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Der Frauenserienmörder aus Sachsen

Vor 75 Jahren begann der Erzgebirgler Rudolf Pleil seine grausame Mordserie als "Totmacher". Ein Journalist lässt ihn posthum selbst davon erzählen.

Für neun Morde wurde Rudolf Pleil verurteilt, hier 1950 im Saal des Gerichts von Braunschweig. Er selbst hat behauptet, es seien genau 40 gewesen.
Für neun Morde wurde Rudolf Pleil verurteilt, hier 1950 im Saal des Gerichts von Braunschweig. Er selbst hat behauptet, es seien genau 40 gewesen. © dpa

Gertrud Glöde wollte nur noch nach Hause. Ihr Mann war Nazi gewesen und hatte Selbstmord begangen, sie selbst mit ihrer Tochter knapp hinter die Zonengrenze in den Harz geflohen. Jetzt, anderthalb Jahre nach Kriegsende, kehrte die Witwe für ein paar Tage in ihren ehemaligen Wohnort Berlin zurück, um ein paar Sachen zu holen, die sie dort bei der Flucht im Vorjahr zurückgelassen hatte, darunter die Puppe ihrer Tochter. Der Rückweg war mühsam, sie musste wieder mehrere Züge nehmen und hatte nach dem Verlassen der letzte Bahn nur noch ein paar Kilometer zu gehen, zurück bis Vienenburg bei Goslar.

Da es kalt und die 44-Jährige müde war, ließ sie sich nicht lange bitten, als zwei nette junge Herren sie in ein Bahnwärterhäuschen baten, um sich bei ihnen am Feuer aufzuwärmen. Hauptsache, es war geschafft: Sie würde Weihnachten wieder bei ihren Eltern und der Tochter sein. Es war der 19. Dezember 1946. Kurz danach war Getrud Glöde tot. Die Männer erschlugen sie und warfen den Körper in einen Brunnenschacht neben den Gleisen. Als die Kriminalpolizei viel später am Tatort den Schacht durchsuchte, fand man unter den Überresten des Opfers noch einen anderen Körper …

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Rechtzeitig zu Weihnachten 1946 wollte Gertrud Glöde von einer Reise nach Berlin zurück bei ihrer Tochter und ihren Eltern im Harz sein. Aber dort kam sie nie an.
Rechtzeitig zu Weihnachten 1946 wollte Gertrud Glöde von einer Reise nach Berlin zurück bei ihrer Tochter und ihren Eltern im Harz sein. Aber dort kam sie nie an. © Foto: WDR

„Ist überall Blut rausgeblubbert. Aber tot war die nich"

Mindestens zehn Frauen, womöglich ein Mehrfaches, gehen auf das Todeskonto von Rudolf Pleil. Jenem abnormen Sexualverbrecher aus Sachsen, der „der beste Totmacher Deutschlands“ sein wollte und seine Beute gelegentlich verschenkte. Immer wieder muss schwer erträgliche Passagen überwinden, wer Rudolf Pleils Geschichte liest, wie sie der Biograf Fred Sellin in seinem Buch „Nur Heringe haben eine Seele“ aufgeschrieben hat: Bei einer Überfallenen zum Beispiel „ist überall Blut rausgeblubbert. Aber tot ist die nich gewesen. Hat komische Laute gemacht, so geröchelt hat die. Hat mich bisschen gestört, wie ich drangegangen bin, mir mein Recht zu verschaffen“.

Fred Sellin sichtete außer Regalmetern Gerichtsakten auch Pleils umfänglichen Aufzeichnungen aus der Haft und macht daraus einen „Tatsachenroman“ aus der Perspektive des Opfers. Eine Gattungsbezeichnung mit der Lizenz zum literarischen Hinzuerfinden. So wird nicht klar, wie viel Sellin und wie viel Pleil in dessen Ich-Erzählungen stecken. Aber schlüssig und stimmig ist das Ganze durchaus, und ungeheuer nah. Pleils eigenwillige, einfache, mal selbstmitleidige, mal geltungssüchtige Worte entwickeln gleichermaßen Faszination wie Abscheu, meistens Letzteres. Ein mitnehmendes Experiment, denn der Leser kann oder muss die zentrale Frage letztlich selbst beantworten: Was hat Rudolf Pleil zu einem solchen Menschen gemacht?

In den Nachkriegsjahren war die Zonengrenze schlecht bewacht, die Behörden kooperierten nicht miteinander. Wer ohne Pass hinüber wollte, brauchte allenfalls einen ortskundigen Führer. Rudolf Pleil bot sich dafür an. Manche Menschen führte er direkt in den
In den Nachkriegsjahren war die Zonengrenze schlecht bewacht, die Behörden kooperierten nicht miteinander. Wer ohne Pass hinüber wollte, brauchte allenfalls einen ortskundigen Führer. Rudolf Pleil bot sich dafür an. Manche Menschen führte er direkt in den ©  AP/dpa

"Das Weib hat geschrien wie am Spieß“

Fred Sellin fügt die Puzzlestücke seiner Vita zur Anatomie einer seelischen Verwahrlosung. Geboren 1924 im erzgebirgischen Kühberg bei Bärenstein als Kind zweier armer und vom Leben völlig überforderter Eltern, schlug sich schon der neunjährige Rudolf Pleil als Schmuggler und Schieber durch. Die Schule besuchte er unregelmäßig und fing früh das Trinken an, wie sein Vater, mit 13 ließ er sich von einer Prostituierten entjungfern. Kurz darauf wurde er Binnenschiffsjunge, ging im Krieg zur Handelsmarine, wurde 1943 wegen epileptischer Anfälle entlassen. Pleils „eigenen“ Aussagen regte sich sein verhängnisvoller Trieb erstmals, als er einen angeschossenen Rotarmisten verband, um dessen Blutung zu stillen. Nach seiner Heirat merkte er vollends, dass ihm normaler Sex nicht genügte. Dass er es „hart“ brauchte. Dass er vergewaltigen musste. „Die Biester“ sagte er über Frauen, und dass er sich „an ihnen rächen“ müsse.

