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„Der Hund bringt uns ein Stück Unbeschwertheit“

Ein seltener Gendefekt erschwert Finn das Leben. Dank vieler Spenden hat der Junge aus Dresden nun einen vierbeinigen Freund.

Ivonne Mattiza mit ihrem Sohn Finn. Das Kind braucht jeden Tag weitaus mehr Hilfe und Betreuung als seine Altersgefährten: Finn hat ein Gendefekt und ist Autist.
Ivonne Mattiza mit ihrem Sohn Finn. Das Kind braucht jeden Tag weitaus mehr Hilfe und Betreuung als seine Altersgefährten: Finn hat ein Gendefekt und ist Autist. © Sven Ellger

Wauwau. Das eine Wort ist Finn geblieben. Die Sprache des Sechsjährigen hat sich nie über die Stufe des Babys hinaus entwickelt, er hat einen Gendefekt und ist Autist, spricht so gut wie gar nicht mehr. Nur „Wauwau“, das sagt er bis heute. Er sagte es als Baby, und er sagte es, als er zum ersten Mal auf Kenzie traf. Kenzie, ein Golden Retriever, ist ausgebildeter Begleithund für Autisten. Finn traf ihn im August, stellte sich vor den Hund, streichelte seinen Kopf und sagte „Wauwau“. Für Finns Eltern war klar, dass Kenzie Ruhe in Finns Leben bringen kann. 28.000 Euro sollte diese Ruhe kosten.

Im September sammelte die Familie aus Dresden Spenden. Über die Sächsische Zeitung und andere Medien, Facebook und einen Fahrradladen. Am 10. Oktober war das Geld plötzlich da. Dank eines letzten Spenders, der allein 3.000 Euro gab. Ivonne Mattiza sitzt auf einer grauen Couch, Wintersonne bricht durch die weißen Vorhänge in ihrem Rücken. Ob ihr Sohn Corona überleben würde, ist nicht klar. Aus Vorsicht erzählt die 33-Jährige per Video statt persönlich von ihrem neuen Mitbewohner.

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Kenzie hat sich auf einer Decke ausgebreitet, liegt auf dem Boden und schläft. Seit einer Woche lebt der Hund bei der Familie. „Die erste Woche war natürlich sehr aufregend“, sagt Ivonne Mattiza. Mehr als eineinhalb Jahre Ausbildung bringt Kenzie mit. Andere Assistenzhunde haben gelernt, epileptische Anfälle zu erkennen oder Diabetes-Medikamente zu bringen. Kenzie fungiert als Ruhepol.

Finns seltene Krankheit

Finn geht auch während des Lockdowns noch in den Integrations-Kindergarten. Während der Vormittage üben seine Mutter und ihr Freund mit der Hundetrainerin Grundkommandos. Sie lernen, worauf Kenzie achtet.

Nachmittags kommt Finn dazu. „In den ersten zwei Tagen war er ganz aufgeregt. Er durfte Hunde nie anfassen, weil er oft so grob war. Jetzt einen da zu haben, der seine Art toleriert, ist schön für ihn.“ Finn kennt kein angemessenes Sozialverhalten. Er leidet unter dem Coffin-Siris-Syndrom, einer seltenen genetischen Krankheit, die Entwicklungsstörungen verursacht.

„Wauwau“ war das erste Wort, das Finn sprechen konnte – und ist das einzige geblieben. Um das Leben etwas ruhiger zu machen, ist Kenzie eingezogen. Der Golden Retriever ist ein ausgebildeter Begleithund für Autisten
„Wauwau“ war das erste Wort, das Finn sprechen konnte – und ist das einzige geblieben. Um das Leben etwas ruhiger zu machen, ist Kenzie eingezogen. Der Golden Retriever ist ein ausgebildeter Begleithund für Autisten © privat

Der Autismus-Verdacht erhärtete sich über die Jahre. Kognitiv, so der kürzliche Befund der Autismus-Ambulanz, befindet er sich auf dem Stand eines neun Monate alten Babys. Am weitesten ist seine Motorik mit 14 Monaten, Finns Sprachverständnis liegt bei drei bis vier Monaten. Für eine eindeutige Autismus-Diagnose müsste Finn im Kopf 18 Monate weit sein, seine Auffälligkeiten deuten aber darauf hin. „Das alles nochmal zu hören, war ziemlich hart“, sagt Mattiza. „Es ist damit klar, dass er schon schwer geistig behindert ist.“

Worte und Gefühle kann Finn kaum verstehen, eigene Wünsche nicht in Sprache kleiden, häufig drückt er sich durch Aggressionen aus. Tiere lenken Finn besonders ab. Tauben auf der Straße, Gänse an der Elbe. Finn will hinrennen, sie sehen, anfassen. Wenn sie wegfliegen, seine Eltern andere Pläne mit ihm haben, ist er frustriert.

Finn lacht – dank Kenzie

Kenzie soll ablenken. Bei Spaziergängen ist er über eine Leine mit Finn verbunden, damit er und der Junge zu einer Einheit werden. Über eine andere Leine führen Ivonne, ihr Freund oder Finns Vater David den Hund. Ihren Befehlen gehorcht er. Finn lernt, sich Kenzie über das Geräusch eines Buzzers mitzuteilen. „Wenn Finn sich auf etwas konzentriert, wo er nicht hinlaufen soll, lassen wir den Hund bellen, damit er einen anderen Input bekommt“, sagt die Mutter. Am zweiten Tag war das ein Hund, zu dem Finn rennen wollte. „Dann hat er gemerkt: ‚Oh, mein Hund bellt auch‘, fand das total witzig, und der andere war egal.“

An einem anderen Tag trainierten sie in einem Laden. Zuletzt nahm Ivonne Mattiza ihren Sohn zum Einkauf kaum noch mit. „Das ist zu stressig, er will immer wohin, wo er nicht hin soll, wird laut.“ Mit Kenzie war es anders. „Wenn man irgendwo steht, legt der Hund sich hin oder macht Sitz und schirmt Finn damit ab.“ Als Gänse an der Elbe flogen, legte Kenzie sich auf seine Beine, Finn ließ sich ablenken, kraulte die Ohren seines neuen Freunds. „Kleine Krisen gibt es immer noch, aber die Woche war deutlich entspannter. Der Hund bringt uns ein Stück Unbeschwertheit zurück.“

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Reize wie das Laptop, die sonst Probleme waren, interessieren ihn kaum mehr. „Er geht zu Kenzie, streichelt ihn, geht dann auch wieder spielen.“ Ivonne Mattiza lächelt. „Ich freue mich immer darüber, wenn Finn sich freut. Ich blödle viel mit ihm rum. Wenn er lacht, ist das was Besonderes. Finn kann auch sehr herzhaft lachen.“ Sein neuer Freund bringt Finn zum Lachen.

Ein normales Leben wird es mit Finn nie geben. Seine Geburtstage erinnern seine Mutter besonders daran, dass Finn sich kaum entwickelt, stimmen melancholisch. Ivonne Mattiza hat mit ihrer Mutter als Kind den Weihnachtsbaum geschmückt. Finn weiß nicht, was Weihnachten ist. Er sieht den Baum, sieht die Lichter, Vorfreude wie andere Kinder kennt er nicht. Auch der Hund ist kein Wundermittel. Aber seine Mutter hofft, dass das Tier eine Art Brücke bauen kann von Finns Welt in die seiner Eltern. Ihn faszinieren Tiere, er besucht Zoos und Futterläden gern, doch benennen kann er die Tiere nicht. Außer seinen Wauwau.

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