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"Freiwilligendienst muss man sich leisten können"

Vor zehn Jahren wurde aus dem Zivildienst der Bundesfreiwilligendienst. Heute nutzen ihn gerade im Osten viele zur beruflichen Umorientierung. Doch es gibt auch Kritik.

Editha Matthes erklärt in ihrem Bundesfreiwilligendienst beim BUND in der Dresdner Neustadt spielerisch den Weg einer Tomate. Als Bundessprecherin wünscht sie sich jedoch mehr Gehör.
Editha Matthes erklärt in ihrem Bundesfreiwilligendienst beim BUND in der Dresdner Neustadt spielerisch den Weg einer Tomate. Als Bundessprecherin wünscht sie sich jedoch mehr Gehör. © Arvid Müller

Dresden/Leipzig. "Für mich war mein Bundesfreiwilligendienst eine Erlösung. Endlich freuen sich Leute, dass du für sie arbeiten willst." Leo Günther ist 29, hat Medienwissenschaft studiert und die vergangenen Jahre freiberuflich Imagefilme für die Berliner Messe produziert. Nun baut und programmiert er mit Grundschulkindern Lego-Roboter und bäckt gemeinsam mit Leuten aus der Leipziger Nachbarschaft Pizza.

"Ich konnte mir irgendwann nicht mehr vorstellen, den Job als Video Cutter 40 Stunden in der Woche zu machen. Mich als Freiberuflicher immer bei allen Leuten anbieten zu müssen, das war nicht meine Art. Im 'Komm-Haus' erlebe ich eine Zeit in Freiheit, ohne Jobsuche, ohne Existenzangst." In dem Kultur- und Begegnungszentrum des Stadtteil Leipzig-Grünau treffen sich Kinder und Erwachsene aus der Nachbarschaft für Veranstaltungen und Workshops. Leo Günther hat dort ein Jahr lang seinen Bundesfreiwilligendienst (BFD) absolviert. Sein Fazit: "Arbeit mit Kindern ist genau meins."

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Leo Günther hat während des BFDs in einem soziokulturellen Zentrum in Leipzig festgestellt: Arbeit mit Kindern ist genau meins. Das Rahmenprogramm empfand er allerdings als zu oberflächig.
Leo Günther hat während des BFDs in einem soziokulturellen Zentrum in Leipzig festgestellt: Arbeit mit Kindern ist genau meins. Das Rahmenprogramm empfand er allerdings als zu oberflächig. © Oliver Kobe (privat)

Wie für Leo ist berufliche Umorientierung für viele Bundesfreiwilligendienstler (kurz Bufdis oder BFDler) der Grund, sich ein Jahr für das Gemeinwohl zu engagieren. Etwa im Krankenhaus, im Museum, im Naturschutz oder in einem Sportverein. Im Gegensatz zum Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) dürfen Budis auch älter als 27 sein. Seit die Bundesregierung 2011 den Wehrdienst abgeschafft hat, ersetzt der BFD dessen einstige Alternative, den Zivildienst.

Gerade in den ostdeutschen Bundesländern ist der BFD beliebt, in Sachsen absolviert statistisch einer aus 1.300 Einwohnern derzeit den Freiwilligendienst, in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern sind es noch mehr. Im Juni waren von den 2.880 Bufdis in Sachsen etwas mehr als die Hälfte älter als 27. In den alten Bundesländern gibt es dagegen nur wenig ältere BFDler.

"Das kann an den prekären Arbeitsverhältnissen im Osten liegen", mutmaßt Detlef Graupner von der sächsischen Fachstelle für Freiwilligendienste. Durch einen Teilzeit-BFD könne manch einer sein Gehalt ein Stück aufstocken. Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA), das für die Bundesfreiwilligendienste zuständig ist, macht dazu auf Nachfrage keine Angaben. Entwicklungen in Demographie und auf dem Arbeitsmarkt würden aber eine Rolle spielen.

Wegen des Geldes werden allerdings die wenigsten einen BFD antreten. Das maximale Taschengeld ist auf 426 Euro pro Monat begrenzt, weitere Vergütungen gibt es nicht. Leo lebt von Hartz IV. Insgesamt stehen ihm monatlich rund 950 Euro zur Verfügung. "Es ist mein persönliches Grundeinkommen", sagt Leo. "Dafür habe ich ein Jahr Zeit, mich zu orientieren und bin dabei trotzdem finanziell abgesichert."

