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Glänzende Kunst aus der Gluthölle von Pirna

Traditionelle Industrien sind im Niedergang. Aber das Edelstahlwerk Pirna trotzt dem mit Hochglanzkunst. Ein Besuch in der Stahlküche.

Es ist der archaische Moment eines fast vergangenen Industriezeitalters, wenn im Pirnaer Edelstahlwerk die rund 1.700 Grad heiße Stahlschmelze in die Pfanne gegossen wird.
Es ist der archaische Moment eines fast vergangenen Industriezeitalters, wenn im Pirnaer Edelstahlwerk die rund 1.700 Grad heiße Stahlschmelze in die Pfanne gegossen wird. © Christian Juppe

Pirna. Die Kunsthandwerker tragen Blaumann, derb, feuerfest und einen Helm mit glutsicherer Maske. Die Kunst: Stahl in Form bringen, manchmal glänzend wie ein Spiegel. Aber aller Anfang ist die Glut.

Vorsichtig schiebt Thomas Ertle den Griff mit dem Stab aus Baustahl durch die Ofenklappe. Gluthitze schlägt dem 42-Jährigen entgegen. Ein Zischen, Funken fliegen, Tropfen flüssigen Stahls fallen zu Boden, flackern kurz auf und erlöschen. Ertle schiebt ungerührt weiter. Präzision und geruhsame Schnelligkeit sind gefragt, damit die Masse gleichmäßig bleibt. Der kochende Stahl muss gerührt werden, bevor der Stab weg ist. Vor, zurück, links, rechts. Bis der Rührer selbst Teil der knapp 1.700 Grad heißen Schmelze geworden ist.

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"Die Seuche" im Zittauer Theater
"Die Seuche" im Zittauer Theater

Freunde des Schauspiels kommen im Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater auf ihre Kosten.

4,3 Tonnen Masse, eine Mischung aus Eisen, Mangan und Silizium, wird hier zu Stahl für ein Maschinengehäuse verkocht.

Stahl aus Pirna für die ganze Welt

Das Brodeln der Schmelze und der Luftzug verbrennenden Sauerstoffs mischen sich mit dem Sirren von Lüftungsanlagen und dem Brummen von Motoren. Dazwischen das Zischen von Druckluft, hier und da metallisches Hämmern. Brandgeruch liegt in der Luft. 

© Christian Juppe

Eine dünne Schicht grauschwarzen Staubs bedeckt Boden, Backsteinwände und Maschinen. Hier, im Pirnaer Edelstahlwerk Schmees, weht er noch: der Atem eines archaischen Industriezeitalters, von dem in Deutschland kaum etwas übrig geblieben ist, weil die Massenproduktion in Asien viel billiger ist.

Die Umgebung des klassischen Lichtbogenofens fühlt sich wie eine zu heiß eingestellte Sauna an. Seit 1982 verrichtet das bulgarische Fabrikat seine Dienste. Demnächst soll er für mehrere Hunderttausend Euro modernisiert werden. 

Das größte Wasserkraftwerk der Welt

Die Stahlunternehmerfamilie Schmees hat den Ofen 1992 beim Kauf der alten DDR-Gießerei mit übernommen und neue Induktionsöfen für feinsten Edelstahl installiert.

59 Mitarbeiter, alle in Kurzarbeit, übernahm Schmees damals. Das von Abwicklung bedrohte Werk war marode, in die Hallen regnete es hinein. Heute arbeiten hier 180 Leute in einer ökonomischen Nische. 

Clemens Schmees ist der Chef des Werkes - hier mit einer Miniaturversion ihrer Skulptur "Pendulum".
Clemens Schmees ist der Chef des Werkes - hier mit einer Miniaturversion ihrer Skulptur "Pendulum". © Christian Juppe

Hier werden Einzelstücke und Kleinserienteile hergestellt, auch für viele deutsche Maschinenbaufirmen. Teile für Pumpen, Armaturen, Siemens-Turbinen, Schiffsschrauben, Rührpropeller. Die Produkte aus Pirna und dem Schwesterwerk im rheinischen Langenfeld landen im Fahrzeugbau, in der Pharma- und Lebensmittelindustrie, in Ethanolanlagen in Indien, in Düngemittel- und Zuckerfabriken, in Fleischereimaschinen oder Erdölbohrinseln.

Turbinengehäuse für das weltgrößte Wasserkraftwerk am Jangtsekiang in China kommen aus Pirna. Jetzt haben die Stahlwerker wieder einen eher außergewöhnlichen Auftrag: Gehäuse aus kältefestem Edelstahl für den Pumpstrahlantrieb eines Eisbrechers. Aber eben auch für internationale Bildhauer und Künstler ist die Kleinstadt eine der ersten Adressen, wenn es um edle Skulpturen geht.

