merken
PLUS Sachsen

Der Leibwächter der Biber

Dass der Biber in Sachsen überleben konnte, hat er der Elbe zu verdanken. Und auch dem Engagement von Leuten wie Gottfried Kohlhase in Torgau.

Auch mit 85 kümmert sich Gottfried Kohlhase noch um Burgen und Bauwerke der Elbebiber in der Gegend um Torgau.
Auch mit 85 kümmert sich Gottfried Kohlhase noch um Burgen und Bauwerke der Elbebiber in der Gegend um Torgau. © Matthias Schumann

Von Thomas Schade

Es wäre schön, wenn die lustige Geschichte von Selma, Tobi und dem Biber Felix im Biberhof wahr werden könnte. So denken vielleicht einige Mädchen und Jungen der Klasse 5 des Johann-Walter-Gymnasiums Torgau. In der Schule haben sie die Geschichte vom „Biber undercover“ gelesen. Heute, am Wandertag, stehen sie im Biberhof unweit der Elbe wie Selma und Tobi vor einem Biber. Aber dieser Felix ist ausgestopft. Sie würden ihm ja gern Leben einhauchen und mit ihm Abenteuer erleben. Doch das Präparat bleibt stumm und steif.

Anzeige
Bist Du bereit für die Arbeit mit Strafgefangenen?
Bist Du bereit für die Arbeit mit Strafgefangenen?

Als Justizvollzugsbeamter/in (m/w/d) hast Du einen spannenden Job mit viel Verantwortung.

So brechen die Fünftklässler mit Monique Altmann auf zur Biberpirsch am Röhrgraben. Die junge Frau ist im Biberhof zuständig für Umweltbildung. Die Geschichte vom „Biber undercover“ trage offenbar dazu bei, dass alle nach der Lektüre einen Felix auch in der Natur sehen wollten.

Aber die Biologin kann den Schülern das Bibererlebnis nicht bieten. Der Mensch selbst, so erklärt sie ihnen, habe dazu beigetragen, dass diese Tiere nachtaktiv geworden sind. Was Monique Altmann den Schülern zeigt, sind die Burgen und Dämme, die die Nager am Röhrgraben geschaffen haben. Zum Teil beachtliche Bauwerke. Denn Biber gestalten ihre Lebensräume selbst. Eine Fähigkeit, die nur wenige Tiere beherrschen.

Biologin Monique Altmann erklärt Schülern einer 5. Klasse, wie Biber leben und in der Natur wirken. Ein Buch gibt ihr derzeit Anregungen.
Biologin Monique Altmann erklärt Schülern einer 5. Klasse, wie Biber leben und in der Natur wirken. Ein Buch gibt ihr derzeit Anregungen. © Matthias Schumann

Vom Elbpegel am Flusskilometer 154 sind es kaum 1.000 Meter Luftlinie bis zum Torgauer Biberhof am Großen Teich. Die kleine Naturschutzstation des Naturschutzbundes inmitten einer großen Teichwirtschaft ist so etwas wie die nordsächsische Biberzentrale. Einer, dem sie ihre Existenz verdankt, ist Gottfried Kohlhase.

Mit 85 Jahren und etwas Hüftschmerz wandert er strammen Schrittes am Gehegeteich entlang. Seit seiner Jugend durchstreift Gottfried Kohlhase die elbnahe Teichlandschaft bei Torgau. Großartige Sonnenuntergänge gebe es hier, erzählt er, der Einflug der Wildgänse und die Biber hätten hier seine Begeisterung für die Natur geweckt. Seit seiner Jugend sind die Teiche und die Elbe sein Pirschgebiet.

Der Biber fasziniert ihn am meisten. „In unserer heimischen Tierwelt sucht man vergebens nach Holzfällern, Baumeistern oder Wasserbauingenieuren, die es mit dem Biber aufnehmen könnten. Biber besitzen ein hoch entwickeltes soziales Verhalten, leben über drei Generationen im Familienverband. Ein Biberpaar bleibt lebenslang monogam zusammen“, sagt er. Meister Bockert, wie der Biber im Sagenreich genannt wird, sollte den wichtigsten Platz in der ehrenamtlichen Arbeit des Naturschützers einnehmen, der vor 1990 zwei Jahrzehnte lang als Berufsschullehrer Meister und Ingenieure ausgebildet hat.

