merken
PLUS Leben und Stil

Die Tage der Wahrheit für Sachsens Wein

Es war ein schwieriges Jahr für die Winzer. Jetzt entscheidet sich, ob es erfolgreich wird.

Viele Weinerzeuger in Sachsen schwören auf die traditionelle Handlese
Viele Weinerzeuger in Sachsen schwören auf die traditionelle Handlese © Daniel Karmann/dpa

Von Silvio Nitzsche

Der aktuelle Weinjahrgang verspricht spannend zu werden. Denn eines ist schon jetzt sicher. Es wird ein Jahr, welches Profilarbeit, Können und Visionen erfordert – ein Jahr der Handschrift, in dem man sehen kann, ob der Winzer eine Philosophie und geschmackliche Eigenideologie verfolgt oder einfach nur versucht, schöne Weine zu machen.

Anzeige
Genuss im Riesenrad zur Blauen Stunde
Genuss im Riesenrad zur Blauen Stunde

Abendbrot über den Dächern Dresdens, zur allerbesten Zeit? Noch bis zum 4. Oktober im Riesenrad am Postplatz! Hier können Sie Tickets buchen.

Wir hatten schon wieder ein Jahr der Extreme: heiße Tage, zu warme Monate und extrem geringen Jahresniederschlag. Die Trockenheit zu bekämpfen, war das Kernthema vieler Winzer, das ihnen starke Übellaunigkeit verschaffen konnte. Aber was bringt diese, wenn man den Launen der Natur ausgesetzt ist. Und die bescherte uns in Sachsen alles, was Winzer nahe an einen Herzinfarkt bringen kann: Frühfrost, einen warmen Spätwinter, zu frühe Vegetation, Spätfrost mit Schäden, Hitze, Trockenstress, Sonnenbrand und natürlich die Kirschessigfliege. Und wenn Sie sich bei Tisch im Freien dieses Jahr über Wespen geärgert haben, ist das noch nichts gegen den Schaden, den die Winzer den Tierchen zu verdanken haben. Selbst ein einzelner dieser Parameter wäre ein Grund für schlaflose Nächte.

Das Jahr startete früh, was nicht unbedingt schlecht ist. Doch dann kam am 12. Mai der Frost und nahm nicht wenigen Winzern ein Drittel ihres Jahreslohnes. Es war schon das dritte Jahr in Folge, das sich dermaßen trocken präsentiert. Wenn nun noch zur Lese der Niederschlag die Ernte verregnet, wäre das eine Katastrophe. Also nichts für schwache Nerven, so ein Winzerleben.

Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar.
Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar. © Thomas Kretschel

Viele Spitzenerzeuger schwören hier in der Region auf die traditionelle Handlese, weil dies in der Regel die schonendere Behandlung und eine bessere und genauere Möglichkeit der Auslese darstellt. Gerade in diesem Jahr wird eine selektive Lese in mehreren Durchgängen nötig sein. Das heißt, dass man in zwei Wochen mehrfach in einem Weinberg liest, da die Reifeentwicklung unterschiedlich ist. Die meisten Winzer in Sachsen sind nun schon mitten in der Hauptlese. Es ist der Zenit des Winzerjahres, auf den jeder Weingärtner das ganze Jahr hin fiebert. Es ist aber auch die Zeit, in der kaum ein Winzer ansprechbar und meist völlig übermüdet ist, weil er das Arbeitszeitengesetz, zumindest für sich, selbst in den Papierkorb geworfen hat. Es sind die Tage, Wochen, Monate, in denen sich fast im Stundentakt der Erfolg der Ernte entscheidet.

Weiterführende Artikel

Ein Bekenntnis zum deutschen Wein

Ein Bekenntnis zum deutschen Wein

Ein neues Gesetz will uns klaren Wein einschenken. Doch was heißt das eigentlich?

Säure ja, sauer nein

Säure ja, sauer nein

Winzer, die sich mit dem pH-Wert auskennen, sind klar im Vorteil. Deshalb eine kleine Lektion.

Wenn man wie wir inmitten eines Weinbaugebietes wohnt, gibt es eigentlich kaum etwas Schöneres, als sich seinen eigenen Weinvegetationshöhepunkt zu schaffen und einem seiner Lieblingswinzer bei der Weinlese zu helfen. Viele freuen sich darüber und laden ihre Kunden gerne dazu ein, sie bei der Ernte zu unterstützen. Winzer wie Aust, Schuh oder Fourré schicken Newsletter oder veröffentlichen die Lesetage auf der Homepage. Eine großartige Möglichkeit, die Güte des Weinjahres unter die eigene Lupe zu nehmen, den Winzer bei der Arbeit zu erleben, zu spüren, wie hart es ist, eine Weinernte einzubringen und sich selber ein unvergessliches Erlebnis zu verschaffen.

Mehr zu Silvio Nitzsche erfahren Sie hier: www.sz-link.de/Nitzsche

Mehr zum Thema Leben und Stil