Kunst für ganz Europa

Ende März ging das letzte große Stück per Tieflader nach Amsterdam. „Pendulum“ heißt die Skulptur des holländischen Künstlers Gijs Assmann, die wie eine schwebende, geschwungene Strichzeichnung aussieht, neun Meter hoch, neun Tonnen schwer, ausbalanciert auf einem kleinen Zeh. Chemiker würden in der Form vielleicht die Struktur von Eiweißen erkennen. „Pendulum“ ist das neue Wahrzeichen der Europäischen Arzneimittelagentur, die infolge des Brexits von London aufs Festland gezogen ist. 

Acht Monate hat es gedauert, die einzelnen Abschnitte zu gießen, zu verschweißen und in tausenden Arbeitsstunden so von Hand zu schleifen und zu polieren, dass sich die Umgebung in der Edelstahlhaut spiegelt. Für den Holländer Assmann war es das erste Projekt, das er in Pirna herstellen ließ.

Vielleicht hat er sich vom Düsseldorfer Kunstprofessor Horst Gläsker inspirieren lassen, der hier unter anderen vier 1,80 Meter hohe und 650 Kilogramm schwere Edelstahlvasen gießen ließ, die vor dem Justizpalast in Luxemburg stehen. Oder von Tony Cragg, einem Briten, der in Wuppertal lebt, Chef der Kunstakademie Düsseldorf war und in Pirna schon 60 verschiedene Edelstahlskulpturen in Auftrag gab.

Das Kunstwerk „Pendulum“ ist das Wahrzeichen der Europäischen Arzneimittelagentur in Amsterdam.
Das Kunstwerk „Pendulum“ ist das Wahrzeichen der Europäischen Arzneimittelagentur in Amsterdam. © privat

Beinahe profan mutet der aktuelle Job von Thomas Ertle und seinen Kollegen an. Aus der kochenden Stahlsuppe soll ein Armaturengehäuse für eine Pumpe und Teile für eine Holzhäckselmaschine in der Papierindustrie werden. Ertle, der als gelernter Bürokaufmann nicht so recht glücklich wurde, ist nach einer Weiterbildung zum Gießereitechniker schon seit 15 Jahren im Werk. Wenn der Ofen bollert, sind Konzentration und Vorsicht gefragt.

Der Lautsprecher schnarrt ein unüberhörbares Achtungszeichen durch die Werkhallen. „Wir ziehen jetzt die letzte Probe“, ruft Ertle zwei Kollegen zu. Der Rührgriff landet in der Ecke, ein langes Eisen mit kleiner Schüssel am Ende wandert durch die Klappe und taucht in die gleißende Masse ein. Schöpfen, schwenken, rausziehen, ausklopfen. Ein Wasserstrahl kühlt den kinderfaustgroßen, noch glühenden Klumpen. Es zischt, es dampft, wie beim Aufguss in der Sauna. „Das ist wie in einer Küche“, sagt Thomas Ertle. „Wir müssen jetzt die Rezeptur verfeinern.“ Die Suppe abschmecken, nennen sie das.

Kleine Brücken zum Nachwürzen

Der Klumpen landet in einer Analysemaschine im Büro neben dem Ofen. Binnen Sekunden kann Ertle die Zusammensetzung ablesen. Der Kohlenstoffanteil darf einen bestimmten Wert nicht überschreiten, sonst wird der Stahl zu spröde. Die genaue Rezeptur bleibt geheim, Wissensschutz ist wichtig, um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten. 300 Rezepturen gibt es im Pirnaer Werk . 

Thomas Ertle schaut auf den Analysecomputer und rechnet. Dann greift er sich eine Schaufel. Die Zutaten liegen bereit. Kleine Brocken zum Nachwürzen. Mangan, Silizium, dazu drei Sorten Chrom. Je 20 Kilogramm Mangan und Silizium müssen noch rein. Goldglänzendes Mangan und grausilbernes Silizium fliegen durch die offene Klappe in die Schmelze. Unter der Decke schwebt der Schwerlastkran mit der Gießpfanne herbei. Ein letztes Mal rühren vor dem Abstich.

Im Brauhaus „Zum Gießer“ sitzt Werksleiter Johann Unglaub und bestellt Schnitzel. Das Sozialgebäude der DDR-Gießerei hat die Eigentümerfamilie Schmees 1998 als Restaurant mit Hausbrauerei eröffnet. Unglaub, 55, durchtrainiert, spricht auch 24 Jahre nach dem Umzug nach Pirna noch mit bayerischem Zungenschlag. Der gelernte Modellbaumeister hat hier den Kunstguss etabliert. 

Werkschef Johann Unglaub hat den Kunstguss etabliert. Die Schwestern dieser Stahlvase stehen vor dem Justizpalast Luxemburg.
Werkschef Johann Unglaub hat den Kunstguss etabliert. Die Schwestern dieser Stahlvase stehen vor dem Justizpalast Luxemburg. © Christian Juppe

„Am Anfang hieß es immer: ‚Das ist dem Unglaub sein Hobby.‘“ Niemand habe sich 1998 vorstellen können, dass damit Geld zu verdienen sei. Nun kommt ein Fünftel des Pirnaer Jahresumsatzes – bis September knapp 20 Millionen Euro – aus solchen Aufträgen. Begonnen hatte es mit Skulpturen für einen international bekannten Künstler, der aus urheberrechtlichen Gründen nicht mehr öffentlich genannt werden darf. Anfangs habe man die Kunstgüsse noch in anderen Firmen polieren lassen. 

