizei? Bomhard verfolgt das genau. Auch für ihn sind offene Fragen geblieben. Wie konnte so etwas passieren? Wie kann man es verhindern? Mit der Zeit hat sich ein Ordner mit Akten gefüllt. Bomhard hat den Vorfall angezeigt. Mit Konsequenzen für den Polizisten.

Eine Zufallsbegegnung mit Folgen

Aus den Unterlagen der Polizei und Staatsanwaltschaft ergibt sich ein Bild von jenem Aprilabend im Jahr 2019. Leandro Bomhard war damals mit zwei Freundinnen unterwegs. Eine der beiden, eine junge Frau namens Tabitha, ist wie er dunkelhäutig. Die drei wollten in einer Bar im Dresdner Zentrum etwas trinken, danach in einem Studentenclub Ostereier bemalen. Zufällig kamen sie in der ersten Bar ins Gespräch, mit zwei Männern im ähnlichen Alter. Sie stellten sich als Max und Moritz vor.

Max erzählte mit einigem Stolz, dass er Polizist sei. Man setzte sich zusammen. Zunächst verlief alles entspannt. Gemeinsam zogen sie in den Studentenclub weiter. Auf dem Weg dahin gab es einen ersten seltsamen Moment, denn Max sang ein Militärlied. Als Leandro Bomhard von ihm wissen wollte, was das für ein Lied sei, habe er geantwortet, „das Panzerlied der Wehrmacht“, „gutes, deutsches Liedgut“. So erinnert sich Bomhard.

Max und Moritz tranken an jenem Abend viel Alkohol, waren aber laut der Zeugenaussagen noch zurechnungsfähig. Die Gespräche drehten sich immer mehr um Politik, die Stimmung wurde hitziger. Bis es schließlich eskalierte. Max, der Polizist, gab immer wüstere, rassistische Beleidigungen von sich. Leandro Bomhard erinnert sich, dass Max ihm wegen seiner Hautfarbe abgesprochen habe, „deutsch zu sein“ – mit dieser Begründung: „Wenn zwei Schäferhunde über mehrere Generationen Schäferhunde bekommen und dann mal plötzlich einen Pudel, dann ist der Pudel trotzdem kein Schäferhund.“

Seine Begleiterin Tabitha sagte aus, dass Max zu ihr gesagt habe, Schwarze seien zu nichts fähig. Sie habe unter anderem entgegnet, dass in Afrika Kriege wegen Bodenschätzen geführt und diese auch von Kindern geborgen würden. Daraufhin habe Max ihr geantwortet: „Damit auch du Schwarze dir ein Handy kaufen kannst.“ Daraufhin habe sie geweint, völlig fassungslos.

„Geh doch zurück Baumwolle pflücken“

Kurz nach Mitternacht wollte Leandro Bomhard das Gespräch mit den beiden Männern beenden. Daraufhin rief Polizist Max: „Geh doch zurück Baumwolle pflücken, wo du Neger hingehörst.“ Inzwischen hatten das längst Gäste und Mitarbeiter des Clubs mitbekommen. Die beiden Männer wurden der Bar verwiesen. Max beschwerte sich: „Ein Neger darf hier reden, ein Deutscher nicht.“

Er sei völlig baff gewesen nach diesem Erlebnis, erzählt Leandro Bomhard. Anfangs wusste er nicht, wie er damit umgehen sollte. Er suchte im Internet nach den beiden Männern, fand ihre vollständigen Namen. Er habe zuerst gezögert, ob er etwas unternehmen sollte. Weil er nicht wusste, ob das etwas ändern würde. „Außerdem habe ich überlegt, ob ich mich dadurch in Gefahr bringe. Ich hatte Angst, dass mich jemand wegen der Anzeige bedrohen könnte.“ Er habe auch überlegt, Dresden zu verlassen. „Aber bei Rechtsextremismus funktioniert der Weg des geringsten Widerstands nicht. Die Geschichte lehrt uns, dass man sich dem entschieden entgegenstellen muss.“

Bomhard suchte Kontakt zu einer Beratungsstelle für Betroffene von Rassismus, dort bekam er juristische Unterstützung. Er reichte eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Polizisten ein und zeigte ihn an. Es wurden Ermittlungen wegen Volksverhetzung und Beleidigung gegen Max K. eröffnet. Bomhard, seine Begleiterinnen, Gäste und Personal aus dem Club wurden vernommen.

Max K. ist 26 Jahre alt und hat 2016 bei der sächsischen Wachpolizei begonnen. Das Programm war damals vom Freistaat aufgelegt worden. In dreimonatigen Schnelllehrgängen wurden die Anwärter ausgebildet. Einige lobten das Modell als pragmatische Lösung zur Entlastung der Polizei. Andere kritisierten diese „Hilfssheriffs“ und zweifelten, ob genügend überprüft werde, dass alle Wachpolizisten charakterlich geeignet sind. In diesem Oktober ist das Modell Wachpolizei ausgelaufen, nachdem etwa 1.000 Männer und Frauen ausgebildet worden sind. Etwa ein Drittel der Hilfskräfte hat im regulären Polizeidienst weitergemacht. Auch Max K. wurde Polizeimeisteranwärter.

