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Tablets neben Lenkrad und Maurerkelle

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig wirbt für Digitalisierung in Firmen – und versucht, die Angst vor Jobverlusten zu nehmen.

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig testet die neue Arbeitswelt.
Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig testet die neue Arbeitswelt. © SMWA/Ronald Bonß

In einem orangefarbenen Vierzigtonner lässt sich Martin Dulig die Zukunft erklären. Am Lenkrad des Lasters geht es nicht mehr um PS, sondern um Daten. Trucker Dieter Jünger, der mit 66 Jahren noch auf Achse ist, zeigt Sachsens Wirtschaftsminister das Tablet neben dem Lenkrad. Der kleine Monitor hat eine direkte Verbindung zum Dispoplan seiner Zentrale, der Leipziger Logistik und Lagerhaus GmbH. Das Gerät kennt alle Strecken, Staus, Ankunfts-, Abfahrts- und Pausenzeiten und scannt Waren und Lieferbelege: Echtzeitinformationen, die helfen, Routen und Ladezeiten zu optimieren und die Kolleginnen in der Verwaltung zu entlasten. So weit, so gut.

Doch die schöne neue Welt hat ihre Schattenseiten: „Die Freiheit des Kraftfahrers ist Geschichte“, sagt Firmenchef Günther Bauer, 66, ein Sozialdemokrat aus dem Badischen. Er weiß, wovon er spricht: Als junger Mann saß er selbst auf dem Bock, immer gen Frankreich und Spanien unterwegs. Damals konnte ihm keiner auf die Finger gucken, wie viele Pausen er macht und warum er vielleicht zu spät am Ziel ist. Das ist mit der Digitalisierung anders, sie macht Kontrolle möglich.

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Seit mehr als 30 Jahren leitet Bauer seine Spedition mit heute 240 Leuten, 140 Lkws, einem wachsenden Standort an der A38 im Leipziger Süden und zwei Filialen in Ettlingen und Rodgau. Die Trucks fahren Getränke für den Lebensmittelhandel in Deutschland, manchmal auch Kartoffelchips. Bauer ist ein IT-Vorreiter seiner Branche, er investiert „ein Schweinegeld“ in neue Technologien, wie er sagt. Die Kunden erwarteten heute, zu erfahren, wo ihre Ware gerade steckt und wann sie ankommt. Zugleich wird der Papierkram bei jeder Lieferung für die Fahrer auf fünf Minuten verkürzt. Das Büro erledigt die Abrechnungen tagsüber statt in Nachtschichten, und unter dem Strich können mehr Routen gefahren werden. „Mit dem System hebe ich mich von vielen anderen ab“, sagt Bauer.

© SMWA/Ronald Bonß

Der Leipziger Logistiker passt perfekt ins Mantra des Wirtschaftsministers. Der Sozialdemokrat wollte jetzt mit einem „Thementag Arbeit 4.0“ Arbeitnehmern und Unternehmern die Angst vor Digitalisierung, Veränderung und Jobverlust nehmen. „Arbeit ändert sich“, sagt Dulig. „Aber die Veränderungen sollten so gut sein, dass die Menschen auch in fünf oder zehn Jahren Arbeit haben.“ Mehr IT bedeute zwar mehr Kontrolle, aber zugleich Erleichterungen, mehr Schutz und Sicherheit – wie etwa für Lkw-Fahrer. „Digitalisierung ist eine Überlebensfrage“, sagt der Minister. Unternehmen, die sich heute nicht mit den neuen Technologien befassen, müssten sich fragen, wie zukunftsfähig ihr Konzept sei. Zugleich brauchten die Mitarbeiter mehr Qualifizierungsangebote, die der Freistaat mit Weiterbildungsschecks unterstützt. Außerdem hat Sachsen sogenannte Zukunftszentren und ein Zentrum Digitale Arbeit gegründet, die kleine und mittlere Unternehmen und ihre Beschäftigten auf dem Weg begleiten können.

Passivitätsfalle droht

Welche Auswirkungen autonomes Fahren auf Bus- und Bahnfahrer hat, wollte das Wirtschaftsministerium in einer Studie erfahren. Ein Ergebnis der VDI/VDE-Innovation und Technik GmbH: Zwar ist mit einer flächendeckenden Einführung autonomer Fahrsysteme erst in den 2030er-Jahren zu rechnen – mit teilweise automatischen Bussen und Bahnen aber schon deutlich früher. Für die Beschäftigten im öffentlichen Nahverkehr folgen daraus schon in den nächsten Jahren erhebliche Veränderungen. Beispiel sind die Leipziger Verkehrsbetriebe, die bereits mit digital rufbaren Minibussen namens „Flexa“ am Stadtrand unterwegs sind. Im Herbst wollen sie auf einer sieben Kilometer langen Strecke zwischen Messe und BMW-Werk Testfahrten mit kleinen autonomen Elektrobussen beginnen.

Bau-Azubis in der Werkstatt des Überbetrieblichen Ausbildungszentrums Bau Bildung e.V. an einer Übungsmauer.
Bau-Azubis in der Werkstatt des Überbetrieblichen Ausbildungszentrums Bau Bildung e.V. an einer Übungsmauer. © SMWA/Ronald Bonß

Laut der Studie gibt es bisher keine Hinweise auf einen massenhaften Job-Abbau durch die Einführung autonomer Fahrsysteme. Allerdings droht dem Fahrpersonal die „Passivitätsfalle“: Wenn sie autonome Fahrzeuge überwachen, verlieren sie Kompetenzen, sind aber unter ständigem Stress. Ganz neue Berufsbilder werden auch für den Aufbau und Betrieb der neuen digitalen Verkehrsinfrastruktur für automatisierte Systeme gebraucht. Für Dulig ist damit klar: Beschäftigte und Betriebsräte müssten bei der Auswahl und Einführung neuer Technologien besser einbezogen werden.

Dass Tablets inzwischen selbst bei Maurern neben Kelle und Mörtel dabei sind, wird im Ausbildungszentrum des Bauindustrieverbandes Ost in Leipzig klar. Auf dem Bildschirm wird in einem Bild exakt dargestellt, wie die nächste Ecke zu mauern ist. „Das ist viel verständlicher als mit einer abstrakten Zeichnung“, sagt Jens-Uwe Strehle. „Das darf man nicht unterschätzen.“

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