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Der Mann der vielen Firmen

Bernd Lommel ist Geschäftsführer der sächsischen AfD-Landtagsfraktion. Nun ist er in den Strudel eines Anlegerskandals geraten. Nicht zum ersten Mal.

Kurz nach seiner Wahl in den Dresdner Stadtrat 2014 trat der AfD-Politiker Bernd Lommel einen Job bei einer Immobilienfirma in Hannover an.
Kurz nach seiner Wahl in den Dresdner Stadtrat 2014 trat der AfD-Politiker Bernd Lommel einen Job bei einer Immobilienfirma in Hannover an. © Archiv/Sven Ellger

Von Marta Orosz und Ulrich Wolf

Es ist August 2014, als Bernd Lommel der Sächsischen Zeitung ein Interview gibt. Die Ärmel seines weißen Hemdes zieren dunkle Manschettenknöpfe; darüber sind die Initialen B. L. eingestickt. Gestenreich erklärt der gebürtige Mainzer, der damals schon seit 18 Jahren in Dresden lebte, wie er sich Lokalpolitik im Stadtrat vorstellt. Aus dem Stand hatte seine Partei, die AfD, bei der Kommunalwahl sieben Prozent geholt. Lommel war Fraktionschef geworden.

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Dieses Amt jedoch behielt er nur für sechs Monate, dann zog es ihn in den Norden. Lommel werde zum 1. Februar 2015 eine „verantwortliche Position auf Vorstandsebene“ bei einem Unternehmen in Niedersachsen antreten, teilte die AfD damals mit. „Ich hatte mich ganz einfach auf eine Stellenanzeige beworben”, sagt Lommel. Er habe dort als Rechtsberater und Controller gearbeitet.

Dort, das war ein Bürogebäude in Langenhagen bei Hannover, der Firmensitz der Immobiliengesellschaft Dolphin Trust GmbH. Gegründet hatte das Unternehmen im Jahr 2008 der deutschbritische Geschäftsmann Charles Smethurst. Als Lommel zu ihm stieß, hatte Dolphin Trust rund 40 Mitarbeiter sowie Büros in Berlin, London und Singapur.

AfD-Politiker Bernd Lommel spircht auf einer Sitzung des Dresdner Stadtrats im Mai 2020, die coronabedingt ins Messegelände verlegt worden war. Derzeit ist Lommel in Quarantäne.
AfD-Politiker Bernd Lommel spircht auf einer Sitzung des Dresdner Stadtrats im Mai 2020, die coronabedingt ins Messegelände verlegt worden war. Derzeit ist Lommel in Quarantäne. © Archivfoto/René Meinig

Davon ist kaum noch etwas übrig. Lommels ehemaliger Arbeitgeber ist insolvent. Die Staatsanwaltschaft Hannover führt nach Recherchen des Online-Portals Business Insider seit dem vorigen Jahr ein Verfahren gegen Smethurst und zwei weitere Ex-Manager. Es geht um den Verdacht des Anlagebetrugs und der Insolvenzverschleppung. Eine Strafanzeige richtete sich auch gegen Lommel, die Ermittler sehen aber bislang keinen Grund, gegen den inzwischen 54-Jährigen vorzugehen. Gegen ihn liege nicht einmal ein Anfangsverdacht vor, beteuert Lommel. „Ich habe keinen Beitrag zu einem möglichen Betrug geleistet.“

Dennoch ist das Thema für den längst wieder nach Dresden zurückgekehrten Lommel nicht vom Tisch: In dem Drama um die Dolphin Trust GmbH, die ihren Namen Anfang 2019 in German Property Group (GPG) änderte, geht es immerhin um eine Milliarde Euro und Anleger rund um den Erdball. Die Ermittlungen werden Jahre dauern.

