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Der Cyborg aus der Lausitz

Der 19-jährige Dominic Bölter hat sich einen Mikrochip unter die Haut einsetzen lassen. Damit kann er Türen öffnen und Autos starten. Sieht so die Zukunft aus?

Von Tim Ruben Weimer
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Dominic Bölter bezeichnet sich selber als "Cyborg". Seinen Körper will er mit technischen Hilfsmitteln upgraden.
Dominic Bölter bezeichnet sich selber als "Cyborg". Seinen Körper will er mit technischen Hilfsmitteln upgraden. © www.loesel-photographie.de

Schwarzheide. Ein Chip, so groß wie ein Reiskorn. Zwölf Millimeter lang, zwei Millimeter breit. 13,56 Millionen Datenwellen schafft er pro Sekunde. Der Speicher ist nicht groß, aber er reicht für einen kleinen Text oder ein paar Links. Man sieht ihn nicht, man hört ihn nicht. Der Chip steckt in der linken Hand von Dominic Bölter, unter der ersten Hautschicht zwischen Daumen und Zeigefinger, eingepackt in einen tablettengroßen Zylinder aus medizinischem Bioglas. Kneift der 19-Jährige die Haut zusammen, drückt sich die Form durch das Fleisch.

Bölter nimmt sein Smartphone und fährt damit über den Handrücken. Er dreht und wendet es, nimmt es wieder weg. "Ich habe das Handy erst letztens gekauft, weiß noch nicht genau, wo bei ihm die NFC-Schnittstelle ist." NFC steht für Nahfeldkommunikation, fast jedes Smartphone kann heutzutage darüber Daten übertragen. Er probiert es noch einmal, jetzt klappt es. Auf dem Handydisplay leuchten Bölters Gesundheitsinformationen auf. Allergien: Paracetamol. Medikamente: Vigantil, Haloperidol. Erkrankung: Vitiligo, Tic-Syndrom. Organspende: Ja.

Bis zu 15.000 Menschen in Deutschland sind gechippt

Dominic Bölter ist Lehrling für chemische Verfahrenstechnik beim BASF-Konzern im brandenburgischen Schwarzheide. Er nennt sich selbst einen "Cyborg", also eine Mischung aus Mensch und Maschine. Ein Begriff, den man sonst nur aus Science-Fiction-Filmen kennt. Bis zu 15.000 Menschen tragen in Deutschland einen Mikrochip unter der Haut, schätzt die Firma Digiwell, eine der beiden großen Chipvertriebe in Deutschland.

Hier sitzt der Mikrochip unter der Haut. Ohne zu drücken, fällt er kaum aus.
Hier sitzt der Mikrochip unter der Haut. Ohne zu drücken, fällt er kaum aus. © www.loesel-photographie.de

Was andere schaudern lässt, ist für Dominic Bölter Alltag. Mit dem implantierten Mikrochip loggt er sich an seinem PC ein. Dazu hält er seinen Handrücken gegen eine grüne Empfänger-Platine unter der Schreibtischplatte. Ein LED-Licht wechselt kurz von Rot auf Grün, es piept und die Ziffern des Passworts huschen als schwarze Punkte über den Windows-Anmeldebildschirm. All das funktioniert via Nahfeldkommunikation. "Deine Bankkarte, dein Personalausweis, deine Krankenkarte, alle haben so einen NFC-Chip", sagt er. "Die gibt es überall, wo du etwas kontaktlos machen kannst."

Dominic Bölter wohnt im vierten Stock einer Reihenhaussiedlung. Vor dem Haus verlaufen Bahnschienen, dahinter ist es nicht weit bis zum Industriegelände von BASF. Die Tür zu seinem Arbeitszimmer ziert ein schwarz-gelbes Gefahrenschild für umwelt- und menschengefährdende Produkte. An der Wand hängt die Zeichnung eines Serotonin-Moleküls, ein Glückshormon. Daneben Fotos von Freunden und Familie. Im Regal steht eine Schreibmaschine. Auf der schreibe er gelegentlich noch Briefe, sagt Bölter. Er hat wuschelige, leicht rötlich gefärbte Haare, redet laut und bestimmt, lacht selten, wirkt manchmal gehetzt. In seiner Freizeit trägt Bölter gerne Hemd und Anzug. Treffen ihn Arbeitskollegen so, necken sie: "Na, in die Führungsetage aufgestiegen?"

