SZ + Feuilleton
Merken

Was das eigentliche Problem im Fall Gil Ofarim ist

Der Fall Ofarim bleibt auch Wochen nach dem Antisemitismus-Vorwurf diffus. Warum auch das gut Gemeinte antisemitisch sein kann - ein Gastbeitrag.

 5 Min.
Teilen
Folgen
Der Musiker Gil Ofarim wirft einem Leipziger Hotel Antisemitismus vor.
Der Musiker Gil Ofarim wirft einem Leipziger Hotel Antisemitismus vor. © Archiv/Tobias Hase/dpa

Von Herbert Lappe

Zum Fall Ofarim aus jüdischer Sicht befragt, kann ich mich nur aus meiner Sicht äußern. Andere mögen andere Sichten haben. Vorweg gesagt: Für mich als Jude ist es ein gutes und beruhigendes Gefühl, in einem Lande zu leben, in dem antisemitische Vorfälle von der breiten Öffentlichkeit verurteilt und von Polizei und Justiz geahndet werden.

Wenn es – auch im Zusammenhang mit dem Fall Ofarim – um alltäglichen Antisemitismus geht, wird manchen vielleicht überraschen, was ich darunter verstehe. Alltäglicher Antisemitismus bedeutet für mich, wenn mit mir, weil ich Jude bin, anders umgegangen wird als mit nichtjüdischen Deutschen. Das gilt im Guten wie im Schlechten. Wie oft sagt man mir: „Ja, du als Jude darfst das sagen.“ Weshalb darf ich etwas sagen, was man anderen verübelt? Ich kam ebenso nackt und unschuldig auf die Welt wie, spitzen wir es zu, das Kind eines Nazimörders. Es ist nicht mein Verdienst, dass ich aus einer Familie von Verfolgten und Opfern komme. Genauso wenig wie es die Schuld des Kindes, Enkels oder Urenkels von Nazis ist, dass es Verbrecher als Vorfahren hat.

Im Kern sind solche Aussagen wie „Du als Jude darfst das“ diskriminierend, weil sie mich wegen meiner familiären Herkunft gegenüber anderen Bürgern ausgrenzen. Ich möchte jedoch, wie schon meine Vorfahren, wie alle anderen Bürger wahrgenommen und behandelt werden. Mir ist wichtig, dass meine Schwächen, gleich welcher Art, nicht als „typisch jüdisch“ gedeutet werden. Und dass ich für meine Leistungen geachtet werde – und nicht, weil ich Jude bin.

„Ja, du bist Jude. Du darfst das.“

Dazu noch ein Beispiel aus jüngster Zeit. Der Schriftsteller Max Czollek kritisiert den Umgang der deutschen Gesellschaft mit der Erinnerungskultur zur NS-Vergangenheit. Das Stichwort lautet „Erinnerungstheater“, das Michael Bodemann 1996 prägte. Max Czollek behauptet, Jude zu sein. Darüber, ob er tatsächlich Jude ist, entwickelte sich in Presse und Rundfunk eine lebhafte Diskussion. An ihr beteiligten sich circa 300 Schriftsteller, Rabbiner, Philosophen und andere öffentlich bekannte und unbekannte Personen.

Aber weshalb ist die Frage wichtig? Weshalb wird nicht über den Inhalt von Czolleks Publikationen gestritten? Oder geht es vielmehr darum, ob er sich als Jude zu gewissen Themen kritischer äußern darf als andere Bürger: „Ja, du bist Jude. Du darfst das.“ Gäbe es eine solche Diskussion, wenn ein Autor unterstreicht, er sei Christ? Die gäbe es vermutlich nicht, weil eben zwischen Juden und anderen Menschen unterschieden wird.

Was hat das alles mit dem Fall Ofarim zu tun? Ofarim sagt in einem Video auf Instagram, er sei in einem Hotel in Leipzig antisemitisch beleidigt worden. Nur Stunden danach überschlugen sich die Meldungen. Hier nur eine winzige, aber charakteristische Auswahl. Martin Dulig, Sachsens Vize-Regierungschef: „Es ist inakzeptabel und macht mich wütend, was Gil Ofarim in meinem Heimatland widerfahren ist. Ich spreche für die übergroße Mehrheit der Menschen in Sachsen, wenn ich mich stellvertretend für die antisemitische Demütigung entschuldige.“

Leider äußerte sich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, ebenso voreilig: „Die antisemitische Anfeindung gegen Gil Ofarim ist erschreckend. So wie zu hoffen ist, dass das Westin (Das Hotel, in dem sich der Vorfall ereignet haben soll – Anm. d. Verf.) personelle Konsequenzen zieht, hoffe ich ebenso, dass wir künftig auf Solidarität treffen, wenn wir angegriffen werden.“

Dr. Herbert Lappe wurde 1946 in London als Sohn jüdischer Emigranten geboren. Er war mehrere Jahre Mitglied im Vorstand der jüdischen Gemeinde in Dresden und Vertreter der Jüdischen Gemeinden Sachsens im Beirat der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.
Dr. Herbert Lappe wurde 1946 in London als Sohn jüdischer Emigranten geboren. Er war mehrere Jahre Mitglied im Vorstand der jüdischen Gemeinde in Dresden und Vertreter der Jüdischen Gemeinden Sachsens im Beirat der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. © Ronald Bonß

Wo liegt das gesellschaftliche Problem? Nicht darin, dass Gil Ofarim in seinem Video von Anfang Oktober von einem antisemitischen Vorfall berichtet. In einem anderen Video bezeichnet er sich selbst als säkularer Jude. Was er schildert, ist nach deutschem Gesetz eine Straftat. Eine Straftat muss untersucht werden. Und wenn der Verdacht des Antisemitismus besteht, dann besonders gründlich und vorurteilsfrei. Vorurteilsfreiheit ist ein Grundprinzip unserer Rechtsprechung.

Sturm der Entrüstung im Fall Ofarim

Im Falle Ofarim brach, noch ehe irgendwelche Zeugenaussagen oder Videoaufnahmen erfasst und verifiziert wurden, ein Sturm der Entrüstung los. Persönlichkeiten der Öffentlichkeit und die Medien beschuldigten, nur auf Grundlage von Gil Ofarims Darstellung, einen Hotelmitarbeiter und einen Gast des Antisemitismus. Der Vorwurf der Judenfeindlichkeit, von einem Juden erhoben, hebelte das rechtsstaatliche Prinzip aus, das da lautet: Erst untersuchen, dann bewerten.

Das ist eine besondere Form des Antisemitismus. Dabei werden Juden – nur weil sie Juden sind – besonders entgegenkommend behandelt. Diese Form des Antisemitismus wird als Philosemitismus bezeichnet. Dieser fußt häufig auf religiöser Verehrung und Kritiklosigkeit gegenüber allem Jüdischen durch Christen. Nach 1945 wurde der Philosemitismus zusätzlich durch Schuldgefühle gegenüber Überlebenden des Holocaust befördert. Er fand weite Verbreitung und wird auch auf die heute lebenden Juden, also die erste, zweite und sogar dritte Generation nach den Überlebenden des Holocaust, übertragen.

Mit dem Fall Ofarim erreicht der Philosemitismus eine neue Qualität: Das Grundprinzip des Rechtsstaates – vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich – wird durch vermeintliche Judenfreunde, Philosemiten, ausgehebelt. Und darin liegt für mich das eigentliche Problem des Falls Ofarim.