Die unruhige Nachkriegszeit begünstigte den Serienmörder. Im schlecht und unkoordiniert bewachtem Zonengrenzgebiet begann er seine Taten mit wechselnden Komplizen und Werkzeugen - Stangen, Knüppel, Hammer, Axt - angeblich schon 1945. Das erste ihm zweifelsfrei nachgewiesene Verbrechen beging Pleil 1946 an einer jungen Frau. „Aber so ein Hammer ist kein Beil, zwei oder drei Schläge genügen da nicht ... das Weib hat geschrien wie am Spieß.“

1924 wurde Rudolf Pleil in Kühberg nahe Bärenstein geboren. Er wuchs in problematischen Verhältnissen auf, entwickelte keine festen Bindungen, wurde früh Alkoholiker und früh kriminell.
1924 wurde Rudolf Pleil in Kühberg nahe Bärenstein geboren. Er wuchs in problematischen Verhältnissen auf, entwickelte keine festen Bindungen, wurde früh Alkoholiker und früh kriminell. ©  Archiv/dpa

Eine Zeit der entwurzelten, halt- und morallosen Menschen

Nachdem er am 17. April einen Kaufmann erschlagen hatte, sein einziges männliches Opfer, flog Pleil auf, wurde verhaftet und wegen Totschlags verurteilt. Zu den übrigen Verbrechen stellte niemand einen Zusammenhang her. Womöglich wären sie unentdeckt geblieben, hätte der Mörder nicht im Gefängnis sich um das Amt des Scharfrichters beworben, dafür mit seinen „Referenzen“ geprahlt und dann mit etwas begonnen, das Fred Sellin „Geständniswut“ nennt. Pleil verfasste einen „Memoirenband“, den er „Mein Kampf“ nannte. Darin gestand er 25 Morde. Später erhöhte er die Zahl auf 40, um den bis dato berüchtigtsten deutschen Massenmörder zu toppen, Fritz Haarmann, der nur 39 begangen hatte. Er wollte eben „der Beste“ gewesen sein.

1950 wurde Rudolf Pleil und zwei Mittätern in Braunschweig ein neuer Prozess gemacht, der europaweit für Aufsehen sorgte. Sein Gutachter bewertete ihn als „seiner Anlage nach abnorme, zu den perversen Bluttaten, die seinem Wesen entsprechen, geradezu vorbestimmte psychopathische Persönlichkeit“. Zugleich bezog er aber auch die allgemeine Verrohung der Menschen durch Nationalsozialismus und Krieg in die Betrachtungen mit ein: „da muss eine anlagemäßig zur Halt- und Fessellosigkeit von staatlichen Normen neigende Natur wie Pleil in den Zeitumständen geradezu ihr Lebenselement entdecken.“ Fred Sellin veranschaulicht das, indem er sein Buch auch als Sittenskizze der damaligen Zeit anlegt, voller entwurzelter, haltloser, de- und entmoralisierter Menschen.

In der Haft schrieb Rudolf Pleil seine "Beichte" nieder. Er nannte sie "Mein Kampf".
In der Haft schrieb Rudolf Pleil seine "Beichte" nieder. Er nannte sie "Mein Kampf". © Archiv/Imago

Selbstmord des Mörders im Gefängnis

Weil 1949 die Todesstrafe in der Bundesrepublik abgeschafft worden war, verurteilte das Gericht Rudolf Pleil am 17. November 1950 wegen neunfachen Mordes zu lebenslänglicher Haft. Der Richter verkündete das Strafmaß, war sich aber sicher, dass dem Täter noch wesentlich mehr Taten zuzurechnen seien. Allein, es fanden sich keine ausreichenden Beweise. Sein Ziel, als „der beste Totmacher Deutschlands“ in die Geschichte einzugehen, hat der verwahrloste Mann aus dem Erzgebirge nicht erreicht. 1958 erhängte sich Rudolf Pleil in seiner Zelle. „Wenn Menschen eine Seele hätten“, so hat der Totmacher geglaubt, „dann hätte ich das gesehen, bei den ganzen Frauen, die ich totgemacht hab. Aber da war nie was. Nur Heringe haben eine Seele.“

Was Getrud Glöde betrifft, so hat sie wenigstens nicht lange leiden müssen, anders als die meisten Opfer von Rudolf Pleil. "Hab nicht lange gefackelt, hätt sonst womöglich noch Mitleid gehabt", schreibt er oder schreibt Fred Sellin. "Zwei Schläge, mehr sind nicht vonnöten gewesen". Nur der Mantel des Opfers landete nicht im Brunnen. "Der war noch gut. Hab ich 'ne Schleife drumgemacht und meinem Eheweib übergeben zu Weihnachten. Und das Töchterchen, das hat die Puppe gekriegt, die wir nachher im Gepäck von dem Weiblein gefunden haben."

Fred Sellin: Nur Heringe haben eine Seele. Geständnis eines Serienmörders – der Fall Pleil. Droemer-Verlag, 320 Seiten, 20 Euro.​

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