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Der Starke Sachse Kurfürst Moritz wird 500

Er steht im Schatten seines berühmten Nachfahren August. Doch Moritz von Sachsen hat die Fundamente gelegt für die spätere Größe des Königreichs.

Liebe mit Hindernissen: Weil seine Eltern gegen die Verbindung waren, verlobten sich Moritz und Agnes heimlich. 1559 malte Lucas Cranach der Jüngere das Kurfürstenpaar.
Liebe mit Hindernissen: Weil seine Eltern gegen die Verbindung waren, verlobten sich Moritz und Agnes heimlich. 1559 malte Lucas Cranach der Jüngere das Kurfürstenpaar. © Foto: Gemäldegalerie Alte Meister, SKD/Foto: Klut/

Von Ulfrid Kleinert

Was für ein Leben! Kurfürst Moritz von Sachsen, der an diesem Sonntag vor 500 Jahren in Freiberg geboren wurde, ist nur 32 Jahre alt geworden. Aber im letzten Drittel dieser wenigen Jahre in der Mitte des 16. Jahrhunderts hat er die Weltgeschichte mitgeprägt. Er hat Kriege geführt und gewonnen, auch seinen letzten, in dem er tödlich verwundet wurde.

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Moritz von Sachsen war ein großer Bauherr, der die modernste Baukunst aus Italien über die Alpen nach Deutschland holte. Außerdem ein guter Jäger, der wusste, wo in Dresdens Nähe der beste Ort für ein Jagdschloss zu finden war – August der Starke hat es später ausgebaut. Und ein eigenwilliger, zuletzt wohl sehr liebevoller Ehemann. Vor allem aber war er erst der Verbündete, dann der erfolgreiche Gegner des mächtigsten Manns seiner Zeit: von Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging.

Von den vielen Geschichten, die zu seinem 500. Geburtstag erzählt werden können, seien hier drei ausgewählt, den einen zur Erinnerung, den anderen zum Neukennenlernen. Es soll erzählt werden von der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe, zwischen Riesa und Torgau gelegen. Dann die von Sievershausen bei Hannover, wo Moritz sein Leben verlor. Schließlich die Geschichte seiner Ehe mit Agnes von Hessen.

Entscheidung in der Schlacht bei Mühlberg

Es war im Jahr 1547. Gerade war ein Jahr vergangen, seitdem der Reformator Martin Luther gestorben und in der Schlosskirche zu Wittenberg beerdigt worden war. Da fand zwei Tage Fußmarsch östlich von Wittenberg, ebenfalls im Wettiner Land gelegen, bei Mühlberg eine Schlacht statt. Sie sollte darüber entscheiden, ob Luthers Reformation sich überall in deutschen Landen durchsetzen würde. Auf der einen Seite kämpften protestantische Landesherren unter der Führung von Philipp von Hessen und dem Wettiner Kurfürsten namens Johann Friedrich von Sachsen. Wie vielen bekannt, gab es damals – seit der Leipziger Teilung von 1485 – zwei Wettiner Stämme: die Ernestiner, die von Kurfürst Ernst abstammten, und die Albertiner, die von seinem jüngeren Bruder Herzog Albert abstammten. Johann Friedrich war ein Ernestiner, Torgau und Wittenberg und auch Mühlberg gehörten zu seinem Land.

Auf der anderen Seite der Schlacht von Mühlberg kämpfte Kaiser Karl V., der Verfechter der katholischen Seite mit seinen Truppen. Er hatte gerade eine Atempause zwischen seinen Kriegen gegen die Osmanen und gegen die Franzosen und war nach Sachsen gekommen, um die deutschen protestantischen Landesherren in ihre Schranken zu weisen.

An seiner Seite kämpfte Moritz. Als Wettiner des albertinischen Zweigs war er Herzog und residierte seit 1541 in Dresden. Schon während des Kriegs gegen die Osmanen hatte er Karl unterstützt. Der hatte ihm die Kurfürstenwürde an Johann Friedrichs Stelle in Aussicht gestellt, wenn er an seiner Seite bliebe. Seine 1.800 sächsische Reiter waren angesichts der 30.000 vom Kaiser gestellten Krieger vermutlich nicht schlachtentscheidend, aber sie spalteten das lutherische Lager.