Aus dem Polizeidienst entlassen

Doch sein Weg endete. Im Herbst 2019 wurde Max K. aus dem Beamtenverhältnis entlassen. Später wurde ein Strafbefehl gegen ihn verhängt. Geäußert hat sich Max K. nur über seinen Anwalt. In der Stellungnahme räumt Max K. die Begegnung mit der Gruppe um Leandro Bomhard ein. Er gibt an, dass er auf dem Weg zwischen beiden Kneipen das „sogenannte ,Panzerlied‘“ angestimmt habe. Ein erlaubtes, kein verbotenes Lied nach seiner Darstellung, es sei ihm aus der Bundeswehr bekannt, dort sei es bei offiziellen Anlässen gespielt worden.

Der Ex-Polizist erinnert sich an „emotional geführte Diskussionen“ mit Bomhard. Sein Anwalt übermittelt: „Den genauen Wortlaut kann mein Mandat nicht mehr gänzlich nachvollziehen, da er reichlich Alkohol zu sich genommen hatte. (…) Nichtsdestotrotz wird mein Mandant die Verantwortung für das Zutagegetretene vollumfänglich übernehmen. (…) Er möchte sich auf diesem Weg bei sämtlich Beteiligten für sein durch nichts zu rechtfertigendes Verhalten entschuldigen. (…) Eine weitere Einwirkung auf den Beschuldigten ist nicht vonnöten. Die beruflichen Konsequenzen haben ihn stark getroffen.“

Für Moritz L., 29 Jahre alt, seinen Freund, gab es keine Konsequenzen. L. ist vor einiger Zeit aus Norddeutschland nach Dresden gezogen. In den Ermittlungsakten wurde vermerkt, dass er in Bremen vor einigen Jahren AfD-Kandidat für die Bürgerschaftswahl war. Die Staatsanwaltschaft stellte zu Moritz L. fest, „dass ihm kein strafbares Verhalten nachgewiesen“ werden konnte. „Ausweislich der Zeugenaussagen sympathisierte er zwar mit den Äußerungen des Beschuldigten, ohne sich selbst aber offen rassistisch zu äußern.“

In Dresden arbeitet Moritz L. in einer Bildungseinrichtung als Deutschlehrer für Migranten. Nachfrage bei der Schule: Wusste die Leitung von dem Vorfall, in den ihr Lehrer verwickelt war? Nein, heißt es dort, erfahren habe man davon erst durch die Presseanfrage. Mit Moritz L. arbeitet man weiterhin zusammen, da es über ihn im Unterricht bisher keine Beschwerden gegeben habe.

"Ich will zeigen, dass man sich wehren kann"

Anfrage bei Max K. und Moritz L.: Würden Sie mit einer Journalistin über jenen Abend und die Folgen sprechen? Beide lehnen ab. Auch Leandro Bomhard hat nachgedacht, ob er mit Max K. noch einmal reden würde. Immerhin beschäftigt ihn dieser eine Abend seit reichlich anderthalb Jahren. Er ist hin und her gerissen: „Nein, weil ich nicht weiß, ob so ein Gespräch überhaupt etwas bringen würde. Ja, weil mich schon interessieren würde, wie er das jetzt reflektiert.“ Direkten Kontakt zu Max K. gab es allerdings seit jenem Abend nicht. Er hat sich nie persönlich bei Bomhard und seinen Begleiterinnen entschuldigt.

Leandro Bomhard hat gezögert, ob er über all das offen sprechen will. Schließlich hat er sich dafür entschieden. „Denn ich will zeigen, dass man sich wehren kann. Dass es wichtig ist, etwas zu tun.“ In Polizeistatistiken taucht der Fall Max K. inzwischen als Beispiel für rassistische Vorfälle innerhalb der sächsischen Polizei auf. Aus dem Innenministerium heißt es, dass es in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 17 solcher Fälle gegeben habe.

Ist Leandro Bomhard zufrieden mit dem Ergebnis? Wieder kommt von ihm eine zwiespältige Antwort: „Einerseits finde ich es richtig, dass Max K. nicht mehr bei der Polizei arbeitet. Das ist das Mindeste, was passieren musste, auf der individuellen Ebene.“ Im größeren Rahmen geschieht ihm zu wenig. „Wenn ich mich nicht entschieden hätte, öffentlich darüber zu reden, dann wäre das nur eine kleine Notiz in einer Statistik. Man wüsste nicht, was genau passiert ist.“ Er findet, die Polizei müsse solche Vorfälle nach außen ausführlich erklären. Sich Fragen stellen und beantworten, warum so etwas in den eigenen Reihen passiert.

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Leandro Bomhard wünscht sich eine Studie zu Rechtsextremismus innerhalb der Polizei, so wie es gerade von etlichen Seiten gefordert wird. Bundesinnenminister Horst Seehofer tut sich schwer mit diesem Thema. Auch der sächsische Innenminister Roland Wöller lehnt eine wissenschaftliche Studie ab. Stattdessen soll ein „Lagebild“ zu Extremismus bei der Polizei entstehen. Leandro Bomhard genügt das nicht. „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass die Institutionen es selbst gebacken kriegen, sich mit Rassismus zu beschäftigen.“

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