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Wie der größte Steuerraub Sachsens organisiert wurde

Ein Ex-Manager der Strombörse Leipzig ist angeklagt, an einem von Dubai aus organisierten Betrug mit Kohlendioxid-Zertifikaten beteiligt gewesen zu sein.

Der frühere Strombörse-Manager Thomas Pilgram (re.) muss sich vor dem Landgericht Leipzig verantworten. Ihm wird vorgeworfen, an einem groß angelegten Umsatzsteuerbetrug beteiligt gewesen zu sein.
Der frühere Strombörse-Manager Thomas Pilgram (re.) muss sich vor dem Landgericht Leipzig verantworten. Ihm wird vorgeworfen, an einem groß angelegten Umsatzsteuerbetrug beteiligt gewesen zu sein. © Marta Orosz/Business Insider

Von Marta Orosz und Ulrich Wolf

An einem Tag Ende März 2010 lässt sich Thomas Pilgram von seiner Unterkunft im Jumeirah Beach Hotel in Dubai in einer Limousine nach Abu Dhabi fahren. Eine Frau begleitet den Leipziger Geschäftsmann. Die Tour dauert anderthalb Stunden und führt durch die Wüste, dann an der Küste entlang. In der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate angekommen trennt er sich von seiner Begleiterin und sagt, er wolle nur kurz Geschenke kaufen.

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Doch den Ermittlungsakten zufolge geht Pilgram zum Hauptsitz der National Bank of Abu Dhabi, wo eine Bankmitarbeiterin bereits auf ihn wartet. Danach trifft er sich wieder mit seiner Reisepartnerin, und sie gehen auf einen traditionellen Nachmittagstee. Was die Frau zu der Zeit nicht wusste: Den Banktermin für Pilgram hatte ein Hintermann eines international organisierten Umsatzsteuerbetrugs organisiert. Von seinem Konto bei der Bank in Abu Dhabi überweist er ein halbes Jahr später eine Million Euro nach Deutschland.

Den Ermittlungsakten zufolge logierte der Leipziger Geschäftsmann Thomas Pilgram im März 2010 im Jumeirah Beach Hotel in Dubai, um von dort aus Hintermänner des Steuerbetrugs zu treffen.
Den Ermittlungsakten zufolge logierte der Leipziger Geschäftsmann Thomas Pilgram im März 2010 im Jumeirah Beach Hotel in Dubai, um von dort aus Hintermänner des Steuerbetrugs zu treffen. © Unplash/Marc Deriaz

Die Rolle von Pilgram beim Steuerbetrug mit Kohlendioxidzertifikaten blieb bisher verborgen. Dabei verursachten die so genannten Umsatzsteuerkarusselle dem deutschen Fiskus einen Steuerschaden von insgesamt 850 Millionen Euro. Täter und Finanzierer sind größtenteils bereits verurteilt, die meisten von ihnen haben ihre Haftstrafen sogar schon abgesessen.

Seit Herbst ist auch der Energie-Experte und Geschäftsmann Thomas Pilgram vor dem Landgericht Leipzig wegen Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall angeklagt. Aus gemeinsamen Recherchen von Business Insider und ZDF/Frontal21 geht hervor, dass er „als Mitglied einer Bande“ eine Sonderrolle im Umsatzsteuerbetrug eingenommen haben soll – was der 51-Jährige jedoch bestreitet.

Gegen Pilgram ermitteln die Behörden seit mehr als acht Jahren. Er ist einer der letzten mutmaßlichen Täter und soll einen Steuerschaden von 75,3 Millionen Euro mit verursacht haben. Pilgram legt Wert darauf, dass dem Fiskus kein Schaden entstanden, alles schon zurückgezahlt worden sei. Das Landgericht Leipzig sagt, die Hälfte sei zurückgeflossen.

Verräterische Nachrichten über das Mobiltelefon

Der Abstecher nach Abu Dhabi war nicht der erste Besuch Pilgrams in Dubai. Den Akten zufolge traf er schon im Dezember 2009 in Dubai die Hintermänner des Umsatzsteuerbetrugs. Dass er genau wusste, mit wem er zu tun hat, legen SMS-Nachrichten nahe, die er Anfang Dezember während seines Aufenthalts in Dubai mit einer Kollegin wechselte.