Einbruch durch Corona

„Jetzt gibt es eigentlich nichts mehr, was wir nicht selber können“, sagt Unglaub. Den letzten Schliff machen heute eigene Leute, mit Scheiben, Papier und weichen Vliesen. Spiegelglatte Kunst aus Pirna steht heute in London, Paris, New York, Baku oder Dubai, in kalifornischen Weinbergen, vor öffentlichen Gebäuden, in Sammlungen oder Museen.

Die dänischen Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset haben einen polierten Jüngling aus Pirna im dänischen Hafen Helsingør aufgestellt, der der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen zublinzelt. 

Kopenhagen hat die „Kleine Meerjungfrau“, das dänische Helsingör weiter im Norden seit 2012 die Skulptur „Han“ – gegossen in Pirna.
Kopenhagen hat die „Kleine Meerjungfrau“, das dänische Helsingör weiter im Norden seit 2012 die Skulptur „Han“ – gegossen in Pirna. © SCANPIX DENMARK/dpa

Der Künstler BKH Gutmann gab zwei Edelstahlobjekte in Form von Küchenablaufsieben in Auftrag, die seit 2002 im Dresdner Zentrum den einstigen Verlauf des Kaitzbachs markieren. Ein 160 Kilogramm schwerer Fuß aus Chrom-Nickelstahl trägt die Marmorplatte des Zelebrationsaltars in der Kreuzkapelle der katholischen Hofkirche in Dresden. Für ein Schloss in Süddeutschland haben die Pirnaer vergoldete Zaunspitzen geliefert, für einen Franziskanermönch einen Opferkelch hergestellt.

Die Corona-Pandemie hat dem Werk einen dramatischen Auftragseinbruch beschert. Minus 30 Prozent seit Juni, so Unglaub. Dazu Kurzarbeit für einen Teil der Belegschaft, Vorsichtsmaßnahmen mit versetzten Pausenzeiten und Schichtwechseln. Nicht auszudenken, wenn der Betrieb wegen einer Infektion lahmgelegt würde.

Das Mangan und die Siliziumbrocken haben sich in der glühenden Schmelze aufgelöst. Thomas Ertle bereitet den Ofen zum Abstich vor, wie das Abgießen heißt. Eine Sirene jault auf, als Warnung an die Mitarbeiter in den anderen Hallen.

Das Abkühlen dauert Tage

Jetzt wirds noch heißer. Die Stahlsuppe blubbert zwischen hitzefesten Chrom-Magnesit-Steinen im Ofen vor sich hin. Ertle zieht einen Hebel. Die Abdeckhaube schwebt zur Seite. Dampf steigt auf, Flammen lecken über den Rand. Der Kran hat die Gusspfanne in einen tiefen Schacht gleiten lassen, damit überschießender Stahl nicht auf den Hallenboden läuft, falls etwas schiefgeht. Ein Blick, ein Griff zum Hebel, und der Ofen neigt sich.

Brummen, Rauschen, Zischen: So muss die Hölle von innen aussehen oder ein Vulkan. Funken schießen aus dem betonierten Ausgusskanal. Erst dünn, dann mit dickem Strahl ergießt sich der Glutstrom in die feuerfest ausgekleidete Gießpfanne, taucht die Backsteinwände der Halle in dramatisch orange-rotes Licht. Reste von Sauerstoff lassen Flammen auf der Suppe emporzüngeln. Thomas Ertle verfolgt das Spektakel. Sein Job ist fast erledigt. Ein Kran hebt die Pfanne mühelos auf einen Transportwagen aus massivem Stahl. Auf Schienen rollt er nach nebenan.

Tausende Grad, Flammen lecken über den Rand: So muss ein Vulkan von innen aussehen.
Tausende Grad, Flammen lecken über den Rand: So muss ein Vulkan von innen aussehen. © Christian Juppe

Ertles Kollegen haben in einem mannshohen Eisenrahmen mit Quarzsand ein Negativ des Armaturengehäuses geformt und mit Kunstharz gehärtet, dazu Stutzen für das Einfüllen. Am Kran schwebt die Gusspfanne herbei. Wieder ist absolute Präzision gefragt. Nichts soll daneben gehen. Die brodelnde Mischung ergießt sich in die Form. Aus den Stutzen schießen Flammen und Funken. Dann beruhigt sich der Stahl etwas, die Flammen werden kleiner. Bis alles ausgekühlt ist, werden Tage vergehen. Die Pfanne steuert die nächste Form an.

Thomas Ertle bekommt davon nichts mehr mit. Über seinem Kopf schwebt ein Lastkorb gefüllt mit Erzbrocken und Recycling-Metallen für die nächste Stahlsuppe heran. Diesmal geht es um Lagerböcke für Siemens-Turbinen. Eine völlig andere Rezeptur. Aber Ertle kann ja nachwürzen.

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