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Sachsen

Das Leben kann schön sein

Katrin Möhler lebt mit einem doppelten Handicap. Sie freut sich sehr über die Lichtblick-Hilfe der SZ-Leser für ihre neue Wohnung.

Keine Schwellen und Treppen mehr auf dem Weg nach draußen: Katrin Möhler hat in Dresden-Gorbitz eine behindertengerechte Wohnung bezogen.
Keine Schwellen und Treppen mehr auf dem Weg nach draußen: Katrin Möhler hat in Dresden-Gorbitz eine behindertengerechte Wohnung bezogen. © Jürgen Lösel

Nach dem Klingeln an der Haustür des Hochhauses geschieht erst einmal gar nichts. Gefühlt mehrere Minuten später erst springt der elektrische Türöffner an. Die Wohnungstür im Erdgeschoss öffnet sich dann ganz langsam, zuerst nur einen Spalt. Dahinter wird vorsichtig ein Rollator rangiert. Dann taucht schräg im Türspalt plötzlich der Kopf einer jungen Frau mit kurzen schwarzen Haaren auf – sie strahlt über das ganze Gesicht. So wird man gern empfangen.

Katrin Möhler bittet herein, geht langsam voraus mit ihrem Gefährt durch den Flur ins Wohnzimmer. Hier und auf dem Balkon stehen noch unausgepackte Umzugskisten. Erst vor wenigen Tagen ist sie eingezogen in dieses sorgsam sanierte Haus in Dresden-Gorbitz. Jahrelang hat sie sich über Türschwellen quälen müssen und schwer passierbare Treppen. „Jetzt ist alles leichter“, sagt sie. Wieder ein Grund zum Strahlen. Die 34-Jährige wurde vom Leben nicht verwöhnt. Eine neurologisch bedingte Gehstörung ist angeboren. Als Kind und auch noch als ganz junge Frau konnte sie ganz gut gehen, unsicher zwar, aber es ging. Dann stürzte sie mehrfach, seit etwa sieben Jahren ist auch der Gehstock keine Hilfe mehr, ein Rollator musste her. Als Kind besuchte Katrin Möhler die Astrid-Lindgren-Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Die Schule beschreibt sich selbst mit „Lernen unter dem Dach der Geborgenheit und des Verständnisses füreinander“. Bis zur Werkstufe hat sie es geschafft, es entspricht etwa der 10. Klasse einer Oberschule. Hilfe auf dem Weg ins eigene Leben gab es hier, Praktika fürs Nähen, Kochen, Gärtnern.

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Zum doppelten Handicap kam der frühe Tod der Eltern. Beide starben an Krebs.

Betreuerin will entbehrlich sein

Aber allein war sie nie. Nach der Schulzeit hat die Lebenshilfe Dresden sie aufgefangen und in einer Außenwohngruppe untergebracht. Hier wurde Katrin Möhler auf ein eigenständiges Leben vorbereitet. Wäsche waschen, mit Geld umgehen, sauber machen, die Freizeit gestalten. Als das schon gut klappte, sie war damals 28, konnte sie 2014 die erste eigene Wohnung beziehen. Seit einiger Zeit steht ihr Lebenshilfe-Betreuerin Vivien Hilpert zur Seite, sie sind vom Alter nicht sehr weit voneinander entfernt. „Es macht Spaß mit ihr. Sie ist eine lustige Person, sie lacht gern. Und sie ist dankbar, dass ich ihr einmal pro Woche helfe.“ Sie kann das nicht von allen ihren Schützlingen sagen. Frau Hilpert begleitet sie zu Ämtern und zu Ärzten, manchmal kochen sie zusammen. Alles in allem aber regelt Katrin Möhler ihr Leben allein. „Ich will entbehrlich sein“, sagt Vivien Hilpert. „Sie soll mich eines Tages nicht mehr brauchen.“

Die Lebenshilfe sorgte auch für einen geschützten Arbeitsplatz, zu dem Katrin Möhler morgens von einem Fahrdienst abgeholt und nachmittags wieder heimgefahren wird. Sie spricht gern darüber, wie sie gemeinsam mit ihren Kollegen Vicky und René in Schutzkleidung der Lebensmittelindustrie Gewürze in Gläser füllt, sie etikettiert und verpackt. Sie kennt die Gewürze genau: „Tonkabohnen, Sternanis, Lavendel, Koriander, Orangenschalen. Riecht gut!“ Die fertigen Sommer- und Wintermischungen werden über Amazon verkauft. Katrin Möhler und ihre Kollegen leisten nützliche Arbeit.