Vieles ist noch Zukunftsmusik

Tatsächlich könnte ihm der Chip beim Arbeitgeber Türen öffnen, zumindest symbolisch. Als digitaler Mitarbeiterausweis beispielsweise. Die Zugangskarte vergessen, den Schlüssel verloren? Solche Probleme wären passé, ein implantierter Chip lässt sich nicht verlieren.

Mehr als ein NFC-fähiges Smartphone braucht es nicht, um Dominic Bölters Notfallinformationen - oder wahlweise seine Visitenkarte - auszulesen.
Mehr als ein NFC-fähiges Smartphone braucht es nicht, um Dominic Bölters Notfallinformationen - oder wahlweise seine Visitenkarte - auszulesen. © www.loesel-photographie.de

Doch das ist für Bölter noch Zukunftsmusik. Das Türschloss zu seiner Wohnung etwa müsste er erst austauschen. Das dürfte mehr kosten als der Chip selbst. Mit diesem könnte er sich im Internet theoretisch auf jeder Webseite einloggen. Bisher nutzt er ihn aber nur fürs Online-Banking. "Ich konnte mir den Pincode nie merken, und weil der ja eine Zahlenkombi ist, habe ich einfach die Chip-ID genommen." Bei anderen Webseiten klappt das nicht so einfach, eine reine Zahlenfolge reicht als Passwort meist nicht mehr aus. Bölter müsste erst ein Programm kaufen, das die Passwörter digital verwaltet und an die jeweilige Webseite übermittelt.

"Die Technik ist extrem cool"

Am wichtigsten sind ihm seine Notfallinformationen auf dem Chip. Wegen seines Tic-Syndroms nimmt er antipsychotische Medikamente. Die Tics machen sich meist erst bemerkbar, wenn er alleine ist. Mehrmals am Tag überkommen ihn Anfälle, die sich wie tausend Stiche anfühlen, manchmal begleitet von Lähmungserscheinungen, die schnell lebensbedrohlich werden könnten. Allerdings käme ein Notfallsanitäter wohl kaum auf die Idee, bei ihm nach einem implantierten Chip zu suchen.

Dominic Bölter speichert Daten zu seiner Gesundheit auf dem Chip. Die könnten im Notfall von Sanitätern ausgelesen werden. Wenn die denn wissen, dass er einen Chip trägt.
Dominic Bölter speichert Daten zu seiner Gesundheit auf dem Chip. Die könnten im Notfall von Sanitätern ausgelesen werden. Wenn die denn wissen, dass er einen Chip trägt. © www.loesel-photographie.de

Das sieht auch der Bundessprecher des Deutschen Roten Kreuzes, Dieter Schütz, so: "Das ist bei uns nur ein Nischenthema." Chip-Implantate könnten zwar eine wertvolle Informationsquelle sein, die Notfallsanitäter müssten aber erst auf den Chip hingewiesen werden.

"Ich habe mir schon überlegt, ob ich mir groß 'NFC' auf die Hand tätowieren lassen soll", sagt Bölter. "Aber für mich war es ohnehin erst einmal das Interesse an diesen Chips, nicht unbedingt, dass ich sie jetzt schon breit einsetzen könnte. Ich finde so was mit Technik halt extrem cool."

Die "ultimativen Körper-Upgrades"

Sein Interesse begann mit 16 Jahren, als er das Wissensmagazin Galileo im Fernsehen schaute. Dort sah er, wie die Schweden Chip-Implantate nutzen, um ins Fitness-Studio zu gehen oder mit Bus und Bahn zu fahren. Von seinem ersten Lehrlingsgehalt bestellte er sich daraufhin für 60 Euro einen Chip bei der Firma Digiwell in Hamburg. Deren Geschäftsmodell ist es, Menschen durch Technik zu optimieren. Ihre Chip-Implantate bewirbt sie als "ultimative Körper-Upgrades". In der Branche heißt das Biohacking. Der neueste Trend: Implantate, die bei Kontakt mit einem Lesegerät unter der Haut leuchten.

