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Denny und der böse Golf

Ein VW mit 1.375 PS? Ein Hobbyschrauber aus dem Vogtland testet die Grenzen des Machbaren – und bricht Rekorde.

Denny Wimmer mit seinem Kraftprotz: Was aussieht wie eine aufgemotzte Familienkutsche aus den Nachwendejahren, beschleunigt schneller als viele Supersportwagen.
Denny Wimmer mit seinem Kraftprotz: Was aussieht wie eine aufgemotzte Familienkutsche aus den Nachwendejahren, beschleunigt schneller als viele Supersportwagen. © Thomas Kretschel

Zugegeben: Wie ein ganz normaler Golf sieht Denny Wimmers Volkswagen nicht mehr aus. Breitreifen auf Alufelgen, tiefer gelegte Karosse, dickes Auspuffrohr am Heck – so motzen viele junge Männer ihre Autos auf. Und dennoch ist dieser VW von einem anderen Kaliber. Der Unterschied offenbart sich, wenn der 40-Jährige den Zündschlüssel dreht und den Motor anspringen lässt. Es klingt, als würde ein Riese husten, sich scheppernd räuspern und zu brüllen beginnen. Schon knapp über Standgas dröhnt es infernalisch laut. Im Schritttempo bugsiert Wimmer den Golf durch das enge Garagentor und zieht dabei eine Fahne von verbranntem Benzin hinter sich her. Da ist er also: der Rekord-Golf aus Sachsen mit über 1.300 PS.

In der Tuning-Szene werden solche Autos Sleeper, also „Schläfer“, genannt. Gemeint sind Fahrzeuge, die ihre brachiale Kraft unter einem eher unauffälligen Äußeren verstecken. Auch das Turbo-Monster mit dem amtlichen Kennzeichen V-P 1 passt noch in diese Kategorie. Tatsächlich sei es ein Allerweltsauto gewesen, das er 2006 für 1.000 Euro gekauft habe, sagt Wimmer. „Ein Golf 2 mit Allrad und 98 PS.“

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Das jedoch war nur der Anfang. Über die Jahre pflanzte der Hobbyschrauber mehrfach neue Motoren ein und unterzog sie heftigen Kraftkuren. 2019 schließlich war der vorläufige Höhepunkt erreicht: Bei einer Leistungsmessung presste der Wagen 1.375 PS auf die Rollen eines Prüfstands.

Alles eine Nummer größer: Der Sechszylindermotor leistet weit über 1300 PS – wenn der Ladedruck genug ist und Rennbenzin getankt wird.
Alles eine Nummer größer: Der Sechszylindermotor leistet weit über 1300 PS – wenn der Ladedruck genug ist und Rennbenzin getankt wird. © Thomas Kretschel
Bitte anschnallen: Selbst bei 340 km/h laufe der Wagen noch wie auf Schienen, sagt der gelernte Maler.
Bitte anschnallen: Selbst bei 340 km/h laufe der Wagen noch wie auf Schienen, sagt der gelernte Maler. © Thomas Kretschel
Es gibt immer was zu tun: In der Werkstatt geht es aufgeräumt zu. In einer Vitrine an der Wand stehen Pokale, die Wimmer gewonnen hat.
Es gibt immer was zu tun: In der Werkstatt geht es aufgeräumt zu. In einer Vitrine an der Wand stehen Pokale, die Wimmer gewonnen hat. © Thomas Kretschel
Feuer frei: Wenn Denny Wimmer Vollgas gibt, können schon mal Flammen aus dem riesigen Auspuff schlagen.
Feuer frei: Wenn Denny Wimmer Vollgas gibt, können schon mal Flammen aus dem riesigen Auspuff schlagen. © kairospress
Maßarbeit: In dieser Garage im vogtländischen Falkenstein schraubt der 40-Jährige an seinem Rekordauto.
Maßarbeit: In dieser Garage im vogtländischen Falkenstein schraubt der 40-Jährige an seinem Rekordauto. © kairospress