Ende 2018 geriet das Firmenreich von Dolphin Trust ins Wanken, Anfang 2019 benannte es sich in German Property Group um.
Ende 2018 geriet das Firmenreich von Dolphin Trust ins Wanken, Anfang 2019 benannte es sich in German Property Group um. © Foto: PR

Lommel, der bis Juli 2001 bei einer Versicherung tätig war und dann ein berufsbegleitendes Studium als Advisor (Berater) an der früheren Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt am Main abschloss, sagt, er habe Dolphin Trust 2017 auf Wunsch des Unternehmens verlassen. Bis dahin habe er für die ihm anvertrauten Projekte „ein ordentliches Controllingsystem aufbauen können“. Er habe kein Anlegerkapital gesammelt und mit dem Vertrieb nichts zu tun gehabt. „Ich habe ohnehin nur einen kleinen Ausschnitt des Ganzen gesehen.” Das gesamte Firmenkonstrukt habe er nicht durchblickt. Vielmehr sei ihm aufgefallen, dass er an Vorstandssitzungen nicht teilnehmen sollte.

Anfang 2018 trat Lommel wieder einen neuen Job an: als Geschäftsführer der AfD-Fraktion im sächsischen Landtag. Im Mai 2019 wählte man ihn wieder in den Dresdner Stadtrat. Zu Smethurst habe er seit anderthalb Jahren keinen Kontakt mehr, sagt er. „Ich habe dieses Kapitel beendet.“

Wolfgang Kubicki ist Anwalt von Dolphin-Kunden

Smethurst galt in dem Teil der Finanzbranche, der nicht an regulierte Banken, Sparkassen und Versicherungen gebunden ist, als Verkaufsgenie. Mit seiner Geschäftsidee, denkmalgeschützte Immobilien in Deutschland zu sanieren und mit Gewinn wieder zu verkaufen, lockte er Tausende Investoren aus Großbritannien, Irland, Hongkong und Südkorea an. Er verstand es meisterhaft, auf das seriöse Image Deutschlands ebenso zu setzen wie auf die regionale Unkenntnis der Anleger. Ihnen stellte Smethurst Renditen von 10 bis 15 Prozent in Aussicht. Bundestagsvizepräsident und Anwalt Wolfgang Kubicki, der diverse Smethurst-Kunden vertritt, sagt, der Fall könne eine Dimension wie bei Wirecard erreichen.

Lommels ehemaligem Arbeitgeber sind bis zu 100 Immobilien zuzuordnen. Auch in Sachsen. Das wohl bekannteste Objekt darunter ist die einstige Sternburg-Brauerei in Leipzig. Dort wollte Dolphin/GPG ein Wohnquartier errichten. Aus der Ruine des Ritterguts Bräunsdorf im Landkreis Mittelsachsen sollte eine Anlage für altersgerechtes Wohnen entstehen. Weitere Projekte im Freistaat gab es für marode Stadtvillen, für den Connewitzer Bahnhof, die Leipziger Maschinenfabrik Karl Krause und die Brikettfabrik Witznitz bei Borna.

Der damalige Dolpin-Chef Charles Smethurst und seine Ehefrau Manou waren 2015 Gäste bei der Benefizgala zugunsten der Jose- Carreras-Leukämie-Stiftung in Berlin.
Der damalige Dolpin-Chef Charles Smethurst und seine Ehefrau Manou waren 2015 Gäste bei der Benefizgala zugunsten der Jose- Carreras-Leukämie-Stiftung in Berlin. © Patrick Becher/dpa/pa/rtn

Am Beispiel des Schlosses Dwasieden auf Rügen zeigte der NDR auf, dass auf dieser Immobilie Grundschulden von 117 Millionen Euro lasten. Smethurst & Co. hatten dem Bericht zufolge für den Kauf der Anlage aber nur 18 Millionen ausgegeben.

Der tatsächliche Wert aller Dolphin-GPG-Immobilien und Grundstücke wird auf 150 Millionen Euro geschätzt. Demgegenüber stehen rund eine Milliarde Euro Anlegergeld. Der Verbleib von mehreren Hundert Millionen Euro ist unklar. Dem NDR zufolge sind beträchtliche Summen in den Aufbau des Shoppingsenders sowie des Modelabels von Smethursts Ehefrau, die Fernsehmoderatorin Manou Lenz, geflossen.

