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Das geheime Leben der Teichlausitz: Ein Blick ins Seeadlernest

Es gibt viel zu entdecken im Oberlausitzer Biosphärenreservat. Tierfilmer Axel Gebauer folgt Rothirschfamilien und verfolgt das Liebesleben der Fischotter.

Von Christina Wittig-Tausch
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Eine Welt, die sonst verborgen ist: Der Lausitzer Tierfilmer Axel Gebauer nutzt eine Drohne, um sich Seeadlern zu nähern, immer mit viel Abstand.
Eine Welt, die sonst verborgen ist: Der Lausitzer Tierfilmer Axel Gebauer nutzt eine Drohne, um sich Seeadlern zu nähern, immer mit viel Abstand. © Axel Gebauer

Die Kraniche haben offenbar verschlafen. Es ist kurz vor fünf Uhr an diesem Sommermorgen, und die Teiche in der Nähe vom Dorf Dürrbach im Oberlausitzer Biosphärenreservat sind erfüllt von ihren Trompeten-Rufen. Noch ist die Sonne nicht zu sehen. „Die Gänse sind weg um diese Uhrzeit. Die Kraniche sonst auch. Aber heute hält sie hier irgendetwas“, sagt Axel Gebauer.

Die Kraniche haben sich an Axel Gebauers Drohne gewöhnt. So war es möglich, ein Foto vom Nest im Schilf zu machen.
Die Kraniche haben sich an Axel Gebauers Drohne gewöhnt. So war es möglich, ein Foto vom Nest im Schilf zu machen. © Axel Gebauer

Für den Tierfilmer und Fotografen aus Dürrbach ist fünf Uhr ebenfalls spät. Im Sommer zieht der 69-jährige Biologe gern in der Dämmerung los, also durchaus schon gegen drei Uhr. „Es ist die spannendste Zeit“, sagt er, „da ist ordentlich was los“. Mit dem Tageslicht verlassen viele Tiere ihre Verstecke und gehen auf Nahrungssuche. Zugleich kehren die Nachtaktiven von der Jagd zurück und suchen ihre Schlafplätze auf. Für Frühaufsteher bietet das die Chance, etwas mehr vom geheimen Leben im Unesco-Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft nördlich von Bautzen zu sehen, das vor 30 Jahren nördlich gegründet wurde.

Am Morgen zuvor hat Axel Gebauer an diesem Teich zwei Rothirschkühe mit ihren Kindern gesehen. Er ist ein Mensch, der Ruhe ausstrahlt und mit Bedacht spricht. Aber die Augen leuchten, und er redet schneller und lacht öfters, sobald er von seinen Streifzügen mit seinem zweijährigen Mischlingsrüden Akki erzählt. Von den Entdeckungen in diesem Gebiet, das nur 30.000 Hektar groß ist, aber so vieles umfasst. Wälder, Wiesen, verlassene Kohleabbaugebiete, Dorfkirchen, Sanddünen, Heide, ehemalige Truppenübungsflächen, alte Gutshäuser, Moore und vor allem: Wasser.

©  SZ-Grafik

Immer wieder leuchtet es auf. Es spiegelt den Himmel und verleiht dem flachen Land eine große Weite. Wenn die Steppenmöwen laut rufend ihre Kreise ziehen, denkt man an das Meer. Die Mücken lieben das Wasser ebenfalls. Gebauer wedelt sie nur selten beiseite. Schutzmittel? „Brauche ich nicht. Die Mücken stören mich kaum noch“, sagt er.

Axel Gebauer und Hund Akki streifen fast jeden Morgen durch das Teichgebiet bei Dürrbach, einem Ort am nördlichen Rand des Biosphärenreservats.
Axel Gebauer und Hund Akki streifen fast jeden Morgen durch das Teichgebiet bei Dürrbach, einem Ort am nördlichen Rand des Biosphärenreservats. © kairospress

350 Teiche gibt es im Reservat, die meisten davon werden genutzt für die Fischwirtschaft. Hinzu kommt eine Fülle von Gräben, die Wasser in die Teiche bringen oder einst zur Entwässerung des Sumpflandes angelegt wurden. In der gesamten Lausitz bis nach Brandenburg hinein sind es rund 1.000 Teiche. Damit bildet die Region, die auch als „Teichlausitz“ oder „Land der Tausend Teiche“ bezeichnet wird, das größte Teichgebiet Europas. Axel Gebauer kennt die Gegend so gut wie die Taschen seiner tarnfarbenen Jacke. 1997 zog er mit seiner Frau und den Kindern von Görlitz nach Dürrbach.