Nachdem die Landwirtschaftsschule abgewickelt worden war, habe es in Torgau die Vision von einer großen Naturschutzstation gegeben. Dafür, so erzählt Gottfried Kohlhase, sollte die ganze Teichwirtschaft erworben werden. „Das war wohl zu ambitioniert.“ Deshalb habe einige der Mut verlassen.

Geblieben ist das einfache zweigeschossige alte Fischerhaus mit Ausstellungs- und Seminarräumen, Werkstatt und ein paar kleinen Büros. Jedes verbaute Stück Holz sei durch seine Hände gegangen, sagt Gottfried Kohlhase. 1995 kam der damalige sächsische Umweltminister, Arnold Vaatz, und weihte den Biberhof ein.

Seither erzählen Schautafeln und Tierpräparate über die Geschichte des Bibers, der sich, so die Biberforschung, schon seit mehr als 30 Millionen Jahren auf der Erde tummelt und zu den ältesten Säugetieren des Planeten zählt. „Das macht ihn so wertvoll und schutzwürdig. Es ist eines der wenigen Tiere, die im Wasser und auf dem Land leben. Er gehört nach wie vor zu den bedrohten Arten“, sagt Gottfried Kohlhase. Noch vor einigen Hundert Jahren sei der Biber nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch in Europa weit verbreitet gewesen, so der Naturschützer.

Typische Nagespuren, wie sie der Elbebiber hinterlässt.
Typische Nagespuren, wie sie der Elbebiber hinterlässt. © Matthias Schumann

Die wechselvolle Geschichte des Bibers hätte fast zu seinem Verschwinden geführt. In Amerika war er Kult. Indianer glaubten, der Biber habe Manitu bei der Erschaffung der Welt geholfen. In Kanada schmückt der Biber die Fünf-Cent-Münze. In Europa entdeckte man das Bibergeil, ein nach Moschus duftendes Drüsensekret, mit dem die Tiere ihr Revier markieren. Der Mensch mischte es ins Parfüm und glaubte an eine heilende Wirkung. Biberfell wurde zum begehrten Pelz. Biberfleisch zur Delikatesse, mit dem sich religiöse Gebote umgehen ließen. Christen erklärten das Tier wegen seiner Schwanzflosse kurzerhand zu Fisch und verzehrten es zur Fastenzeit fröhlich weiter.

Trotz königlich-preußischer Schutzverordnungen habe es einen Vernichtungsfeldzug gegen den Biber gegeben, so Gottfried Kohlhase. „Er galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch als ausgestorben. Dass er überlebt hat, haben wir der Elbe zu verdanken.“

Eine kleine Population von Bibern – etwa 190 Tiere sollen es gewesen sein – überlebte an der Elbe und in der Muldemündung bei Dessau. Hier windet sich der Strom weitgehend unverbaut und weitläufig durch einen der letzten großen Auenwälder Mitteleuropas. Das Elbufer und die Neben- und Altarme der Mulde waren ihre letzen Rückzugsgebiete.

Sven Möhring von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Leipzig schreibt, dass es einer Sensation gleichgekommen sei, als ein Mann aus Borsdorf im Mai 1967 frische Nagespuren an der Vereinigten Mulde bei Kollau entdeckte – ausgerechnet am sogenannten „Bobritzer Damm“. „Bobr“ bedeutet auf Slawisch Biber. Zuvor waren zuletzt im Jahr 1822 Biber an der Mulde bei Wurzen nachgewiesen worden. Bibergeschichten wie diese machen die Runde, wenn im Torgauer Biberhof Seminare, Tagungen oder einfach nur Schülervorträge stattfinden.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schützt der Mensch den Biber. Die Population begann, sich zu erholen und wieder auszubreiten, sagt Gottfried Kohlhase. Der Biber sei wieder elbaufwärts gezogen und habe sich in Zuflüssen und Nebenarmen Reviere gesucht.