Während der Zeit, in der Lommel in Langenhagen arbeitete, wurden kaum mehr Jahresabschlüsse veröffentlicht. GPG-Insolvenzverwalter Justus von Buchwaldt teilt mit, seine Kanzlei müsse die Buchhaltung von bis zu 200 Gesellschaften für vier Jahre aufbereiten. Man habe es mit einer ungeordneten und lückenhaften Dokumentation zu tun. „Wir müssen erst einmal zweifelsfrei nachvollziehen, welche Immobilie zu welcher Gesellschaft gehört und welcher Anleger wo investiert hat.“

Zeitweise leitete Bernd Lommel von Langenhagen aus mindestens 15 Firmen. Er sagt, es seien lediglich Vorratsgesellschaften gewesen, die erst in der Zukunft hätten wirtschaftlich aktiv werden sollen.
Zeitweise leitete Bernd Lommel von Langenhagen aus mindestens 15 Firmen. Er sagt, es seien lediglich Vorratsgesellschaften gewesen, die erst in der Zukunft hätten wirtschaftlich aktiv werden sollen. © SZ-Archiv/Sven Ellger

Eine dieser Firmen ist die Deutsche Kraftwerks- und Umwelttechnologie GmbH (DKU). Lommel gründete sie im November 2017 als alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer im November 2017 bei einem Notar in Hannover. Der Firmensitz war jedoch an seiner Privatadresse in Dresden. „Ich wollte die Post direkt zu mir bekommen“, begründet der AfD-Politiker diesen Schritt. Erst im Mai 2020, wenige Wochen vor der GPG-Insolvenz, schied Lommel aus der Leitung der Firma aus. Geschäftsberichte veröffentlichte die DKU in diesen drei Jahren nicht. Dazu sagt Lommel, die DKU habe nicht am Wirtschaftsleben teilgenommen, weil sich deren geplante Projekte „nicht realisiert“ hätten.

Zeitweise war Lommel Chef von 15 Firmen, beispielweise bei der Red Rock Wealth Management Ltd. in Birmingham. Deren Geschäftsanschrift ist identisch mit der einer GPG-Investmentfirma, deren alleiniger Direktor Smethurst ist. Analog gilt dies für eine Shenton Finance in London, von der Lommel sagt: „Hätte ich gewusst, dass der Voreigentümer Unterlagen vorenthält, hätte ich dem Investor vom Kauf dieses Unternehmens abgeraten.“ Von Herbst 2018 bis zum Frühjahr 2020 war Lommel auch Chef der einstigen Dolphin Trust Immobilien Holding GmbH.

Dass Lommel solche Firmen führte, dafür hat er eine simple Erklärung: Fast alle Firmen, bei denen er Geschäftsführer gewesen sei, seien Gesellschaften, die erst in der Zukunft Aufgaben erhalten sollten, „also Vorratsgesellschaften“.

Hätte Lommel ahnen können, auf was er sich da in Hannover einließ?

Als Vorsitzender des Schwimmverbandes setzte sich Bernd Lommel 2010 nicht nur für die Rettung der Schwimmhalle Freiberger Straße in Dresden ein - er hatte zuvor auch für die Grünen für den Stadtrat kandidiert.
Als Vorsitzender des Schwimmverbandes setzte sich Bernd Lommel 2010 nicht nur für die Rettung der Schwimmhalle Freiberger Straße in Dresden ein - er hatte zuvor auch für die Grünen für den Stadtrat kandidiert. © SZ-Archiv/Steffen Füssel

Es ist nicht das erste Mal, dass er verstrickt ist in das Geschäftsgebaren von Firmen, bei denen Gläubiger um ihr Geld bangen. So war der Jurist, der in Mainz das erste Staatsexamen ablegte, Vorstandsmitglied bei der Erneuerbare Energie Versorgung AG. Das Göttinger Unternehmen sammelte rund 25 Millionen Euro bei rund 2.500 Anlegern ein für die Sanierung eines Biomasseheizkraftwerks in Papenburg an der Ems sowie für den Bau eines Offshore-Windparks in der Nordsee. Im November 2015 war es zahlungsunfähig. „Ich sollte für einen Investor das Innenleben der Gesellschaft kontrollieren“, erklärt Lommel. Im Ergebnis habe er vor erheblichen Gefahren warnen können. „Danach habe ich die Funktion niedergelegt.“

Erneuerbare Energien? AfD? Ähnlich wie Sachsens heutiger AfD-Chef Jörg Urban, der mal bei der Grünen Liga war, hat auch Lommel eine grüne Vergangenheit. 2009, bei seinem ersten Versuch, in den Dresdner Stadtrat gewählt zu werden, trat Lommel auf der Liste der Grünen an. Die Kandidatenseite im Internet hieß: www.gruen-tut-gut.