„Wann triffst Du Dich mit den Kriminellen?“, fragte die Kollegin.

„Jetzt um 3 mit den ersten“, antwortete Pilgram.

Am nächsten Tag fragt die Kollegin: „Wie ging es mit den Betrügern heute?“

Pilgram antwortet: „Jetzt bin ich mit dem Gangster von gestern essen, er will Gashandel mit uns machen, mal sehen…“

Die Hintermänner, mit denen sich der gebürtige Bielefelder traf, haben für den Umsatzsteuerbetrug mehrere Vorratsgesellschaften gekauft und die Ware – diesmal Emissionszertifikate – im Kreis gehandelt. Doch um mit größeren Mengen handeln zu können, brauchten die Betrüger einen etablierten, glaubwürdigen Handelspartner. Sie suchten eine Firma, bei der große Handelsvolumen nicht auffallen und die Zugang zu den Energiemärkten hat.

Die Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Lippendorf bei Leipzig: Bei dieser Art der Energieerzeugung fällt viel Kohlendioxid an. Der Emissionshandel mit CO2-Zertifikaten soll helfen, den Ausstoß zu senken.
Die Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Lippendorf bei Leipzig: Bei dieser Art der Energieerzeugung fällt viel Kohlendioxid an. Der Emissionshandel mit CO2-Zertifikaten soll helfen, den Ausstoß zu senken. © Foto: Jan Hübner

Die Hintermänner kamen schließlich mit der Leipziger Handelsfirma Becomac ins Geschäft, die seinerzeit Pilgram gehörte. Einst Referent im Vorstand der Landesbank Sachsen, hatte der studierte Wirtschaftswissenschaftler eine Karriere im Energiehandel hingelegt. Er leitete die Geschäftsentwicklung an der Leipziger Strombörse und war Mitglied im Wirtschaftsrat der CDU. Betrüger, die im Zusammenhang mit Steuerkarussellen bereits verurteilt worden sind, berichten laut Ermittlungsakten über Kickback-Zahlungen, die Pilgram für seine Teilnahme am Betrug erhalten haben soll: In Dubai „warben alle Marktteilnehmer um seine Gunst.“

Die Transaktionen in einem Umsatzsteuerkarussell ergeben meistens keinen wirtschaftlichen Sinn. Der Profit kommt aus der Rückerstattung nicht bezahlter Umsatzsteuer. Der Betrug mit Emissionszertifikaten in den Jahren 2009 bis 2010 ist bisher einer der größten und bekanntesten Fälle dieser Art von Wirtschaftskriminalität.

Der Profit kam aus der Umsatzsteuer

Meistens kaufte Muhammad A., ein Programmierer in Dubai, im Auftrag der Hintermänner Emissionszertifikate ein und verkaufte diese dann an vorgegebene deutsche Firmen weiter. Emissionszertifikate waren für Steuerkarusselle besonders attraktiv, denn es ging um eine virtuelle Ware, die man auf Online-Konten hin- und herschieben konnte.

Die eingebundenen deutschen Firmen verkauften diese Zertifikate innerhalb weniger Stunden an Becomac in Leipzig. Die Steuerfahnder rekonstruierten, wie Pilgrams Firma die Zertifikate von mehreren solcher Unternehmen abnahm und diese entweder an die Strombörse oder unter dem Börsenpreis an die Deutsche Bank weiterverkaufte. Der Profit kam aus der Umsatzsteuer: Einige zwischengeschaltete Firmen ließen sich die Umsatzsteuer auf die verkauften CO2-Zertifikate von einem Finanzamt erstatten und verschwanden innerhalb weniger Monaten, ohne selbst Steuern gezahlt zu haben.

Bei der Strombörse EEX in Leipzig war Thomas Pilgram zuerst Marketingchef und dann für die Geschäftsentwicklung zuständig. 2004 verließ er das Unternehmen.
Bei der Strombörse EEX in Leipzig war Thomas Pilgram zuerst Marketingchef und dann für die Geschäftsentwicklung zuständig. 2004 verließ er das Unternehmen. ©  PR

Im Oktober 2009 wollen mehrere Länder dem Betrugsmodell einen Riegel vorschieben. Doch in Deutschland bleibt der Markt, trotz Warnungen britischer Fahnder, für Umsatzsteuerbetrüger offen. Dennoch werden Pilgram die Geschäfte mit verdächtigen Firmen beinahe zum Verhängnis.