Große Teile Sachsens gehören heute zum Hauptverbreitungsgebiet des Elbebibers. Er habe sich wieder in allen Landkreisen und kreisfreien Städten des Freistaates angesiedelt, mit Ausnahme des Vogtlandkreises, heißt es im Umweltministerium. Daraus ergebe sich eine besondere Verantwortung des Freistaats, den Biber und seine Lebensräume zu erhalten.

Ein Elbebiber. In Meißen ist ein solches Exemplar er so populär geworden, dass man ihm den Namen Olaf gab, benannt nach dem Oberbürgermeister.
Ein Elbebiber. In Meißen ist ein solches Exemplar er so populär geworden, dass man ihm den Namen Olaf gab, benannt nach dem Oberbürgermeister. © dpa/Felix Heyder

Als Leiter des Biberhofes und ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter ist Gottfried Kohlhase seit Jahrzehnten auf Biberpirsch. Er baute zu Hause einen Quarantänekeller, in dem er verletzte Tiere zeitweilig pflegte. Einigen Tieren gab er sogar Namen. Dem Biber Kunze zum Beispiel, der ihm eine Plastikbadewanne zernagte und wohl erblindet wäre, hätte Kohlhase ihn nicht zum Tierarzt gebracht. Oder Biber Benni von den Bennewitzer Teichen, dessen Zutrauen der Naturschützer mit Äpfeln erlangte. Benni näherte sich bis auf drei Meter, putzte sich, ehe er die Äpfel nahm, und stellte dem Biberfreund schließlich seine ganze Familie vor. „Momente, die zu meinen schönsten Biberbegegnungen gehören“, schreibt Gottfried Kohlhase in seinem Buch über die Torgauer Teiche.

Bis heute betreut der 85-Jährige mehrere Biberreviere an der Elbe und an den Gewässern rund um Torgau. Er ist einer von Dutzenden Biberbetreuern, die sich in Sachsen um den Schutz der bedrohten Art kümmern. 118 Exemplare haben sie in diesem Jahr im Altkreis Torgau gezählt. 2016 seien es noch 167 Tiere gewesen. „Vor allem die letzten beiden Trockenjahre haben der Population zugesetzt“, sagt Gottfried Kohlhase. Elf der ursprünglich 60 Reviere seien nicht mehr besiedelt. Insgesamt sollen derzeit in Deutschland etwa 6.000 Biber leben, etwa jeder zehnte davon in Sachsen.

„Zudem sind wir heute auch so etwas wie die Leibwächter des Bibers.“ Denn der lebe zunehmend im Konflikt mit den Menschen. Beim Bau von Dämmen und Burgen komme er hauptsächlich Landwirten, aber auch Kleingärtnern in die Quere. „Wir müssen den Konflikt schlichten, oft zum Nachteil der Biber.“

Proaktives Bibermanagement heißt das im Fachchinesisch. Gottfried Kohlhase sagt: „Wir suchen den Ausgleich zwischen unserer Pflicht, den Biber zu schützen, und den Interessen von Bauern, Anglern, Wasserwirtschaftlern und anderen, die sich vom Biber gestört fühlen.“

Nach einigen Stunden ist die Klasse 5 des Johann-Walter-Gymnasiums zurück am Biberhof. Von Monique Altmann haben sie viel erfahren über das seltsame Tier mit dem Fell aus etwa 23.000 Haaren, das Krallen hat und eine Schwanzflosse, das Burgen und Dämme baut und den Menschen mit seiner Baukunst ärgern kann. „Vielleicht konnten wir ja ein Mädchen oder einen Jungen für den Elbebiber begeistern“, sagt der Naturschützer. Gebraucht würde der Nachwuchs dringend.

WEITERE TEILE DIESER SERIE

Mehr zum Thema Sachsen