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Was zwei Dresdner auf BlaBlaCar-Fahrten erlebten

Über eine halbe Millionen Sachsen suchen über BlaBlaCar nach Mitfahrgelegenheiten. Dabei treffen sie auch auf seltsame Zeitgenossen.

Von Angelina Sortino
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Die Strecke Dresden - Leipzig ist bei den Sachsen am beliebtesten.
Die Strecke Dresden - Leipzig ist bei den Sachsen am beliebtesten. © www.loesel-photographie.de

Dresden. Andreas Wilde kennt die Frau, die neben ihm im Auto sitzt, erst wenige Stunden. Würde man dem Gespräch der beiden lauschen, wäre man überrascht, über welche Themen die zwei nach so kurzer Zeit schon sprechen. Sie möchte sich als Theaterpädagogin selbstständig machen. Er bestärkt sie, sagt, wie kompetent sie auf ihn wirke. Monate später meldet sie sich wieder bei ihm. Sie hat den Schritt in die Selbständigkeit gewagt und möchte sich bedanken.

Unterhaltungen wie diese führt Wilde oft, wenn er BlaBlaCar nutzt. "Charakteristisch für BlaBlaCar-Fahrten sind für mich sehr gute, innige Gespräche", sagt Andreas Wilde. Es stelle sich das merkwürdige Phänomen ein, das man fremden Leuten einfach alles erzähle. "Da habe ich schon viel gehört, von der Scheidung, Krebserkrankung oder einer gescheiterten Selbständigkeit."

BlaBlaCar vermittelt Mitfahrgelegenheiten und wurde von einem französischen Start-up entwickelt. Das Unternehmen feiert in diesem Monat sein 15-jähriges Bestehen. Die Idee, mit der die Gründer 2006 an den Start gingen, war nicht neu. Fahrer, die noch freie Plätze im Auto zur Verfügung haben, bieten diese anderen Menschen an. Im Gegenzug beteiligen sich die Mitfahrer an den Spritkosten. Mit ihrer App wollten die Gründer Frédéric Mazella, Francis Nappez und Nicolas Brusson es Fahrern und Mitreisenden leichter machen, einander zu finden. Mittlerweile bietet BlaBlaCar auch günstige Busreisen an.

An die Gespräche, wie Wilde sie während seinen Fahrten oft führt, ist auch der Firmenname von BlaBlaCar angelehnt. Denn auf der Plattform können die Fahrer angeben, wie gesprächig sie sind. Ein "Bla" für eher schweigsame Fahrer, zwei für die, die sich gerne unterhalten und drei "Blas" die stille im Auto nur schwer ertragen.

Günstige Bahn-Alternative

Wilde nutzt BlaBlaCar vor allem, um seine Familie in Freiburg zu besuchen. Früher reiste der Dresdner bis zu fünfmal im Jahr bei Fahrern mit, die er über die App vermittelt bekam. "Ich bin kein intensiver, aber ein langjähriger Nutzer."

In Sachsen haben sich insgesamt 520.000 Menschen bei BlaBlaCar angemeldet. Es ist das sechstgrößte deutsche Bundesland in Bezug auf die Anzahl der aktiven Nutzer.

Am gefragtesten sind Fahrten von Dresden nach Leipzig und zurück. Auf Platz zwei folgen Fahrten auf der Strecke Dresden-München. Fahrten von Leipzig nach Berlin sind ebenfalls sehr beliebt.

Diese Strecken sind in Sachsen laut BlaBlaCar besonders beliebt. Foto: Angelina Sortino/Pexels/Blablacar
Diese Strecken sind in Sachsen laut BlaBlaCar besonders beliebt. Foto: Angelina Sortino/Pexels/Blablacar © Angelina Sortino/Pexels/Blablaca

In 22 Ländern, in denen BlaBlaCar vertreten ist, hat die Plattform nach eigenen Angaben 100 Millionen Mitglieder. In Deutschland sind es acht Millionen. Zum Erfolg des Unternehmens gratulierte jüngst auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim Sozialen Netzwerk LinkedIn: "Die Mobilitätsplattform ist eines der besten Beispiele dafür, wie Start-ups unser tägliches Leben verbessern und Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit bieten: Eine Technologie für eine sozial gerechtere und ökologisch nachhaltigere Welt. Ich wünsche BlaBlaCar viel Erfolg für die nächsten 15 Jahre."

