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Drei Suizide in sächsischen Gefängnissen in einer Woche

Nach einem Fall in Chemnitz haben sich nun zwei weitere Gefangene in Dresden das Leben genommen. Ein Anwalt erstattet Strafanzeige.

Innerhalb von nur drei Tagen haben sich zwei Gefangene in der Dresdner Justizvollzugsanstalt das Leben genommen. Gegen beide wurde wegen Missbrauchs von Kindern ermittelt.
Innerhalb von nur drei Tagen haben sich zwei Gefangene in der Dresdner Justizvollzugsanstalt das Leben genommen. Gegen beide wurde wegen Missbrauchs von Kindern ermittelt. © Symbolfoto: Robert Michael

Dresden. Am Mittwoch sollte der Prozess gegen einen 48-jährigen Dresdner beginnen. Der Mann soll sich unter anderem an der Tochter seiner früheren Lebensgefährtin vergangen haben, die Staatsanwaltschaft warf ihm mehrfachen schweren Kindesmissbrauch und Vergewaltigung vor. Doch zu dem Prozess kam es nicht mehr. Am Montagmorgen haben Justizbedienstete den Untersuchungsgefangenen leblos in seinem Haftraum vorgefunden. Er soll nach SZ-Informationen eine Überdosis Tabletten genommen haben. Für ihn kam jede Hilfe zu spät.

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In der Dresdner Justizvollzugsanstalt (JVA) geht man von einem Suizid aus, auch wenn die Todesursache noch nicht feststeht. Erst am Freitag hatte sich ein weiterer Gefangener im Dresdner Gefängnis das Leben genommen. Auch im Fall des 51-jährigen Mannes mit russischer Staatsbürgerschaft ist die Todesursache nicht geklärt.

Obduktionen sollen Klarheit bringen

In beiden Fällen hat die Staatsanwaltschaft Dresden sogenannte Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Das teilte Oberstaatsanwalt Lorenz Haase, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden, am Mittwoch auf SZ-Anfrage mit. In beiden Fällen müsse man nun die Obduktionen und die Ergebnisse der Rechtsmedizin abwarten. Das könnte ein bis zwei Monate dauern.

Anstaltsleiterin Rebecca Stange teilte der SZ mit, die beiden Suizide in der JVA Dresden seien die ersten dieses Jahres. In den vergangenen drei Jahren habe es überhaupt keine Selbsttötungen gegeben. Bei beiden Männern, die auf verschiedenen Stationen einsaßen, habe nach aktueller psychologischer und ärztlicher Einschätzung zu diesem Zeitpunkt keine akute Suizidgefahr bestanden. Beide seien jeweils einzeln untergebracht gewesen.

Während sich der 48-jährige Dresdner seit September 2020 in U-Haft befand, habe der Russe zunächst eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßt. Im Anschluss daran sollte der 51-Jährige in Untersuchungshaft wechseln, weil auch gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern ermittelt wurde.

Krisennachsorge und Gesprächsangebote

Rebecca Stange betonte, dass alle Vollzugsbediensteten regelmäßig alle zwei Jahre in der anstaltsintern „Arbeitsgruppe Suizidprophylaxe“ geschult werden. Das helfe, auch auf außergewöhnliche Situationen von Gefangenen sensibel einzugehen. Nach den beiden Todesfällen vom 6. und 9. August biete die Anstalt den Mitarbeitern eine Krisennachsorge an, auch für Mitgefangene gebe es Gesprächsangebote von Psychologen und Seelsorgern.

Erst am Montag, dem 2. August, hatte sich eine 31-jährige Frau aus Hartha im Chemnitzer Frauengefängnis das Leben genommen. Sie hatte sich erst seit dem Wochenende in Untersuchungshaft befunden, nachdem sie am Freitag zuvor festgenommen worden war. Gegen sie wurde wegen Handels mit Betäubungsmitteln ermittelt (die SZ berichtete).

Rechtsanwalt Ulf Israel aus Dresden, er hatte die 31-Jährige am Sonnabend bei der Haftvorführung am Amtsgericht Zwickau begleitet, erhebt nun schwere Vorwürfe gegen den Chemnitzer Anstaltspsychologen und weitere Bedienstete. Israel sprich von einem „klar pflichtwidrigen Verhalten“ in dem Gefängnis. Der Zwickauer Richter habe angeordnet, dass die 31-Jährige in der Untersuchungshaft zu überwachen sei, so Israel: „Es kann nicht sein, nach einem Erstgespräch mit der Gefangenen zu sagen, jetzt ist plötzlich alles wieder gut.“

Anzeige wegen fahrlässiger Tötung

Nachdem seine Mandantin zunächst überwacht worden sei, habe sie nach dem Gespräch mit dem Psychologen einen Einzelhaftraum erhalten. Dort habe sie sich stranguliert, etwa eineinhalb Stunden nach dem Gespräch. Israel sagt, die Frau soll noch versucht haben, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Er vertrete jetzt den Vater der Frau und hat Strafantrag gegen den Psychologen und gegen unbekannt gestellt: „wegen fahrlässiger Tötung“.

In diesem Jahr haben sich in Sachsen fünf Gefangene das Leben genommen. Seit 2016 waren es 18 Suizide in JVAs. Der aufsehenerregendste Fall war der des Syrers Dschaber al-Bakr, der sich 2016 in der JVA Leipzig erhängt hatte – obwohl der Terrorverdächtige, der einen Anschlag in Berlin geplant haben soll, als suizidgefährdet galt und besonders überwacht worden war.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über das Thema Suizid, außer es erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800 1110111 und 0800 1110222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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