Um den Motor vom Typ R32 derart zu ertüchtigen, blieb mit Ausnahme der Kurbelwelle kaum ein Teil unangetastet. „Andere Kolben, Pleuel, Lager, Nockenwellen und Ventile“, zählt der Autoschrauber auf. Als Herzstück fungiert ein riesiger modifizierter Turbolader. Dieses Bauteil presst mehr Verbrennungsluft in den Motor, als dieser von sich aus ansaugen könnte. Dadurch steigen Leistung und Drehmoment. Je höher der Ladedruck, desto mehr Leistung. Bei 3,3 Bar dürften sogar um die 1.450 PS anliegen, schätzt Wimmi, wie ihn seine Freunde nennen. Ob der Turbo auf Dauer solchen Belastungen standhält, steht allerdings auf einem anderen Blatt. „Wir testen hier die Grenzen des Machbaren aus“, sagt Nico Schneider von der Firma Speedmakers Vogtland, der das Projekt seit einigen Jahren als Elektronik- und Softwareexperte begleitet.

Bei Beschleunigungsrennen auf Flugplätzen oder anderen abgesperrten Strecken zeigt Wimmer, was in seinem kantigen Oldie steckt. Gefahren wird meist über die Viertelmeile – das sind etwas mehr als 400 Meter – oder eine halbe Meile (rund 800 Meter). Der gebürtige Vogtländer geht über die Langdistanz an den Start. Welches Tempo er beim Überfahren der Ziellinie drauf hat? Er grinst vielsagend. „Über 340.“ So schnell sei er jedenfalls 2020 sowohl beim „TTT Half Mile“ auf dem Lausitzring als auch beim „Race 1.000“ im brandenburgischen Neuhardenberg gemessen worden. Zum Vergleich: Diese Geschwindigkeit würden ein Lamborghini Huracan oder ein Porsche 911 Turbo nicht einmal mit mehr Anlauf erreichen.

Der Clou ist jedoch, dass der Golf kein reiner Rennbolide ist, sondern über eine Straßenzulassung verfügt. Stark gedrosselt, kann man mit dem Wagen auch zum Brötchenholen fahren. Tatsächlich bewege er den Wagen in der Saison zwischen April und Oktober etwa 2.000 Kilometer, sagt Wimmer. „Wenn am Wochenende schönes Wetter ist, drehe ich eine Runde durchs Vogtland oder im Erzgebirge.“ Manchmal macht er sich einen Spaß daraus, Motorradfahrer stehenzulassen, die gar zu forsch an ihm vorbeidrängeln wollen.

Wie viel Geld er in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten in sein Traumauto versenkt hat, darüber mag Denny Wimmer nicht so gern nachdenken. „Ich glaube, mir wird schlecht, wenn ich die Summe sehe.“ Eine grobe Schätzung gibt er dann aber doch ab: Arbeitsstunden nicht eingerechnet, seien zwischen 40.000 und 50.000 Euro in das Projekt geflossen. Ein Verkauf des Wagens steht aus naheliegenden Gründen nicht zur Debatte. „Zumindest so lange, wie ich nicht in Geldnot gerate.“

Um das zu verhindern, nutzt er sein Know-how und rüstet Autos von Freunden und Bekannten um. Die Garage unweit seines Heimatdorfs bietet dafür genug Platz. „Der hier soll 1.000 PS und Allrad kriegen“, erklärt er und zeigt auf einen roten VW Corrado. Ein weiteres Sportcoupé dieses Typs soll auf 850 PS erstarken. Viel Arbeit für die Wochenenden, an denen er zum Schrauben kommt. Unter der Woche ist als Maler deutschlandweit auf Montage unterwegs. Auf die Frage, warum er sein Hobby nicht zum Beruf gemacht hat, antwortet Wimmi mit einem Schulterzucken. „Weil ich damals keine Lehrstelle als Kfz-Mechaniker bekommen habe.“ Umsatteln will er jetzt nicht mehr. „Da müsste ich ja noch mal die Schulbank drücken.“

Wie es 2021 mit seinem Rekordauto weitergeht, weiß Wimmer noch nicht so recht. Ob er wieder zu Halbmeilen-Rennen fahren kann, hängt vom Fortgang der Corona-Pandemie ab. Als Werkstatt-Projekt steht die Verkleidung des Unterbodens an. Das soll den Wagen bei hohem Tempo stärker auf den Asphalt pressen. Den Wagen immer noch ein bisschen schneller zu machen, sei „wie eine Sucht“, bekennt er. „Man will immer noch ein bisschen mehr.“

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