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Ein Reichsgraf als gefühlvoller Mann

Diensteifrig, verschwiegen und schnell denkend: Heinrich von Brühl machte sich nicht nur Freunde am sächsischen Hof.

Heinrich von Brühl, 1737 in den Reichsgrafenstand erhoben (hier auf einem Kupferstich von Jean-Joseph Balechou nach Louis de Silvestre), war auch zuständig für die Privatangelegenheiten von August dem Starken.
Heinrich von Brühl, 1737 in den Reichsgrafenstand erhoben (hier auf einem Kupferstich von Jean-Joseph Balechou nach Louis de Silvestre), war auch zuständig für die Privatangelegenheiten von August dem Starken. © Wikimedia

Von Christine von Brühl

Heinrich unterschied sich grundsätzlich von der überschwänglichen und kraftvollen Präsenz Augusts II., doch das brachte ihn nicht in Konflikt. Er wusste seine eigenen Vorlieben zurückzustellen. Anders hatte er es zu Hause nicht erfahren. Er war ein Nachgeborener und als Jüngster naturgemäß den älteren Brüdern untergeordnet. Die Historikerin Dagmar Vogel stellte in ihrer Biografie über Heinrich von Brühl fest, er sei ein Mann gewesen, der weder auf die Jagd ging noch gerne ausritt oder eine Waffe benutzte. Er rauchte nicht, vertrug nicht sonderlich viel Alkohol und war auch kein Freund des Militärs.

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Geplagt vom Asthma

Was ihn auszeichnete, war eine rasche Auffassungsgabe und ein gutes Gedächtnis, er war diszipliniert und sprachbegabt und liebte das Schöne und die Kunst. Wie seine Ehe und seine Beziehung zu den Kindern zeigen würden, interessierte er sich weder für Zweitfrauen noch Geliebte. Er legte Wert auf ein geordnetes Leben und familiären Zusammenhalt, war ein gefühlvoller Mann, dessen Handeln bestimmt war vom Streben nach Treue und Zuverlässigkeit. Nicht zuletzt musste er auf seine Gesundheit achten, denn zeitlebens litt er an Asthma.

Seit seinem 30. Lebensjahr stand er in regelmäßigem Kontakt zu dem Darmstädter Heilpraktiker Rat Beaussier, der ihn mit Medikamenten, Heilwasser und ärztlichen Empfehlungen versorgte. Beaussiers Medikationen entlohnte er mit Ungarwein.

Zehn Sätze für den König

Am 30. April 1728 starb unerwartet Jacob Heinrich von Flemming, einflussreicher Minister Augusts II. sowie Geheimer Kriegsrat. Heinrich wurde kurzerhand beauftragt, sich im Nachgang Überblick über die finanziellen Verhältnisse des Ministers zu verschaffen und darüber Bericht zu erstatten. Bei dieser Gelegenheit machte der König die Erfahrung, dass sein Kammerjunker in der Lage war, komplexe Zusammenhänge exakt zu erfassen und die Ergebnisse allgemeinverständlich und konzentriert wiederzugeben. Das war für August II. offensichtlich von großer Bedeutung.

In ihrer hervorragend recherchierten Biografie über Marie von Clausewitz, eine Enkelin Heinrichs, schrieb Vanya Eftimova Bellinger, die Legende berichte, den König habe es gelangweilt, die ewig langen Dokumente durchzulesen, die sich auf seinem Schreibtisch türmten, und seine Höflinge daher beauftragt, ihren Inhalt in maximal zehn Sätzen zusammenzufassen. Heinrich sei es einmal gelungen, die Zusammenfassung sogar auf acht Sätze zu reduzieren.

Aufgedeckte Unregelmäßigkeiten

Um Heinrich dauerhaft an den Dresdner Hof zu binden, betraute ihn August II. mit verantwortungsvolleren Aufgaben. Nach dem Tod des sächsischen Innen- und Finanzministers Christoph Heinrich von Watzdorf beauftragte er Heinrich, dessen Nachlass vertraulich zu überprüfen. Für diesen Sondereinsatz bedachte er ihn am 10. Januar 1729 mit einer jährlichen Zulage von 800 Talern, ferner mit 3.000 Talern aus der General-Accis-Kasse. Bei der Aktendurchsicht deckte Heinrich diesmal Unregelmäßigkeiten auf, was das Vertrauen des Königs in ihn weiter stärkte. Watzdorf hatte sich auf Kosten des Landes persönlich bereichert. August II. übertrug Heinrich in der Folge weitere Verwaltungsaufgaben. Außerdem hatte er die „Geheime Expedition“, die Privatangelegenheiten, des Königs zu besorgen.

Durch diese herausgehobene Stellung sah er sich zunehmend mit Missgunst und Neid konfrontiert. In einem Brief an seinen nächsten Vorgesetzten und Förderer Heinrich Friedrich von Friesen schrieb er von zahlreichen Feinden, die sich täglich vermehrten:

Viele unliebsame Gegner

„Es vergeht beinahe kein Tag, wo Freunde mir nicht Nachricht von all den Intrigen geben, die sie anstellen, um mir den Hals zu brechen und mich in der Meinung des Königs herabzusetzen.“ Besonders unliebsame Gegner waren Heinrich unter den Geheimen Räten sowie der höheren Beamtenschaft erwachsen. Die Mehrheit dieser Untergebenen hatte studiert und war im Ausland gewesen. Unverhofft sahen sie sich nun einem jungen Mann gegenüber, der sein Wissen in Weißenfels an einem untergeordneten Hof erworben hatte und auch von keiner bedeutenden Familie abstammte. Sie reduzierten ihn bewusst auf seine Stellung als Page, was allerdings bewirkte, dass der junge Mann seinen Diensteifer nur noch verstärkte. Diesem Mechanismus folgte er während seines ganzen Lebens, und zwar im besten und auch tragischen Glauben an die Richtigkeit seines Handelns, wodurch er seinen Regenten sukzessive unersetzlich wurde, sich aber auch einer wachsenden Gegnerschaft am Hof gegenübersah.

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Friesen machte den König auf Brühls Situation aufmerksam, und dieser schuf daraufhin einen Posten, den es zuvor noch nicht gegeben hatte. Am 5. April 1729 wurde Heinrich, er war inzwischen 28 Jahre alt, zum „Vortragenden Kammerjunker“ befördert. Fortan gingen sämtliche Kammerberichte durch seine Hände, er hatte sie abzuzeichnen und dem König vorzutragen. Dazu gehörte auch die Überprüfung einer aktuell angeordneten Revision und Neuorganisation aller Kassen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Schwäne in Weiß und Gold“ von Christine von Brühl, Aufbau Verlag, 24 Euro. Es ist erhältlich auf www.ddv-lokal.de oder telefonisch bestellbar unter 0351 48 64 1827.

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