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Ein Hauch von Weimar an der Röder

Nie verlassen, aber lange vernachlässigt dämmerte Schloss Seifersdorf dahin. Nun gibt es Hoffnung, dass die große Historie des Anwesens endlich erkannt wird.

Schloss Seifersdorf war über Generationen im Besitz der Familie Brühl und prachtvoll ausgestattet.
Schloss Seifersdorf war über Generationen im Besitz der Familie Brühl und prachtvoll ausgestattet. © Thomas Schade

Von Thomas Schade

Haben sie nun was miteinander gehabt – oder nicht? Christina Gräfin von Brühl und Johann Wolfgang von Goethe? Tina, wie die äußerst anmutige Herrin auf Schloss Seifersdorf gerufen wird, ist am 24. Juli 1785 zwar erst 29 Jahre alt, aber bereits seit 14 Jahren verheiratet mit Hans Moritz Graf von Brühl, dem jüngsten Sohn von Heinrich Graf Brühl, dem Premierminister und Geldbeschaffer der sächsischen Könige in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

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An diesem Sommertag trifft die kluge wie schöne Gräfin in Karlsbad den 36-jährigen Dichterfürsten. Das Treffen an den Karlsbader Heilquellen ist nicht ihre erste Begegnung. Doch an diesem Tag schreibt Goethe der weltgewandten Gräfin einen Zehnzeiler ins Stammbüchlein. Von den „gichtischen Schmerzen der Liebe“ ist da die Rede und davon, dass es nicht gelingt, sie „aus den Gliedern zu spülen“ und „bis zum Rheumatismus der Freundschaft sich zu kurieren“. Eine heimliche Liebeserklärung oder nur ein amouröser Scherz?

„Nein“, sagt Ulrike Hantsche, die Vorsitzende des Fördervereins Schloss Seifersdorf. Für ein romantisches Abenteuer zwischen den beiden gebe es keine historischen Belege. Für die jahrzehntelange freundschaftliche Verbundenheit zwischen den Brühls und Goethe existierten jede Menge Zeitzeugnisse. Zwei Tage nach dem Eintrag ins Stammbuch der Gräfin widmete Goethe Tinas Gatten zu dessen Geburtstag das „Bänkelsängerlied“.

„Syffridisdorf“ erstmals 1335 erwähnt

Die gebürtige Seifersdorferin Ulrike Hantsche steht am Wassergraben vor dem einstigen Domizil der Brühls. Von der Nordseite hallen Schläge der Zimmerleute herüber, die derzeit einen Teil des Daches instand setzen. Die Seifersdorferin weiß bestens Bescheid über die Familie aus dem sächsisch-thüringischen Uradel, deren Wurzeln in der Gegend von Sömmerda liegen. „Mehr als 160 Jahre bestimmten die Brühls hier den Gang der Dinge.“ Ulrike Hantsche, von Beruf Journalistin und als Programmplanerin unterwegs, widmet den größten Teil ihrer Freizeit dem Schloss und seiner Geschichte. „Ich bin da sehr neugierig.“ Zusammen mit anderen Heimatforschern wie Edelgard Friedrich und Werner Gerisch hat sie es geschafft, dass der Förderverein heute über eine gut fundierte Ortschronik verfügt.

Vermutlich siedelten Menschen schon in der Bronzezeit am Steinberg unweit der Großen Röder. Ende des 12. Jahrhunderts, so die Heimatforschung, ließ Ritter Godebold von Wachau einen Holzturm errichten, um eine alte Handelsstraße nach Böhmen zu sichern. Burgleute aus seinem Gefolge dürften die ersten Bauern in Seifersdorf gewesen sein. Urkundlich erwähnt wird „Syffridisdorf“ erstmals 1335. Etwa 120 Jahre später belehnt Kurfürst Friedrich II. die Familie von Haugwitz mit dem Vorwerk Seifersdorf. Sie erweitert die alte Turmhügelburg zu einem Wohnschloss, dessen spätgotische Türbögen in der Eingangshalle bis heute erhalten sind. 1585 kauft die Adelsfamilie Grünrod das Gut und baut das Schloss während ihrer 162-jährigen Herrschaft zweimal um.

Prachtvoll ausgestattet - Blick in ein Zimmer des Schlosses auf einer historischen Aufnahme.
Prachtvoll ausgestattet - Blick in ein Zimmer des Schlosses auf einer historischen Aufnahme. © Archiv/Förderverein

In den Besitz der Brühls kommt Seifersdorf im Jahr 1748 durch einen Lehnbrief von Friedrich August II., dem Sohn Augusts des Starken. Beide Monarchen überhäufen den Karrieremann Brühl mit Ämtern und Aufgaben und protegieren ihn nach Kräften. Brühl leitet den Staat, ist neben den Monarchen wichtigster Mann am Hof und kommt selbst zu einem großen Immobilienreich. Aber Brühl finanziert Sachsens Glanz auf Pump – mit verheerenden Folgen. Schon vor dem Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 füllen lediglich Schulden die königlichen Kassen. Nach dem Krieg, besetzt und geplündert von den Preußen, liegt Sachsen am Boden. Der König und sein Premier müssen abtreten, beide sterben im Oktober 1763 im Abstand von nur drei Wochen. Sein Schloss soll der große Staatsmann nie besucht haben. „Es befand sich damals in einem desolaten Zustand“, sagt Ulrike Hantsche.