Damals arbeitete er als Leiter des Tierparks in der Neißestadt. Die Familie wollte aufs Land. Bei ihrer Suche stießen sie auf ein baufälliges Haus, umgeben vom typischen Sandboden der Region, von Wald und Heide. Keine gute Ausgangslage, wenn man von einem üppigen Garten mit viel Obst und Gemüse träumt. Aber als Gebauers an einem warmen Frühlingstag zur Besichtigung da waren, flog ein Schwarzspecht über sie hinweg, liebestoll rufend. Und dann war da noch das gerade gegründete Biosphärenreservat, nur einen kurzen Spaziergang oder ein paar Meter mit dem Rad entfernt auf meist stillen Wegen.

Das Biosphärenreservat im Morgennebel: Wald, Wasser und Schilf prägen die Landschaft.
Das Biosphärenreservat im Morgennebel: Wald, Wasser und Schilf prägen die Landschaft. © Axel Gebauer

2010 gab der Hobbyfotograf seinen Posten auf, um Neues zu wagen. Seither arbeitet er als freiberuflicher Fotograf und Tierfilmer. Dafür war er in der ganzen Welt unterwegs, im Kaukasus, in der amerikanischen Sonorawüste, in Asien bei den Roten Pandas. Aber oft filmt er vor der Haustür. Auch seine beiden jüngsten Filme „Unter Wölfen“ und „Zwischen Wasser und Wald“, die bei Arte gezeigt werden, sind größtenteils im Reservat entstanden.

In dem relativ kleinen Gebiet tummelt sich eine Fülle von Pflanzen- und Tierarten. Viele davon sind eng mit Wasser und Schilf verbunden. „Diese Dichte und das Nebeneinander von so unterschiedlichen Landschaftsformen ist sehr besonders, auch im Vergleich zu Schutzgebieten in anderen Teilen der Welt“, sagt Gebauer.

So farbenfroh kann die Lausitz sein: Eine Brache an den Dürrbacher Teichen
So farbenfroh kann die Lausitz sein: Eine Brache an den Dürrbacher Teichen © Axel Gebauer

Die Idee, das Gebiet zu schützen, tauchte erstmals zu DDR-Zeiten auf. 1994 ernannte der Freistaat es zum Biosphärenreservat, zwei Jahre später nahm die Unesco es in ihr Programm auf. Es ist das einzige in Sachsen. Mit den Reservaten Nordamerikas für indigene Bewohner hat es nichts zu tun. Im Biosphärenreservat wird die Natur geschützt, aber auch genutzt. Denn es ist der Mensch, der durch sein Wirtschaften in Jahrhunderten diese Landschaft und ihre Artenvielfalt ermöglicht hat und immer noch ermöglicht.

Alle Teiche wurden künstlich geschaffen, die ersten im 13. Jahrhundert. Richtig los ging es ab dem 16. Jahrhundert, als die Rittergutsbesitzer entdeckten, dass sich gut Geld verdienen lässt mit Teichwirtschaft. Gebuddelt, den Matsch zu Inseln aufgehäuft, Gräben angelegt und Stauanlagen gebaut haben andere. Die Löhne waren billig. Die Fertigkeiten der Teichbauer wurden auch jenseits der Lausitz gerühmt.

Die beiden Rothirschkühe laufen mit ihren Kälber durch das flache Wasser und verbergen sich im Schilf. Sie und andere Tiere haben hier ein System aus Wegen geschaffen.
Die beiden Rothirschkühe laufen mit ihren Kälber durch das flache Wasser und verbergen sich im Schilf. Sie und andere Tiere haben hier ein System aus Wegen geschaffen. © Axel Gebauer

Wer die Teichlausitz erkunden will, braucht das, was oft leidet im hohen Tempo der Gegenwart: Geduld, Zeit, wache Sinne und vielleicht auch eine der Führungen, die regelmäßig im Reservat angeboten werden. Die Naturschätze erschließen sich oft erst auf den zweiten Blick.

Da entdeckt man dann direkt neben einer Bahnlinie einen Fischadler im Nest auf einem Mast. Einen Seeadler auf einer dürren Baumkrone. Eine Wiese mit Orchideen. Die eigentümliche Atmosphäre im Erlenbruch, wo Äste zum sumpfigen Grund stürzen und ein ziemlich zwielichtiges Gewirr bilden. Das lila Leuchten der Heide ab dem späten Sommer. Oder man lauscht der Grundmelodie dieser Landschaft: dem Rascheln des Schilfs im Wind.