Monatliches Taschengeld ist begrenzt

Anders sieht das Editha Matthes, die ihren BFD beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in der Dresdner Neustadt macht. Die 19-Jährige vertritt als eine von 14 gewählten Bundessprechern die Interessen der BFDler vor dem Bund. Eine ihrer Forderungen: Analog zur Höchstgrenze soll es auch eine Mindestgrenze für das monatliche Taschengeld von 100 oder 150 Euro geben. Das würde Ausbeutung verhindern und Einsatzstellen, die überhaupt kein Taschengeld zahlen wollen, einen Riegel vorschieben. "Einen BFD muss man sich derzeit leisten können", sagt sie, häufig unterstützen die Eltern finanziell.

Außerdem sollten Freiwillige kostenlos den ÖPNV nutzen können, um zum Einsatzort und wieder zurück zu kommen. Das sei zwar schon lange im Gespräch, bisher sei aber nichts umgesetzt worden. Sprecher anderer Freiwilligendienste wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und dem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) haben ähnliche Forderungen. "Bei dem sächsischen Bildungsticket wurden die Freiwilligendienstler vergessen", sagt Fachstellenleiter Detlef Graupner. Er rechne aber damit, dass sich das bald ändern könnte.

Gegenüber den FJSlern, die durch Landessprecher vertreten werden, hätten es die Bundessprecher des BFD schwer, ihre Interessen zu vertreten. Dazu trägt auch die sehr geringe Wahlbeteiligung bei - zuletzt genügten 17 Stimmen, um Bundessprecher zu werden.

Den Druck aus der Berufsfindung herausnehmen

"Es ist schon ein bisschen deprimierend", sagt Editha, die eigentlich ein FSJ machen wollte, das dann durch Corona aber nicht stattfinden konnte. "Ich meine nicht den BFD an sich, der macht schon Spaß, aber die Rahmenbedingungen könnten besser sein." Beim BUND gibt sie Workshops zum Thema Umweltbildung. Bei Editha lernen die Schüler spielerisch, welchen Weg eine Tomate aus dem Supermarkt nimmt und wie die Ernährung klimaneutraler funktionieren kann. Kleinkinder erfahren bei ihr zum Beispiel etwas über Wildkatzen.

Editha Matthes, Bundessprecherin der Freiwilligendienstler, fordert ein höheres Taschengeld, ein kostenloses Bildungsticket und besseren Kündigungsschutz für die Budis.
Editha Matthes, Bundessprecherin der Freiwilligendienstler, fordert ein höheres Taschengeld, ein kostenloses Bildungsticket und besseren Kündigungsschutz für die Budis. © Arvid Müller

Mit ihren 19 Jahren gehört Editha neben den Berufsumsteigern zur anderen Gruppe, die stark unter den BFDlern vertreten ist: Jenen, die gerade ihren Schulabschluss gemacht und die Bewerbungsfristen für Studium oder Ausbildung verpasst haben. "Es ist ok, nach dem Abi nicht sofort zu wissen, was man machen will", sagt sie. Man solle aus der Berufsfindungsphase am besten mal den Druck herausnehmen. "Wenn ich nicht den BFD gemacht hätte, hätte ich später das Studienfach wechseln müssen." Jetzt wisse sie: Als Lehrerin für Gemeinschaftskunde (GRW) und Latein oder Geographie vor einer Klasse zu stehen, könnte genau ihr Ding sein. "Sonst hätte ich halt einfach irgendwas mit Pädagogik studiert."

Freiwilligendienst im Homeoffice

Durch Corona wurde allerdings auch ihr Freiwilligeneinsatz erschwert. Anstatt zumindest einmal in der Woche in der Mittagspause mit den Kollegen zu kochen, ging es für sie ins Homeoffice. Vorgeschriebene BFD-Seminare fielen aus oder fanden online statt. Das Menschliche fehlte ihr, sagt Editha. Im Winter-Lockdown war auch das soziokulturelle Komm-Zentrum in Leipzig geschlossen. Leo saß aufgabenlos zu Hause und wartete in Teams-Meetings darauf, ob die Kollegen noch etwas zu tun hätten. Immerhin: Für Entwicklungen von Ideen wie dem Lego-Roboter-Projekt gab es genügend Zeit.

"Es ist cool, den BFD mit 28 oder 29 Jahren zu machen und nicht gleich als Berufsneuling", findet Leo. "Es läuft alles etwas chaotischer ab als in großen Firmen, was eigentlich ganz angenehm ist." Nur die begleitenden Einsatz-Seminare konnten ihn nicht begeistern: "Die waren sehr oberflächig und obwohl auch ein paar Ältere dabei waren, war der Altersdurchschnitt schon sehr jung. Deswegen konnte ich mich auch nie hundertprozentig mit dem BFD identifizieren."

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Doch auch für ihn bedeutete der Freiwilligendienst eine Wende: Diesen September fängt Leo eine Ausbildung zum Erzieher an. Später einmal in der Medienbildung zu arbeiten, könne er sich später gut vorstellen. Und nebenbei dann vielleicht weiterhin als Video Editor.

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