Neue Wohnung, neues Glück

Auch ihr privates Umfeld hält zu ihr. Die Schwester lädt sie ein, zu Weihnachten vor allem. Die Tante nimmt sie mit auf Reisen, bis in die Alpen und nach Italien. Besonders wichtig ist ihr der Freundeskreis, Menschen mit ähnlichen Problemen wie sie. Stefanie gehört dazu, Jonny, Nadine und Thomas. Sie kommen zu Besuch oder sie fährt mit der Straßenbahn zu ihnen. „Zum Quatschen und so.“ Geburtstage feiern sie zusammen und auch Silvester.

Aber sie kommt auch ganz gut allein klar. Sie puzzelt gern, 1.000 Teile sind locker drin. Sie malt Bilder aus, schreibt Buchtexte mit Filzstift ab, jedes Wort in einer anderen Farbe. Und sie guckt gern fern, „Das Familiengericht“ bei RTLplus ist ihr absoluter Favorit. Katrin Möhler erzählt das alles gern, und sie strahlt dabei.

Auch im Haushalt hat sie genug zu tun, es dauert ja alles viel länger als bei Leuten ohne Handicap. Zumal sie jetzt in der neuen Wohnung ein Zimmer mehr zur Verfügung hat, das in Schuss gehalten werden muss.

Sie ist sehr froh über die Wohnung, auch wenn der Umzug Kraft gekostet hat. Alles ist viel bequemer und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Nur ein Problem gab es. Sie erhält nur Grundsicherung, und mit dem kleinen Lohn von etwa 150 Euro kommt sie zwar im Alltag gut über die Runden, aber Ersparnisse sind nicht drin. Wie also die Einrichtung komplettieren?

Endlich ohne fremde Hilfe Freunde besuchen

Die Lebenshilfe e.V. stellte einen Antrag bei der Stiftung Lichtblick, die Spenden der Leser der Sächsischen Zeitung sammelt und Menschen in Not unbürokratisch unterstützt. 500 Euro wurden beantragt, 600 hat die Stiftung bewilligt und sehr rasch überwiesen. Ein dunkelgraues Sofa fürs Wohnzimmer wurde davon angeschafft, mit Schlaffunktion, damit auch mal einer der Freunde bei ihr übernachten kann. Und eine Waschmaschine, die alte war hinüber. Die Frauen kauften so günstig ein, dass auch noch die Reparatur des Geschirrspülers vom Lichtblickgeld finanziert werden kann.

Nicht nur die neue Wohnung selbst ist für Katrin Möhler ein Segen. Sie kann jetzt viel einfacher am Leben teilnehmen. Sie will es demonstrieren. Sie schnappt sich ihren Rollator, rangiert ihn wieder zur Wohnungstür hinaus. Sie ruft den Fahrstuhl gleich gegenüber, steigt ein. Als sich die Fahrstuhltüren wieder öffnen, steht sie bereits direkt auf dem Fußweg. Keine lästigen Treppen, keine weiteren Türen mehr. Jetzt muss sie nur noch ein paar Meter weiter – und steht vor dem Supermarkt. „Ich kann nun sogar die Getränke selber kaufen“, sagt sie. Und noch einmal 50 Meter weiter ist die Straßenbahnhaltestelle, barrierefrei. Sie fährt jetzt ohne fremde Hilfe ihre Freunde besuchen oder zum Einkaufen in die Stadt.

Gleich um die Ecke herum gibt es auch Bänke und einen Springbrunnen. Hier kann sie die Sonne genießen. Oder sich mit ihren Freunden treffen, die ihr vielleicht endlich mal wieder einen neuen Witz erzählen.

Das Leben kann schön sein.

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