1547 kämpfte Moritz bei Mühlberg für Kaiser Karl und gegen seinen wettinischen Vetter Johann Friedrich und seinen hessischen Schwiegervater Philipp. Das Gemälde von Christoph Wetzel entstand 1990.
1547 kämpfte Moritz bei Mühlberg für Kaiser Karl und gegen seinen wettinischen Vetter Johann Friedrich und seinen hessischen Schwiegervater Philipp. Das Gemälde von Christoph Wetzel entstand 1990. © Foto: Museum Mühlberg

Ein Sieg gegen die übermächtigen Glaubensgenossen

Moritz kämpfte und siegte gegen seine Glaubensgenossen, darunter gegen seinen wettinischen Vetter Johann Friedrich und seinen hessischen Schwiegervater Philipp. Die wurden von Kaiser Karl gefangen genommen und blieben es fünf Jahre lang. Vielleicht hat Moritz miterlebt – sicher ist ihm davon erzählt worden –, wie Kaiser Karl seinen Schwiegervater Philipp in Halle an der Saale gedemütigt hat, als Philipp sich lange öffentlich dem Kaiser zu Füßen werfen musste. Auch dass seine dringlichen Bitten um Freilassung des Gefangenen von Karl nicht erhört wurden, wird Moritz verletzt haben.

Moritz hatte einerseits gewonnen. Nicht nur, weil er auf der Seite des Siegers stand. Sondern vor allem, weil er nun Kurfürst wurde und auch noch sein Land um einige Flecken vergrößern konnte. Andererseits hatte er verloren, weil er seither als Verräter der protestantischen Sache galt; man nannte ihn den „Judas von Meißen“. Und seinem von ihm seit seiner Jugend sehr geschätzten Schwiegervater konnte er nicht helfen. Wer möchte angesichts solcher Spannungen an seiner Stelle sein?

Die Einheit des Reiches war verloren

Damit nähern wir uns der zweiten Geschichte. Moritz hatte seine Macht ausgebaut und wurde nun zum Sprecher und Vorkämpfer der Protestanten. Die Wege von Karl und Moritz trennten sich. Kaiser Karl konnte die Einheit des Reiches unter einem Glauben trotz des Sieges von Mühlberg nicht wieder herstellen.

Moritz hingegen wollte die Anerkennung der Protestanten, denn er hatte sich ihnen konfessionell immer zugehörig gefühlt, auch als er politisch-militärisch auf der anderen Seite kämpfte. Durch ein Vertragswerk, das mit seiner Unterstützung 1552 in Passau verabschiedet wird, leitet Moritz mit diplomatischem Geschick den Weg zu einem friedlichen Nebeneinander der Konfessionen ein. Als das Ziel erreicht ist und die Protestanten im Augsburger Religionsfrieden von 1555 rechtlich anerkannt werden, lebt Moritz nicht mehr. Was ist geschehen?

Wer will, kann heute in der Dresdner SLUB (die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek) im letzten der sechs jeweils rund tausend Seiten dicken Bände von Moritz’ Korrespondenz nachlesen, was Anfang der 50er-Jahre des 16. Jahrhunderts in Deutschland los war. Man fühlt sich wie im Vorfeld des 30-jährigen Kriegs. Insbesondere Markgraf Albrecht von Brandenburg-Kulmbach machte mit seinen Truppen damals das Land unsicher. Kaiser Karl wurde des Ärgers mit den Deutschen müde, zog sich zurück und forderte Moritz in zwei Depeschen auf, den Landfrieden in Deutschland zu gewährleisten. Heinrich von Braunschweig bittet ihn um Hilfe gegen den markgräflichen „Haudegen“ Albrecht aus Brandenburg.

