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Datsche im Trend: Corona stoppt Kleingarten-Sterben

Die Corona-Pandemie hat der sächsischen Kleingarten-Bewegung einen ungeahnten Aufschwung beschert. Besonders junge Familien suchen hier Rückzug.

Liegen kaum mehr brach: Sächsische Schrebergärten sind heiß begehrt.
Liegen kaum mehr brach: Sächsische Schrebergärten sind heiß begehrt. © Christian Bark/ dpa

Dresden. Frühjahrsputz im Staudenbeet, Rosen werden zurückgeschnitten, das erste Gemüse gesät: Die Corona-Pandemie hat das Sterben der Kleingärten in Sachsen zumindest vorerst gestoppt.

"Das vergangene Jahr ist bei der Mitgliederzahl praktisch eine Null-Runde gewesen", sagte der Präsident des Landesverbandes Sachsen der Kleingärtner, Tommy Brumm, in Dresden.

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Er werte das positiv. Seinen Angaben zufolge sind im Verband mit seinen 3670 Kleingartenvereinen aktuell 196 821 Mitglieder organisiert. Das seien nur 26 weniger als vor zwölf Monaten, sagte er. 2016 waren es noch rund 205 000 Mitglieder in 3775 Vereinen.

Vor Corona ist der Verband laut Brumm jährlich um etwa 2000 bis 3000 Mitglieder geschrumpft. Von Leerstand seien vor allem die Kleingartenkolonien in eher ländlich geprägten Regionen in Ost- oder auch Westsachsen betroffen.

In manchem Verein dort sei jede fünfte Parzelle mittlerweile ohne Pächter. Die Gärten - das seien je etwa 300 bis 400 Quadratmeter Fläche - liegen brach.

Kleingärtner-Chef: Schrebergärten sind "Überdruckventil"

Während der Corona-Pandemie hat Brumm zufolge die Nachfrage nach Kleingärten jedoch auch auf dem Land wieder angezogen. "Möglicherweise sind die Gärten so etwas wie ein Überdruckventil", sagte er.

Die Freiheit auf der Scholle als Reaktion auf die eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Brumm hofft, dass die Nachfrage nach Kleingärten auch in diesem Jahr bleibt. In den nächsten 10 bis 15 Jahren rechne er jedoch mit einem weiteren Schwund auf etwa 180 000 Mitglieder.

Auf Dauer frei bleibende Garten-Flächen sollen beräumt und an die Eigentümer zurückgegeben werden. "Wir müssen die Gartenfläche den weniger werdenden Mitgliedern anpassen", sagte Brumm.

Der Verband strebt deshalb mit den Kommunen Lösungen an, bei denen der Pachtzins für den Rückbau eingesetzt werden kann. Ende vergangenen Jahres etwa wurde dazu für Kleingärtnervereine in den Städten Auerbach, Falkenstein, Rodewisch und in der Gemeinde Ellefeld im Vogtland mit den Städten und Gemeinden des Göltzschtal-Verbundes eine Regelung gefunden.

Anders als in den ländlichen Regionen können sich die Kleingartenvereine in den großen Städten und deren Umgebung vor Nachfragen kaum retten.

"Bei uns ist alles belegt", sagte der Erste Vorsitzende des Stadtverbandes "Dresdner Gartenfreunde", Frank Hoffmann. Unlängst seien zwei frei gewordene Parzellen von Vereinen auf der Internetseite des Verbandes angeboten worden. Mehr als 100 Bewerbungen seien während nur eines Wochenendes eingegangen.

Seit den 2000er Jahren habe die Nachfrage nach Gartenparzellen immer mehr zugenommen. Der Verband verwaltet rund 21 000 Mitglieder. Etwa fünf Prozent der Gärten wechselt während eines Jahres die Pächter.

Unter den Neumitgliedern sind laut Hoffmann viele junge Familien mit Kindern. "Diese wollen oft mit ihren Kindern die Natur erleben und ihr Obst und Gemüse ökologisch anbauen."

Zwei bis drei Jahre Wartezeit für eine Datsche

"Die Pandemie hat zwar bewirkt, dass mehr Menschen zu uns kommen", sagte der Vorsitzende des Regionalverbandes der Kleingärtner Torgau/Oschatz, Andreas Zschau.

Es lasse sich jedoch noch nicht sagen, wie nachhaltig der Zuwachs sei, ob die Neuen auch Gärtner blieben, wenn die Pandemie wieder vorüber sei.

"Die Wartelisten sind länger geworden. Bei einigen Vereinen müssen sich Bewerber zwei bis drei Jahre gedulden", sagte der Vorsitzende des Stadtverbandes Leipzig, Robby Müller.

"Corona hat jetzt noch eine Schippe zugelegt." Vor allem die Gärten im Leipziger Südwesten seien gefragt. Der Leipziger Stadtverband hat rund 32 000 Mitglieder in 207 Vereinen.

Sachsen wollen sich mit Obst und Gemüse selbst versorgen

In Chemnitz hingegen sind laut der Geschäftsführerin des Stadtverbandes, Suzanne Krauß, noch Gärten zu haben. "Aber es wird weniger." Manche Lagen wie etwa am Stausee Rabenstein seien besonders begehrt. Es kämen jetzt viele junge Leute. "Es findet ein Generationswechsel statt." Der Chemnitzer Verband hat 179 Kleingartenvereine mit rund 15 000 Mitgliedern.

"Es liegt nahe, dass die Nachfrage nach Kleingärten während der Pandemie gestiegen ist. Denn für viele eröffnete sich hier die Möglichkeit ins Grüne zu kommen, da andere Freizeitangebote und Reisen nicht wahrgenommen werden konnten", sagte ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Dresden.

Die Kleingärten hätten bei der Selbstversorgung Sachsens mit Obst und Gemüse ein großes Potenzial. Der Wunsch nach Transparenz bei Lebensmitteln sei hoch, was den Trend zum eigenen Anbau begründe - direkt vom Beet auf den Teller. Der Freistaat unterstütze das Kleingartenwesen unter anderem mit der Sächsischen Gartenakademie in Dresden-Pillnitz.

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Die Geschäftsführerin des Landesverbandes Sachsen des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Maria Vlaic, ist selbst Mitglied in einer Leipziger Kleingartensparte.

Sie bescheinigt den Kleingärtnern große Fortschritte beim Naturschutz und dem Erhalt der Artenvielfalt. Sie sehe in ihnen Verbündete. "Das sind Menschen, die mit der Natur verbunden sind." (dpa)

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