Mit dieser Platine loggt sich Bölter an seinem PC ein. Als Passwort nutzt er die ID-Nummer seines Chips.
Mit dieser Platine loggt sich Bölter an seinem PC ein. Als Passwort nutzt er die ID-Nummer seines Chips. © www.loesel-photographie.de

Dass das Spielerei ist, gibt auch der Gründer und Chef von Digiwell zu. Patrick Kramer unterschreibt seine Mails mit "Chief Cyborg Officer", der oberste Cyborg-Beauftragte. "Mit einem Implantat kann ich viele Bereiche in meinem Leben automatisieren und muss mir um sie keine Gedanken mehr machen", sagt er. Zum Beispiel hätten Parkinson-Kranke dadurch weniger Mühe, die Wohnungstür aufzuschließen. Alzheimer-Patienten könnten Adressen und Telefonnummern hinterlegen. "Für Gesunde ist so ein Chip ganz nett, aber für Kranke ist er eine Lebenserleichterung."

Aber es gebe noch zu viele Mythen und Vorurteile. "So ein Mikrochip ist wie ein Rechner ohne Netzteil. Einfach nur ein Chip kann nichts." Erst wenn der Chip von einem externen Lesegerät per Induktion kurzzeitig mit Strom versorgt wird, können Daten fließen. Der Empfänger darf dafür nicht weiter als zwei Millimeter entfernt sein. "Überwachung ist auf diese geringe Distanz zum Beispiel gar nicht möglich."

Tragen wir bald Chips im Gehirn?

Mikrochip-Implantate mit eigener Stromquelle sind für Kramer eine rote Linie. Batterien seien giftig und sollten möglichst nicht in den Körper gelangen, sagt er. Anfragen zu Chips, die Körperfunktionen überwachen, lehnt er deshalb ab. Auch mit Chips, die das Gehirn beeinflussen, beschäftige sich seine Firma nicht. "Vor 2050 sehe ich auch nicht, dass wir unser Gehirn überhaupt mit Chips ausstatten." Allerdings entwickele sich die Technik häufig schneller, als wir uns vorstellen könnten. Er selbst trage derzeit fünf Chips in den Händen, darunter zwei experimentelle. Was er mit denen testet, will er noch nicht verraten. Betriebsgeheimnis.

Implantation beim Arzt oder Piercer

Als Dominic Bölter seinen Chip bei Digiwell bestellte, schickte ihm Kramer gleich das medizinische Equipment mit, um sich den Chip einzusetzen: eine weiße Spritze, befüllt mit dem Implantat der US-Firma Dangerous Things, was übersetzt "gefährliche Dinge" bedeutet. Dazu OP-Handschuhe, ein Betäubungsmittel für die Handoberfläche, ein steriler Mullverband und der Hinweis, die Implantation auf keinen Fall selbst zu machen, sondern einen erfahrenen Tätowierer aufzusuchen.

Diese Spritze wird von der Firma "Iamrobot" standardmäßig zum Chip mitgeliefert. Implantieren kann den Chip im Prinzip jeder.
Diese Spritze wird von der Firma "Iamrobot" standardmäßig zum Chip mitgeliefert. Implantieren kann den Chip im Prinzip jeder. © Iamrobot

Einen wie Marko Buntrock. Der Vollbartträger mit Glatze arbeitet seit 19 Jahren bei einem Tattoo- und Piercingstudio mit Filialen in Dresden, Kamenz und Hoyerswerda. Seine Kunden begrüßt er mit "Hallöchen". Einige von ihnen hätten sich "den Link zu ihren intimsten Geheimnissen auf ihre Chips gespeichert", sagt er. "Letztens hatte ich einen von der Bundeswehr, der meinte: Ach, ich kann da nicht so drüber reden. Aber auf dem Chip ist das sicher."

Im Osten noch ein Thema für Nerds

Etwa zehn Kunden im Jahr kommen zu Buntrock, um sich für 50 Euro einen NFC-Chip implantieren lassen. "Zu uns kommen fast nur Technik-Freaks, Nerds quasi." Buntrock zählt sich selbst dazu. 2017 wollte er sich einen Chip implantieren lassen, um damit die Wohnungstür zu öffnen. "Meine Frau war davon nicht so begeistert, wir haben die Idee dann wieder verworfen."