So bezieht Brühls jüngster Sohn Hans Moritz mit seiner Frau Christina (Tina) 1775 das wenig luxuriöse Gutshaus. Für die Schlosssanierung fehlt das Geld. Das Brühl’sche Vermögen ist beschlagnahmt. Der Vermögensstreit dauert Jahre. Die Staatsräson verbietet es zwar, Heinrich von Brühl den Prozess zu machen, denn er hatte nie ohne Einverständnis des Königs gehandelt. Dennoch bekommen die Brühls am Dresdner Hof keinen Fuß mehr in die Tür und nehmen bezahlte Jobs außerhalb Sachsens an. Hans Moritz von Brühl geht nach Frankreich, später in preußische Militärdienste. Erst ab 1790 beginnen die Brühls, das Schloss langsam umzugestalten. Ihr Sohn Carl vollendet den Umbau 1823 nach Plänen Karl Friedrich Schinkels. „Schinkel gab der Fassade das neogotische Gepräge“, sagt Ulrike Hantsche.

Ein Netzwerk, das seinesgleichen sucht

In all diesen Jahren knüpfte das Ehepaar Brühl, später auch ihr Sohn Carl, ein künstlerisches Netzwerk, das im sächsischen Landadel wohl seinesgleichen sucht. Im Frühsommer 1781, so weiß Ulrike Hantsche, lernte der Graf bei einem Manöver in Leipzig Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach kennen. Der lädt ihn nach Weimar ein, wo die Brühls alsbald Zugang zu den hochkarätigsten Vertretern der deutschen Klassik fanden. Die Brühls treffen Wieland, Goethe, Herder, Schiller und andere und bleiben mit ihnen eng verbunden. Oft trifft man sich in Karlsbad.

Den Brühls, insbesondere Tina von Brühl und später ihrem Sohn, gelingt es, Seifersdorf zu einem Musentempel für Literaten, Musiker und Maler zu machen. Im Schloss entsteht sogar ein Theater. Besondere Anziehungskraft hat das Seifersdorfer Tal, das Tina von Brühl ab 1781 zu einer wildromantischen Gartenanlage umgestaltet. Im Tal malen Casper David Friedrich und Ludwig Richter, wenn sie bei den Brühls zu Gast sind. Musik- und Theateraufführungen machen Seifersdorf an der Schwelle zum 19. Jahrhundert weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt. In Stein gehauen erinnern zahlreiche Klassiker bis heute an den Hauch von Weimar, der in dieser Zeit durch das Tal der Röder weht. Theodor Körner ist hier gewesen. Anton Graff porträtiert hier die Brühls, Jean Paul lässt sich vom Tal inspirieren, und der Dresdner Hofkapellmeister Johann Gottlieb Naumann komponiert für die Brühls.

Ulrike Hantsche leitet den Förderverein, der sich um den Erhalt des neugotischen Gebäudes kümmert.
Ulrike Hantsche leitet den Förderverein, der sich um den Erhalt des neugotischen Gebäudes kümmert. © Thomas Schade

Es sei die kulturgeschichtlich schöpferischste Epoche in Seifersdorf gewesen, sagt Ulrike Hantsche. Dabei hätten die Brühls die sozialen Belange der Menschen im Ort nie vergessen. Seifersdorfer sitzen immer im Publikum. Ein Brühl leitet ab 1887 das erste deutsche Kindererholungsheim im Augustusbad bei Liegau. Der Ort fühle sich bis heute den Brühls verbunden.

Das Ende der Ära Brühl gerät zum Polit-Krimi. 1945 ist Schloss Seifersdorf ein prächtig ausgestattetes Wohnschloss. Cornelius Gurlitt zählt in seiner Bestandsaufnahme der Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches aus dem Jahr 1904 seitenweise Gemälde auf, die er im Schloss gesehen hat. Er schreibt von „hervorragend schöne(n) Möbel(n)“, Porzellan aus Meißen und Berlin, Silber und Rüstungen. Von der Brühl’schen Bibliothek sind Bilder erhalten. 1943 werden zudem 13 Kisten aus den Dresdner Kunstsammlungen eingelagert.

Im Staatsarchiv liegen Akten, aus denen hervorgeht, dass sowjetische Geheimdienstler das Schloss im Sommer 1945 plünderten und selbst Kisten mitnahmen, die die letzte Gräfin von Brühl-Renard hatte einmauern und vergraben lassen.