Bis auf die Kernzonen, die knapp vier Prozent des Gebiets ausmachen, sind überall menschliche Eingriffe aus Geschichte und Gegenwart sichtbar. Es waren vor allem Sorben, die hier lebten. Bis ins 20. Jahrhundert bildeten die Sorbischsprachigen die Mehrheit in den Dörfern des Gebiets, das immer wieder heftigem Wandel unterworfen war: Kriegen, Revolutionen, Krankheiten wie der Malaria und schließlich der industriellen Revolution. Der Energiehunger leitete das Kohlezeitalter ein, das neue Arbeitsplätze brachte.

So sieht eine Landschaft aus, wenn der Kohleabbau eingestellt ist: Die kahlen Böden lassen an Marslandschaften denken.
So sieht eine Landschaft aus, wenn der Kohleabbau eingestellt ist: Die kahlen Böden lassen an Marslandschaften denken. © Axel Gebauer

Lange Zeit war dies eine eher einsame, menschenarme Region. Landwirtschaft war mühsam. Auf alten Karten im Sorbischen Museum in Bautzen sind viele Bäume und Gewässer eingezeichnet, aber wenige Mühlen und Wege. Aus moorigem Gelände stiegen entzündliche Gase auf und erzeugten Licht. Angesichts von Nebel, wilden Flussauen und dunklen Tümpeln lief die Fantasie wohl auf Hochtouren.

Gegenden wie diesen prägten viele Sagen der Lausitz. Die Legende vom Irrlicht etwa oder vom Schlangenkönig. Vom Wassermann oder der Mittagsfrau, die auf unvorsichtige Opfer lauern. Am westlichen Rand des Reservats entstand der Mythos von Krabat, dem Zauberer. Vorbild war wohl der vor 400 Jahren geborene und in Särchen lebende Johann von Schadowitz, ein kroatischer Soldat im Dienst sächsischer Landesherren.

Lobgesänge auf den Reiz der Landschaft waren eher selten. Auswärtige Reisende des 18. Jahrhunderts blieben lieber im direkten Umfeld von Bautzen oder Kamenz. Die schöne, tröstliche, aber bedrohte Natur beschrieb Gottfried Unterdörfer aus Uhyst. Der Ort liegt heute nahe des Bärwalder Sees, ein Tagebausee. Oberhalb des Eiscafés betreut ein Verein ein kleines Museum über den 1992 gestorbenen Dichterförster. Er wurde nach Krieg und Gefangenschaft 1950 in dem Dorf sesshaft. Dort sann er über Frieden, Demokratie, Kraniche und die „Erdwunden“ der Kohle. Schrieb über die „schläfrigen Morsetöne der Unken“ oder das „Grünen, Blühen, Wolkenwehen/und über dir das Auf- und Niedergehen/des ewig alten täglich neuen Lichts“.

Das Grün kommt wieder zurück: Bergbaufolgelandschaft bei Hoyerswerda
Das Grün kommt wieder zurück: Bergbaufolgelandschaft bei Hoyerswerda © Axel Gebauer

Deutlich sind die Spuren der Vergangenheit auch im ehemaligen Bergbaugebiet bei Bärwalde, das nur mit Genehmigung betreten werden darf. Der kahle Boden mit der Anmutung einer Marslandschaft ist nach gewaltigen Bodenumwälzungen, bis zu 50 Meter hohen Aufschüttungen und Anpflanzungen inzwischen begrünt.

Die Pflege dieser Landschaft ist Experiment und Herausforderung zugleich. Schafe und Ziegen sorgen dafür, dass sie zum Teil baumlos bleibt, weil viele seltene Tierarten das Offenland bevorzugen. Beispielsweise der Wiedehopf, ein Vogel mit Kamm und prachtvollem Federkleid. Gut ein Drittel der sächsischen Bestände lebt im Reservat.

Die Weidetiere müssen jedoch durch Zäune und Hunde vor Wölfen geschützt werden, die hier ebenfalls gute Lebensbedingungen vorfinden. „Und das Grün, das allmählich wächst, ist nicht immer das Grün, das gewollt ist“, sagt Dirk Weis, Mitarbeiter des Biosphärenreservats. Statt für Insekten wertvolle Heide wuchern derzeit vor allem Ginsterbüsche. Nicht einmal die Ziegen wollen sie noch fressen.

