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Sie werden Sachsens neue Kommissare

210 Polizistinnen und Polizisten sind neu im Dienst. Warum tun sie das? Bei der Verabschiedung der Hochschule lobt und ermahnt Innenminister Wöller sie.

Tina Ahnert (links), Kevin Fetzer und Tina Pirgl gehören zu den 210 Absolventinnen und Absolventen der Hochschule.
Tina Ahnert (links), Kevin Fetzer und Tina Pirgl gehören zu den 210 Absolventinnen und Absolventen der Hochschule. © Matthias Rietschel

Dresden. Ein Mann ist eine Feuertreppe hochgeklettert. Er hat Bier dabei, scheint, in den Tod springen zu wollen. Als Tina Pirgl auf ihn zugeht, zückt er die Waffe. „Man sagt zwar: ‚Reisende soll man nicht aufhalten‘, aber wir sind dafür da, Leib und Leben zu retten“, sagt die 22-Jährige. Die Situation ist eine Übung an der Polizei-Hochschule, der Mann ein Schauspieler. Pirgl lenkt ihn ab, fragt nach Lieblings-Biersorten, verhandelt, aufeinander zuzugehen. „Solche Übungen sind mir in Erinnerung geblieben.“ Auch gespielte Todesnachrichten hat Pirgl überbracht.

Ab jetzt muss sie im echten Leben mit Eskalation klarkommen. Ab Oktober ist sie nach dreijährigem Studium an der sächsischen Polizei-Hochschule Kommissarin – mit ihr 209 weitere, die am Freitag mit Polizei-Orchester und -präsident Abschied feierten. „Menschen wollen gebraucht werden“, so Sachsens Innenminister Roland Wöller bei der Feier im Dresdner Ostra Dome. Die Anwesenden hätten „den wichtigsten Beruf der Welt ergriffen.“ Gleichzeitig ist Wöller um seinen ohnehin angeknacksten Ruf besorgt: „Das Bild über uns, unsere Reputation ist ein zerbrechliches Gut. Wir haben alle Anteil daran, es zu pflegen.“

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1.600 Bewerber - 200 Plätze

Es genüge „einer, der Mist baut, dann sind alle in Haft.“ 2018, als Chemnitz wegen rechtsextremer Ausschreitungen bundesweite Aufmerksamkeit erfuhr, habe er beobachtet, dass Menschen, die noch nie dort waren, „zunehmend sicherer wurden im Urteil, je weiter sie von der Stadt Chemnitz entfernt sind.“ Wöller klagt: „Verantwortlich bin ich sowieso für alles oder werde dafür gemacht.“ Er selbst sah die Verantwortung immer wieder woanders – etwa nach einem verkorksten Polizei-Einsatz bei einer Corona-Demonstration in Leipzig.

Demonstrationen sichert vor allem die Bereitschaftspolizei ab, die Fachschulen betreibt. Die Hochschul-Abgänger verteilen sich unter anderem auf Landeskriminalamt und Polizeidirektionen. 1.600 Bewerbungen gab es zuletzt für gut 200 Studienplätze. Wer zur Polizei will, muss fit und 16 bis 34 sein, schwimmen, darf gerade keine Psychotherapie machen. Sichtbare Tattoos und Piercings sind ebenso Ausschlusskriterien wie Vorstrafen, laufende Verfahren oder ein Pass außerhalb EU, Norwegen, Liechtenstein oder Schweiz. Im Auswahlverfahren gibt es unter anderem Sport-, Intelligenz- und Psychologietests.

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) bei der Feier am Freitag.
Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) bei der Feier am Freitag. © Matthias Rietschel

Für Tina Ahnert lag es an drei Zentimetern. „Ich wollte schon damals Polizistin werden, es ist ein wahnsinnig vielseitiger Beruf und das Schlimmste wäre für mich Stillstand – aber mit 1,62 Meter war ich zu klein.“ Damals waren 1,65 Meter die Mindestensgröße bei der Polizei. Ahnert zog nach Niedersachsen und arbeitete als Kauffrau für Spedition und Logistik. Dann wurde die Mindestgröße auf 1,60 Meter reduziert. Ahnert konnte umschulen.

Finanziell seien die Studienjahre hart gewesen, „gerade, wenn man vorher gearbeitet und Geld verdient hat.“ Jetzt fängt die 34-Jährige im Kriminaldienst in Pirna an, als Schnittstelle zwischen Streife und Staatsanwaltschaft. Delikte gegen Kinder und Sexualdelikte gingen ihr besonders nah, sagt sie. „Aber auch Betrug. Wenn der Junge so lange für die neue Playstation gespart hat und dann auf einen Betrüger reinfällt, der das Geld nimmt, aber keine Playstation schickt.“

"Das Ungewisse hat mich immer gereizt"

Kommilitonin Tina Pirgl entschied in der elften Klasse, dass sie wie ihre Eltern zur Polizei will. „Das Gemeinschaftsgefühl. Ich trage gerne Uniform. Ich finde es schön, Menschen zu helfen, die nicht selbst aus ihrem Alltag ausbrechen können“ – Betroffene von Gewalt- oder Sexualdelikten. „Als Frau ist man immer noch Exot, aber es nimmt zu.“ Etwa ein Drittel des Jahrgangs ist weiblich. Pirgl startet als Streifenpolizistin in Hoyerswerda.

Wer in Leipzig die 110 wählt, begegnet ab nächster Woche möglicherweise Kevin Fetzer. Der 27-Jährige hat sich lasern lassen, damit er Polizist werden kann. Mit 1,5 Dioptrien war sein Sehvermögen zu schlecht. „Schon wenn ich als Kind Blaulicht gesehen hab, hab ich mich immer gefragt: Wohin fahren die wohl gerade? Das Ungewisse hat mich immer gereizt, man hilft Menschen, gleichzeitig hat man diese Spannung, kann was erleben.“

Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar.
Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar. © Matthias Rietschel

Während des Studiums seien Waffentrainings seine Lieblings-Stunden gewesen. „Es ist seltsam, zu sagen, dass einem Schießen Spaß macht, aber ich hoffe, dass ich es nur auf dem Trainingsgelände anwenden werde.“ Die witzigste Situation während der drei Jahre habe er in Bautzen erlebt. Die Polizei wurde gerufen, weil ein Mann nackt Fahrrad fuhr. „Er war aber klar im Kopf und gar nicht so alkoholisiert.“

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Es stellte sich heraus, dass der Mann eine Wette bei einem Junggesellenabschied verloren hatte. „Am meisten Respekt habe ich vor Einsätzen mit verletzten Kindern. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll.“ Auf manche Situation können selbst Stunden mit Schauspielern nicht vorbereiten. Auch deshalb bietet die Polizei Seelsorge an.

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