Bei einer Standardabfrage taucht Becomac in mehreren Geldwäscheverdachtsanzeigen auf. Nicht selbst als verdächtiges Unternehmen, sondern als Kunde oder Lieferant verdächtiger Firmen. Doch die Banker gehen davon aus, dass Becomac ein redliches Unternehmen ist. Die Firma gehörte vor der Übertragung auf Pilgram zum Bitterfelder Solarkonzern Q-Cells SE, der Leipziger selbst verfügte über gute Referenzen im Emissionshandel.

Verhaftung im Leipziger Hauptbahnhof

Also steigen Anfang 2010 die Trader der Deutschen Bank ein. Sie kaufen Pilgram die betrugsbehafteten CO2-Zertifikate ab. Später sollten sechs Manager der Bank dafür verurteilt werden: Einer muss in Haft, fünf bekommen eine Bewährungsstrafe.

Im April 2010 schlagen Steuerfahnder und das Bundeskriminalamt zu: Sie durchsuchen die Deutsche Bank in Frankfurt am Main sowie 150 weitere Firmensitze in mehreren Ländern. Die CO2-Party ist vorbei. In den beschlagnahmten Akten fällt die Becomac auf, die Ermittler übergeben den Fall an ihre Kollegen in Sachsen.

Pilgram steht am Gleis 10 im Leipziger Hauptbahnhof, als ihn zwei Polizeibeamte an einem Tag Ende Januar 2012 vorläufig festnehmen. Es geht um den „dringenden Verdacht der Steuerverkürzung und Steuerhinterziehung.“ Die Fahnder finden Kontaktdaten zu den Hintermännern der Umsatzsteuerkarusselle.

Ende Januar 2012 wird Thomas Pilgram an Gleis 10 im Leipziger Hauptbahnhof vorläufig festgenommen.
Ende Januar 2012 wird Thomas Pilgram an Gleis 10 im Leipziger Hauptbahnhof vorläufig festgenommen. © dpa-Zentralbild

2013 wird auch den sächsischen Finanzbehörden klar, dass Pilgram „wissentlich in das Umsatzsteuerkarussell eingebunden sei.“ Nun werden die Steuererklärungen seiner Firmen unter die Lupe genommen. Dem Finanzamt fällt auf, dass er eine Überweisung von einer Million Euro aus Dubai in seiner Steuererklärung nicht angab und somit nicht versteuert hat. Dabei ging es um eine Überweisung aus Abu Dhabi – von der Bank, die er Anfang 2010 besucht hatte.

Den Ermittlern zufolge war das Schmiergeld, das er „für seine aktive Teilnahme an dem großangelegten und europaweiten Umsatzsteuerkarussellbetrug“ bekommen haben soll. Mit dem Geld kaufte Pilgram Firmenanteile und ließ es so in die legitime Wirtschaft fließen. Das aber sollte das kleinere Übel sein.

Kein Blickkontakt mit dem Programmierer aus Dubai

Weitere Ermittlungen ergaben, dass Pilgram den Staat insgesamt um 75,3 Millionen Euro geprellt haben soll. Sein Anwalt, der auf Wirtschaftsrecht spezialisierte Jurist Michael Stephan aus Dresden, sagt, Becomac sei zwar in Umsatzsteuerkarusselle verwickelt gewesen; er betont aber, Pilgram habe nicht zu den Hintermännern gehört.

Ende Oktober dieses Jahres wird Muhammad A., der Programmierer aus Dubai, im Pilgram-Prozess am Leipziger Landgericht in Handschellen vorgeführt. Er steuerte das Backoffice des Karussellbetrugs von Dubai aus, nun sitzt er seine Haftstrafe ab. Die Richter befragen ihn stundenlang. Anwalt Stephan reagiert mit Schmunzeln auf die Aussagen von Muhammad A., Pilgram vermeidet Blickkontakt. Als sei es ihm peinlich, dass er und der Programmierer in Gefängniskleidung in derselben Sache befragt werden.