Auch Wölfe fühlen sich in der Bergbaufolgelandschaft wohl. Die Weidetiere im Gebiet werden durch Zäune und Hunde geschützt.
Auch Wölfe fühlen sich in der Bergbaufolgelandschaft wohl. Die Weidetiere im Gebiet werden durch Zäune und Hunde geschützt. © Axel Gebauer

Im Biosphärenreservat gilt nicht automatisch und überall strenger Naturschutz. Hier werden auch Jagd und Forstwirtschaft betrieben. Die Verwaltung unterhält eine Reihe von Projekten, die nachhaltige Landwirtschaft anstoßen sollen. Deshalb wachsen auf manchen Feldern alte Getreidesorten oder Mohn. Eine Mühle und Bäcker der Region verarbeiten sie.

Viele der Felder werden jedoch nach wie vor intensiv bewirtschaftet. „Das hat die Unesco 2016 angemahnt bei ihrer alle zehn Jahre stattfindenden Prüfung“, sagt Dirk Weis. „Aber hier in der eher dünn besiedelten und nicht gerade reichen Region fehlen die Absatzmärkte für Bioprodukte.“

Ein seltener Vogel: Braunkehlchen brauchen artenreiche Feldränder, Brachen und blütenreiche Wiesen, wo sie brüten und nach Insekten suchen.
Ein seltener Vogel: Braunkehlchen brauchen artenreiche Feldränder, Brachen und blütenreiche Wiesen, wo sie brüten und nach Insekten suchen. © Axel Gebauer

An den Dürrbacher Teichen sucht Axel Gebauer mit dem Fernglas Wald und Schilf ab, auf der Suche nach den Hirschkühen. Vergeblich. Also nimmt der Biologe seine Drohne aus dem Rucksack. Die 5.000 Euro teure Apparatur hat er vor zwei Jahren vom Preisgeld eines Films gekauft. Das Filmen von Tieren mit Drohnen ist umstritten, weil mancher Pilot viel zu nahe heranfliegt. Gebauer achtet darauf, Abstand zu halten und die Tiere allmählich an das Flugobjekt zu gewöhnen.

Sekunden später eröffnet sich eine andere Welt. Wie ein Labyrinth ziehen sich die zahlreichen Wege der Tiere durch das Schilf. Auf dem Display des Steuergeräts sind die beiden Hirschkühe mit je einem Kalb zu sehen: Sie wandern im flachen Wasser zwischen Inseln umher. Kaum betreten sie den vier Meter hohen Schilfwald, werden sie unsichtbar. Axel Gebauer zeigt noch das zwei Meter große Nest eines Singschwans aus Schilfrohr. Mutter und Kind schwimmen nicht weit entfernt.

Ein Singschwan mit seinem Nachwuchs unterwegs auf einem Teich. Vom Höckerschwan ist er gut zu unterscheiden durch die gelbe Farbe seines Schnabels.
Ein Singschwan mit seinem Nachwuchs unterwegs auf einem Teich. Vom Höckerschwan ist er gut zu unterscheiden durch die gelbe Farbe seines Schnabels. © Axel Gebauer

Solche Szenen tauchen auch in seinen beiden neuen Filmen auf, zusammen mit Bildern aus Fotofallen. In Absprache mit der Reservatsverwaltung, Förstern und Fischern hatte er vier Jahre lang 150 getarnte Kameras installiert, die bei Bewegungen auslösen. Das lässt den Tieren mehr Raum als das Belauern aus kleinen Zelten heraus. Zugleich gewährt es ungewöhnliche Einblicke. Etwa ins Liebesleben der Fischotter, die sich über Tage jagen und miteinander spielen, ringen und ins Wasser rollen, bevor sie sich schließlich paaren.

Fischotter brauchen eine Weile, bevor sie die Familiengründung ernsthaft angehen. Erst wird gerauft und gespielt.
Fischotter brauchen eine Weile, bevor sie die Familiengründung ernsthaft angehen. Erst wird gerauft und gespielt. © Axel Gebauer

Das Leben im Schilf findet Axel Gebauer so faszinierend, dass er einen Film darüber machen möchte. Über die vielen Tiere, die ihren Lebensraum im Namen tragen, wie die Rohrdommel oder die Rohrweihe. Er erzählt von der Zigarrenfliege, die ihre Eier in die Kolben legt. Dadurch schwillt die Pflanze im oberen Teil an und formt Gebilde, die an Zigarren erinnern.