Geblieben ist der Kontakt zu den beiden bekanntesten deutschen Biohacking-Firmen Digiwell in Hamburg und I am Robot (auf Deutsch: Ich bin ein Roboter) in Dortmund. Das Darkside-Tattoo-Studio ist ihr Partnerunternehmen, das einzige in Ostdeutschland. Dennoch wird das Thema Chip-Implantation auf der Webseite des Studios nicht erwähnt. Verboten sind Implantationen nicht, auch Ärzte dürften Mikrochips unter die Haut setzen. Der sächsischen Landesärztekammer ist aber kein Arzt bekannt, der bisher damit konfrontiert worden wäre. Weil die Chips medizinisch nicht notwendig sind, bleiben manche skeptisch.

Prinzipiell könne jeder so einen Chip implantieren, meint Buntrock. "Das sollte er aber besser nicht tun." Man könnte etwa eine Blutvergiftung bekommen. "Du kannst ihn dir auch so tief jagen, dass er dann irgendwo im Daumengelenk steckt. Das ist ein Glaskörper, der geht nicht so schnell kaputt."

Den Chip schießt die Mutter unter die Haut

Dominic Bölter ging nicht ins Piercing-Studio. Er brachte Spritze, Chip und Verbandszeug stattdessen im September 2019 zu seiner Mutter. Sie ist gelernte Kosmetikerin, betreibt ein Nagelstudio bei Sohland an der Spree. "Sie hat also ein wenig Ahnung von der menschlichen Anatomie", meint ihr Sohn. Ein wenig Überredung sei nötig gewesen, aber dann habe sie doch zugestimmt. "Meine Eltern wissen, dass ich anders bin", sagt er. "Ich habe meiner Mutter mit 14 den Aufbau eines Kernkraftwerkes erklärt und was das Gottesteilchen in der Physik ist. Sie wissen, dass ich meinen Weg gehe und nichts unüberlegt mache."

Am zweiten Weihnachtstag war es dann so weit, Bölter hatte über Weihnachten Urlaub und war bei seinen Eltern. Kurz noch die Wäsche machen, dann hatte seine Mutter Zeit. Mit dem mitgelieferten Lokalanästhetikum betäubte sie das Fettgewebe zwischen Daumen und Zeigefinger, dann schoss sie den Chip mitsamt Bioglas-Kapsel unter die Haut. "Das Ding war in fünf Minuten drin. Meine Mutter stand danach mehr unter Adrenalin als ich."

Die optimale Position für ein NFC-Implantat liegt zwischen Daumen und Zeigefinger. Dort verlaufen wenige Sehnen und die Stelle lässt sich gut mit dem Handy erreichen.
Die optimale Position für ein NFC-Implantat liegt zwischen Daumen und Zeigefinger. Dort verlaufen wenige Sehnen und die Stelle lässt sich gut mit dem Handy erreichen. © Digiwell

Als er nach dem Weihnachtsurlaub zurück in die Firma kommt, glauben ihm die Kollegen erstmal nicht. "Die haben mich alle für bekloppt gehalten." Bis er ihnen zeigte, dass jeder von ihnen mit dem Handy Daten auf seine gechippte Hand übertragen konnten. Neue Praktikanten nimmt Bölter seitdem aufs Korn: Er lässt sie rätseln, womit er sich am Computer einloggt. "Die denken immer Fingerabdruck oder sonst was. Wenn ich dann mit dem Chip komme, fallen alle vom Hocker."

"Bin noch lange kein Computer"

Für Bölter sind die Möglichkeiten seines Chips noch lange nicht ausgeschöpft. In einer zukünftigen Wohnung will er das Türschloss austauschen. Seinen frisch erworbenen Audi 80 mit Oldtimer-Zulassung will er so umbauen, dass er nicht nur die Tür öffnen, sondern auch den Motor via Chip starten kann. Dafür ist einiges an Bastelei nötig.

Auch im Supermarkt per Chip-Implantat zu bezahlen, ist nicht mehr fern. Dafür müsste sich Bölter allerdings einen neuen, deutlich größeren, in Silikon eingefassten Chip für 200 Euro bestellen. Der käme dann nicht mehr zwischen Daumen und Zeigefinger, sondern in den Handrücken. Ein chirurgischer Eingriff wäre dafür nötig, ein großer tiefer Schnitt. "Das macht mir noch ein bisschen Angst."