Teurer Herrscher: Es gibt sogar eine Souvenir-Banknote mit Moritz von Sachsen vor einer zeitgenössischen Dresdner Stadtansicht.
Teurer Herrscher: Es gibt sogar eine Souvenir-Banknote mit Moritz von Sachsen vor einer zeitgenössischen Dresdner Stadtansicht. ©  Screenshot: SZ

Früher Tod durch eine Verwundung "hinterwärtlings"

Als es bei Sievershausen zur Schlacht kommt, gewinnt Markgraf Albrecht zwar das erste Treffen, aber das zweite bringt dank Moritz‘ mutigem Einsatz die Wende: der Markgraf entkommt zwar, aber seine Truppen werden besiegt. Moritz wird bei seinem stürmischen Angriff „hinterwärtlings“ verletzt, als er sich zu seinen Truppen umsieht. Er stirbt zwei Tage später an seiner zunächst harmlos erscheinenden Verletzung.

In diesen beiden Tagen bestimmt er seinen jüngeren Bruder August zum Nachfolger als Kurfürst von Sachsen, sichert das Auskommen seiner Frau Agnes und lässt ihr den Ring zusenden, den sie ihm, als sie vierzehn war, zur Hochzeit überreicht hatte. Noch eine Woche vor seinem Tod hatte er Agnes aus Einbeck die wichtigsten Dokumente der letzten Zeit zur Aufbewahrung zugeschickt, wie er es all die Jahre gehalten hatte.

Wichtiger aber als diese Dokumente werden ihr die Briefe gewesen sein, die er ihr persönlich schrieb. Sie waren nicht sehr lang und kamen nicht jeden Tag, aber zeigen gerade in den letzten Jahren innige Nähe und große Sehnsucht nach einem Wiedersehen. So schrieb er ihr ein Jahr vor der Sievershausen-Schlacht: „Ich bin der großen Herren Dienst fast müd` und begehr nicht mehr als Ruh und Fried. Ich hoff` auch, ich komme ohne Schaden aus diesem Krieg und kann das mitbringen, was zum Leben für uns nötig ist („eine gute Notdurft“), und will dich hiermit Gott befohlen haben, der helfe uns beiden mit Freunden zusammen.“ Leider sind ihre Briefe an ihn nicht erhalten, sodass wir heute über ihre Beziehung nur von ihm lesen können und nicht wissen, wie das zueinander passen konnte: seine lange und häufige Abwesenheit als Feldherr, als Jäger, als Kultur- und Kunstmanager und Landesherr – und eine junge Ehe.

Große Liebe mit großen Hindernissen

Wir kennen außer seinen Briefen allerdings einige Fakten. Die beiden haben sich heimlich in Kassel verlobt, als sie14 und er 20 Jahre alt war. Seine Eltern in Freiberg und sein Onkel Georg in Dresden waren dagegen; die einen gegen das Bündnis, weil sie ihn mit dem böhmischen Königshaus verbinden wollten, der andere wünschte ihm eine Katholikin als Frau. Nur Agnes Eltern und beider Tante Elisabeth in ihrer Rochlitzer Residenz unterstützten das Paar. Einen Erben hatten sie nicht, weil Sohn Albrecht schon nach viereinhalb Monaten starb, die Tochter nicht zählte.

Weil kein Kind mehr kam, fuhr sie in 1553 zur Kur nach Bad Ems, wo es angeblich Hilfe gäbe. Jetzt – sie ist 25, er 31 Jahre alt – schreibt er: „ich hoff zu Gott, ich will spätestens in einem Monat bei dir sein und alles wieder einbringen, was ich versäumt habe … ich befehle dich Gott. Und tu, was dir lieb ist.“ Vier Wochen später verspricht er: „Ich muss noch trübes Wetter helfen klarmachen. Danach will ich bei dir bleiben und alles tun, was du begehrst.“ Es steht geschrieben, Agnes habe zwei Jahre nach dem Tod von Moritz Johann Friedrich den Mittleren geheiratet. Er ist der Sohn von Moritz‘ Vetter Johann Friedrich, der in Mühlberg Feind ihres Mannes war. Für wenige Jahre kommen da die zerstrittenen Zweige der Wettiner-Dynastie zusammen, die Sachsen so viel Glanz und Macht gebracht haben.

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