Der Planet Schilf ist nicht nur ein Zufluchtsort, er bietet auch Stoff für Diskussionen. Viel Schilf freut Vögel und Insekten. Aber viel Schilf verdunstet mehr Wasser, das im Zuge des Klimawandels auch für die Fischer zu einem immer knapperen Gut wird. Schilf raubt den Fischen Platz im Wasser, der gebraucht wird, um die Betriebe wirtschaftlich zu führen.

Die Rohrdommel ist im Schilf kaum auszumachen mit ihrem Gefieder. Hier verspeist sie einen Fisch. Von ihm ist noch ein Auge zu sehen.
Die Rohrdommel ist im Schilf kaum auszumachen mit ihrem Gefieder. Hier verspeist sie einen Fisch. Von ihm ist noch ein Auge zu sehen. © Axel Gebauer

„Ohne das Mähen würden die Teiche zuwachsen und verlanden“, sagt Karsten Ringpfeil. Er betreibt eine Teichwirtschaft in Wartha bei Königswartha. Als Kind hat der 49-Jährige noch gesehen, wie das Schilf mit der Handsense gemäht wurde. Heute entfernt man es mit Mähbooten, die viel Krach machen.

Gemäht werden darf im Reservat meist erst nach der Brutzeit, also ungefähr ab Juli. Sind manche Arten schnell beim Brüten, dürfen die Mäher eher loslegen. Es ist dennoch wenig Zeit, um das wuchsfreudige Schilf zu bändigen, „denn ab September geht es bei uns in die Hochsaison, die bis Silvester dauert.“

Karsten Ringpfeil bildet die vierte Generation. Der Urgroßvater hat den Betrieb 1930 gegründet. Ringpfeil produziert in vierzig Teichen mit einer Fläche von 400 Hektar hauptsächlich Karpfen, einen kleinen Teil in Bioqualität, außerdem Hechte, Schleie, Welse und weitere Arten. Es ist einer der größeren Betriebe der Region.

Fischer Karsten Ringpfeil aus Wartha mit einem Karpfen. Die Teichwirtschaft prägt die Landschaft und bietet vielen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum. Aber die Pflege der Teiche ist harte Arbeit.
Fischer Karsten Ringpfeil aus Wartha mit einem Karpfen. Die Teichwirtschaft prägt die Landschaft und bietet vielen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum. Aber die Pflege der Teiche ist harte Arbeit. © SZ/Uwe Soeder

Die Arbeit mit den Fischen und an den Teichen hört nie auf. „Ich renne sechs bis sieben Tage pro Woche um meine Teiche“, sagt er. Im Frühling werden die selbst gezogenen Karpfen ausgesetzt. Die Fische sind nach Alter und Gewicht untergebracht und müssen immer mal umgesetzt werden. Schlachtreif sind sie nach dem dritten Sommer. Ringpfeil kontrolliert täglich Wasserqualität und -menge, ob die Fische gesund sind und die Zuläufe intakt. Auch nach den Zäunen sieht er, die Fischotter manchmal durchbeißen würden.

Die Karpfen ernähren sich weitgehend selbst, aber im Sommer füttern die Fischer von Booten aus zu. Dafür muss teilweise Getreide in den Teich geschaufelt werden. Ab Herbst führt der Blick noch häufiger als sonst zum Himmel, ob ein Trupp aus Kormoranen naht. Karpfen haben es gern warm, wenn sie für Nachwuchs sorgen, und auch die Nachkommen brauchen bestimmte Temperaturen, um zu gedeihen. Deshalb sind die Teiche meist nur einen Meter tief. So gelangen Kormorane, die gute Taucher sind, leicht an die Fische.

Bangen um die Himmelsteiche

In den 90er-Jahren standen die Brutgebiete der schwarzen Vögel in Norddeutschland unter Schutz. Sie vermehrten sich und fischten auch den einen oder anderen Teich in der Lausitz nahezu leer. Inzwischen dürfen sie zwischen Mitte August und Ende März in bestimmten Bereichen geschossen werden. Auch Karsten Ringpfeil hat einen Jagdschein. Es sei nicht einfach, die klugen Vögel zu jagen. Sie erkennen die Autos der Menschen, die ihnen nachstellen, und können sehen, ob jemand eine Flinte hervorholt oder eine Schaufel.