Die BlaBlaCar Gründer v.l.n.r. Frédéric Mazella Francis Nappez und Nicolas Brusson kommen aus Frankreich.
Die BlaBlaCar Gründer v.l.n.r. Frédéric Mazella Francis Nappez und Nicolas Brusson kommen aus Frankreich. © BlaBlaCar

Sven Müller aus Dresden nutzt BlaBlaCar regelmäßig. "Es ist einfach deutlich günstiger als die Bahn und geht auch schneller." Ihm sei aber bewusst, dass Mitfahrgelegenheiten nicht für jeden infrage kämen. "Gerade Frauen haben häufig Angst davor, fremde Menschen in ihr Auto zu lassen oder bei ihnen mitzufahren." Seine Freundin sei bei ihrer ersten Fahrt auch etwas nervös gewesen. "Wir waren ja aber zusammen unterwegs - deshalb ging es."

Doch auch Männer können in unangenehme Situationen geraten. Sven Müller sagt: "Ich bin mal bei einer Frau mitgefahren, die mich die ganze Zeit gefragt hat, ob wir nicht doch lieber über Nacht Pause in einem Hotel machen wollen." Müller muss das Angebot mehrfach ablehnen und lässt sich schließlich von seiner Mutter am frühestmöglichen Ausstiegspunkt abholen.

BlaBlaCar verfügt über eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen, die derartige Situation so gut es geht verhindern sollen. Die Profile der Mitglieder sind öffentlich. Laut dem Unternehmen enthalten sie die echte Identität des Nutzers, Bewertungen anderer Mitglieder, Bild, Biografie, Präferenzen sowie ein Foto. "Gerade bei Frauen habe ich das Gefühl, dass die ganz genau schauen, wen sie mitfahren lassen", sagt Müller. Er sei beispielsweise mal bei einer 19-Jährigen mitgefahren, die einen Freund mit zum Treffpunkt gebracht habe. "Der hat dann geschaut, dass alles in Ordnung ist."

Stöckchen ziehen

Sowohl Sven Müller als auch Andreas Wilde haben auch schon schlechte Erfahrungen mit der App gemacht. So hatte sich beispielsweise ein Fahrer, bei dem Wilde mitfahren wollte, leider verzählt. "Er hatte sich selbst nicht mitgerechnet und dann waren wir einer zu viel." Weil der Fahrer nicht selbst habe entscheiden wollen, wer Bahn fahren muss, hätte die Gruppe am Ende Stöckchen ziehen müssen. "Das tat mir echt leid für den, der das kürzeste hatte und dann nicht mitgenommen wurde."

Wenn der Fahrer oder das Auto nicht verkehrssicher sind, kann eine Fahrt gefährlich werden. Andreas Wilde berichtet: "Mir hat mal ein Mann gebeichtet, dass die Werkstatt ihm strikt davon abgeraten hat, mit dem Wagen noch auf die Autobahn zu fahren." Tatsächlich bliebt das Fahrzeug wenig später auf einer Raststätte liegen. "Wir wurden dann vom ADAC abgeholt. Die Fahrt habe ich anschließend storniert."

Ein Fahrer, mit dem Sven Müller eigentlich reisen wollte, tauchte einfach nicht am Treffpunkt auf. "Ich habe dann versucht ihn anzurufen, aber er hat sich tot gestellt." Daraufhin habe er sich bei BlaBlaCar beschwert. "Die haben dann mein komplettes Zugticket übernommen - sogar für die erste Klasse."

Schon gewusst? Der 29. Oktober ist Tag der Mitfahrgelegenheit.

Ins Leben gerufen wurde der "International Ride Sharing Day" von der schwedischen non-profit Mitfahrbewegung Skjutsgruppen.

Ziel des Tages ist es nicht nur, Menschen dazu zu bewegen, andere Mitzunehmen oder selbst Mitfahrgelegenheiten zu nutzen, sondern auch deren ökologische Vorteile hervorheben. Denn wer bei anderen mitfährt, kann das eigene Auto stehen lassen und verbraucht so weniger CO2.

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