Treffen in Madrid, Amsterdam und Leipzig

Zwar ist Pilgram lediglich für den Betrug mit Emissionshandel angeklagt, die Karusselle liefen aber wohl auch nach dem CO2-Kapitel weiter. Eine Kollegin leitet ihm im Dezember 2009 eine Pressemeldung weiter: „CO2-Betrüger wechseln zu Strom und Gas“, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Die Antwort von Pilgram: „Ist ja auch mein Vorschlag gewesen.”

Ermittlungsakten dokumentieren, wie er Hintermänner in Madrid, in Amsterdam und in Leipzig trifft. Sie planen, die Karusselle mit Strom und Gas weiter zu drehen. Ähnlich wie beim Emissionshandel, geht es um Waren, die digital gehandelt werden. Ein Rechner und gut eingespielte Handelspartner sowie Expertise auf dem Strommarkt sollte dem Netzwerk wieder mehrere Hundert Millionen Euro einbringen.

Das Bundeszentralamt für Steuern in Bonn erhielt einen Tipp ausgerechnet von Pilgrams früherem Arbeitgeber, der Strombörse EEX in Leipzig.
Das Bundeszentralamt für Steuern in Bonn erhielt einen Tipp ausgerechnet von Pilgrams früherem Arbeitgeber, der Strombörse EEX in Leipzig. © PR

Bei Zeugenaussagen in einem Stromkarussell-Verfahren erinnert sich einer der verurteilten Betrüger, dass Pilgram „eine sehr hochgestellte Person im deutschen Energiemarkt war“. Für die Mitgestaltung der Stromgeschäfte sollte er einen Anteil kriegen. Ein Betrüger erzählt in der Vernehmung, dass er Pilgram in einem Pariser Café traf. „Hast Du etwas für mich?“, soll Pilgram gefragt haben. Der Betrüger übergab ihm daraufhin eine Tasche mit 25.000 Euro Bargeld und begleitete ihn zu seinem Cabrio.

Im Sommer 2011 fliegt der Betrug auch im Stromhandel auf. Ausgerechnet die Leipziger Strombörse, Pilgrams früherer Arbeitgeber, warnt das Bundeszentralamt für Steuern vor einem möglichen Betrug, bei dem Becomac involviert sein könnte. Von auffällig hohen Strommengen ist die Rede. „Wir sehen keine klare wirtschaftliche Begründung für die Handelsaktivitäten“, schreibt die Marktaufsicht über Becomac und seine Geschäftspartner.

Keine Scheu vor der Öffentlichkeit

Der interne Bericht kann Pilgram keinen Umsatzsteuerbetrug nachweisen, identifiziert aber notorische Umsatzsteuerbetrüger aus Frankreich als seine Handelspartner. Auf Anfrage teilt Pilgrams Anwalt mit, dass sowohl Pilgram als auch „die von ihm geleiteten Firmen zu keinem Zeitpunkt in Stromgeschäfte verwickelt waren, bei denen Umsatzsteuerhinterziehung stattfand.“

Die Strom- und Gasgeschäfte sind nicht Gegenstand der Anklage am Leipziger Landgericht. Aus Kreisen der Ankläger heißt es, das geschehe aus verfahrensökonomischen Gründen: Der Steuerschaden aus dem mutmaßlichen Betrug mit Strom- und Gashandel soll viel niedriger sein als der aus dem Emissionshandel.

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Festnahme, Durchsuchungen und gegen ihn eingeleitete Verfahren haben Pilgram nicht daran gehindert, weiterhin in der Öffentlichkeit aufzutreten. Während der laufenden Ermittlungen tritt er auf Podiumsdiskussionen mit Politikern auf, gibt Interviews und engagiert sich in Gremien zur Energiewende. Im Frühjahr 2015 gründet seine damals 72 Jahre alte Mutter in Bielefeld eine Beratungsfirma für Energieunternehmen und macht ihren Sohn kurz darauf zum Chef.

Die Betacom indes ist vom Markt verschwunden: Sie ging über Umwege in eine Energiefirma mit Sitz Wiesbaden auf. Deren Gesellschafter wiederum beschlossen vor erst gut vier Monaten, ihr Unternehmen zu liquidieren.

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