Den Jahresurlaub nimmt Ringpfeil im Februar. Meist macht er eine Woche Skiurlaub. „Es gab schon ein paarmal Situationen, in denen ich überlegt habe, aufzuhören“, sagt er. Wenn die Großhandelspreise für Karpfen wieder stark fielen durch die Konkurrenz aus Osteuropa und Bayern. Anfang des Jahrtausends grassierten Fischkrankheiten. Zweifel kamen auf in den trockenen Jahren 2018 bis 2020, als die durch Regen gespeisten „Himmelsteiche“ austrockneten. Bei den anderen Teichen floss kaum noch Wasser nach. Dann kam Corona hinzu. Viele Gaststätten und Großkunden stornierten die Aufträge.

Im Herbst, von September bis Silvester, haben die Teichfischer Hochsaison. Dann werden die Teiche abgelassen, die Fische herausgeholt und die Teiche entschlammt.
Im Herbst, von September bis Silvester, haben die Teichfischer Hochsaison. Dann werden die Teiche abgelassen, die Fische herausgeholt und die Teiche entschlammt. © Axel Gebauer

Aber es ist weitergegangen. Das feuchte Jahr sorgt für ausreichend Wasser. Nur die Himmelsteiche sind etwas zu niedrig. Karsten Ringpfeil ist momentan ganz zufrieden. Die Corona-Zeit habe seiner Direktvermarktung einen Aufschwung beschert. „Plötzlich kamen viel mehr Kunden und sagten, dass sie jahrelang an unserem Hofladen vorbeigefahren sind. Man merkt, dass die Leute sich bewusster ernähren und mehr Wert legen auf regionale, nachhaltige Produkte.“ Da habe der Karpfen viel zu bieten, sagt Dirk Weis vom Biosphärenreservat. Laut Studien von Umweltverbänden ist der Karpfen von allen Speisefischen der Welt ökologisch am unbedenklichsten.

Die trockenen Jahre waren ein Vorgeschmack, wie es werden könnte, wenn die Prognosen eintreffen. „Bei dem einen oder anderen Teich wird der Punkt kommen, dass er nicht mehr zu halten ist“, meint der Fischer. Was wird, wenn das bei zu vielen der Fall ist?

Karsten Ringpfeil zuckt mit den Schultern. Er will weiter kämpfen. Er hängt an der Landschaft und ihren Menschen, deren „Besonderheit ich erst begriffen habe, als ich in Berlin zum Studium war.“ Er denkt viel nach über das Wasser, wie man es effizienter nutzen kann. Ob man vielleicht nur alle zwei Jahre die Teiche ablässt. Trotz allem freut er sich auf das Abfischen im Herbst: „Wenn man sieht, dass schöne runde Fische aus dem Wasser kommen, dann ist die Welt für eine kleine Weile ziemlich in Ordnung.“

Axel Gebauer sammelt für seine Filme nicht nur Bilder, sondern auch Geräusche. Der Puschel am Mikrofon dämpft die Windgeräusche.
Axel Gebauer sammelt für seine Filme nicht nur Bilder, sondern auch Geräusche. Der Puschel am Mikrofon dämpft die Windgeräusche. © kairospress

Das Ringen um Lebensräume und Landschaft hört nie auf. Im Dürrbacher Teichgebiet verweilt Axel Gebauers Hund Akki auf einer Stelle nahe am Ufer, witternd, lauschend. „Untendrunter schläft wahrscheinlich der Biber in seiner Höhle“, erklärt der Naturfilmer und zeigt auf das Atemloch im Boden.

Ein paar Meter weiter kann man die Arbeiten des Nagetiers sehen und versteht, warum Fischer und Landwirte über die Ausbreitung des Bibers weniger glücklich sind. Er gräbt Löcher in Teichdämme. An anderen Stellen staut er Wasser an, indem er Matsch aus dem Teich schaufelt und aufhäuft zu einer Art Wall. Oder er errichtet Dämme aus Ästen und Stämmen. Alles, damit der Eingang seiner Höhle zuverlässig unter Wasser steht.

Schnarchender Biber

Akki ist nicht wegzubekommen von der Biberhöhle. Axel Gebauer will demnächst über Nacht ein Mikrofon in das Atemloch hängen. Er nimmt oft Geräusche auf für seine Filme, meist in der Frühe an Sonntagen, wenn die Menschen am wenigsten lärmen. „Wer weiß, Akki, vielleicht kann ich dann auch so wie du hören, wie der Biber schnarcht“, sagt er und lacht.