Auch mit dem Hofer Finanzjongleur Michael Turgut, hier bei seinem Bankrottverfahren 2016, arbeitete Lommel zusammen. In dem Prozess sagte der AfD-Politiker, Turgut habe ihn als Strohmann für Firmen in Liechtenstein benutzt.
Auch mit dem Hofer Finanzjongleur Michael Turgut, hier bei seinem Bankrottverfahren 2016, arbeitete Lommel zusammen. In dem Prozess sagte der AfD-Politiker, Turgut habe ihn als Strohmann für Firmen in Liechtenstein benutzt. © Archiv/Florian Miedl

Bis zu seiner erneuten Stadtrats-Kandidatur 2014, dann für die AfD, führte Lommel unter anderem für kurze Zeit eine Finanzvermittlung in Leipzig. 2011 ließ er sich bei einem Fachtag für Stiftungen als Vertreter einer Emiras-Stiftung mit Sitz in Liechtenstein ablichten. Bei einer Swiss Wealth Management AG (SWM), ebenfalls aus Liechtenstein, tauchte er als Verwaltungsratsmitglied auf – sogar mit Doktortitel. Der ihm aber nicht zustand. Das Amtsgericht im oberfränkischen Hof verurteilte ihn deshalb zu einer Geldstrafe von 2.000 Euro.

Das Urteil stammt aus der Zeit, in der Lommel von 2009 bis 2013 mit dem in Hof ansässigen Finanzjongleur Michael Turgut arbeitete. Zu dessen Reich gehörte nicht nur die SWM, sondern auch die auf den Handel mit Edelmetallen spezialisierte International Finance Group AG (IFG). Auch die hatte ihr Domizil in Liechtenstein, auch bei ihr war Lommel Verwaltungsrat. 2016 sagte er in einem Bankrottverfahren gegen Turgut als Zeuge aus, er sei in Vaduz nur als Strohmann eingesetzt worden. Und er betont heute, seit neun Jahren nichts mehr mit IFG zu tun zu haben.

Dennoch existiert die Gesellschaft fort, zumindest virtuell, angeblich sogar mit Geschäftsstellen unter anderem in Dresden, Hoyerswerda, Jonsdorf, Leipzig, Lengenfeld, Rosenbach und Wilthen. In ihrem Impressum wird Lommel weiterhin als Verwaltungsratsvorsitzender geführt. Das sei er natürlich nicht, sagt der Politiker. „Ich würde das gerne gelöscht wissen.“

Charles Smethurs demonstriert auf einem Werbefoto der German Property Group den seriösen Geschäftsmann. Inzwischen hat er eingeräumt, Anleger getäuscht zu haben.
Charles Smethurs demonstriert auf einem Werbefoto der German Property Group den seriösen Geschäftsmann. Inzwischen hat er eingeräumt, Anleger getäuscht zu haben. © Archivfoto: PR

Charles Smethurst, der Dolphin-Macher, hat unterdessen im vergangenen Dezember gegenüber den Ermittlern eingeräumt, die Anleger getäuscht zu haben. Durch seine Anwälte ließ er mitteilen: „Die Investoren wurden von unserem Mandanten und den beteiligten Personen getäuscht.“ In der misslichen Lage, in die die Firmen Ende 2018 gerieten, hätten sie keine weiteren Investitionen annehmen dürfen. Nichtsdestotrotz habe Smethurst gehofft, dass „die Investments unter Einfluss glücklicher Umstände noch zurückgeführt werden können“.

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Und Lommel? Er betont, die Finanzfirma in Leipzig, Turgut in Hof, die EEV in Göttingen und Dolphin in Langenhagen – das alles seien „komplett unterschiedliche Schuhe“ gewesen. Und das Hemd mit seinen Initialen und die Manschettenknöpfe habe er übrigens auch nicht mehr.

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