Parteischule, Arztpraxis, Dorfklub

Den Briefwechsel der Brühls mit Goethe, 23 Briefe des Dichters und das „Bänkelsängerlied“ aus Karlsbad will sich 1946 Kurt Fischer, Innenminister und zweitmächtigster Mann in Sachsen, unter den Nagel reißen. Auch das geht aus Akten hervor, die das Hannah-Arendt-Institut im Auftrag der sächsischen Staatskanzlei 1999 aufgearbeitet hat.

Im Zuge der Enteignung fallen die Goethe-Briefe Innenminister Fischer in die Hände. Die Gräfin verlangt vergeblich die Herausgabe. Den Akten zufolge muss Ministerpräsident Friedrichs, seinerzeit ständig im Machtkampf mit Fischer, ein Machtwort sprechen. Als die sogenannte Goetheana 1946/47 der Goethe-Stiftung in Weimar übergeben wird, spricht Stiftungsleiter Wahl vom „vielleicht bedeutendsten Zuwachs … in den letzten Jahrzehnten“.

Das Schloss ist zu dieser Zeit KPD/SED-Parteischule. Später ziehen die Schule und der Kindergarten ein. Eine Arztpraxis und der Dorfklub kommen dazu, später auch das Gemeindeamt. Der große Saal wird für Feiern und Kino genutzt. „Bis 2004 war das Schloss nie leer“, sagt Ulrike Hantsche. Was repariert werden musste, um den Verfall aufzuhalten, sei stets erledigt worden. In den 70er- und 80er-Jahren seien die Fassade erneuert und eine Zentralheizung eingebaut worden. „Weil die Leute mit dem Schloss verbunden sind, wurde vieles ehrenamtlich gemacht“, so die Vereinsvorsitzende. So entschlammten die Seifersdorfer in freiwilliger Arbeit den Schlossteich und sanierten die Stützmauern.

Christina Gräfin von Brühl gestaltete das Seifersdorfer Tal.
Christina Gräfin von Brühl gestaltete das Seifersdorfer Tal. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Dennoch steht das Brühl’sche Anwesen eines Tages leer. In Wachau geht das Interesse am Schloss verloren. Weil es verkauft werden soll, gibt es Ärger. „Die Seifersdorfer wollten den Zugang zu ihrem Schloss erhalten“, sagt Ulrike Hantsche. Eine Interessengemeinschaft entsteht, aus dieser geht der Förderverein hervor. Dennoch dämmert der große vierflüglige Bau lange vor sich hin. Mit Kinoveranstaltungen, Lesungen und Kleinkunst hält der Verein das Schloss am Leben. 2010 finanziert die Gemeinde die Sanierung des großen Saales.

Seit dem Sommer des vergangenen Jahres gehe es endlich richtig vorwärts, sagt die Vereinsvorsitzende. Das Norddach wird instand gesetzt. Eine Viertelmillion Euro werden verbaut. Bund, Land und Kommune fördern, der Verein sammelt 4.000 Euro. Entscheidend sei aber, dass Verein und Gemeinde über die Nutzung des Schlosses einig sind. „Ein multimediales Museum und ein Besucherzentrum sollen entstehen.“ Das Konzept ist so gut, dass es mit 200.000 Euro prämiert wird. „Wir möchten die umfangreiche Brühl’sche Geschichte in Seifersdorf endlich lebendig machen und dem Ort ein wenig von der kulturellen Bedeutung zurückgeben“, sagt Ulrike Hantsche.

Ob diese Vision auch die Rückkehr Brühl’scher Kunst nach Seifersdorf umfasst, ist noch unklar. In den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden befinden sich 46 Gemälde aus dem Schloss, in Moritzburg hängen fünf Seifersdorfer Bilder in der Dauerausstellung. Eine alte Kutsche, die der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. bei seinem Besuch 1813 in Seifersdorf gelassen hatte, steht, feinstens restauriert, im Schloss Augustusburg. Für die Vorsitzende sind das derzeit aber keine aktuellen Fragen.

Webers "Freischütz" den Namen verpasst

Ulrike Hantsche schaut voraus in den kommenden Sommer. 2021 feiert eines der bedeutenden Werke Carl Maria von Webers den 200. Jahrestag seiner Uraufführung. „Ohne Seifersdorf würde es das Werk so vielleicht gar nicht geben“, sagt Ulrike Hantsche. Denn Carl Graf von Brühl, Sohn von Hans Moritz und Tina, saß im September 1819 mit Weber in Seifersdorf zusammen und drängte den Komponisten, seine romantische Oper „Die Jägersbraut“ endlich fertigzustellen. Carl von Brühl war Intendant der königlichen Theater zu Berlin und wollte Webers Werk zur Eröffnung des neu erbauten Schauspielhauses uraufführen. Brühl verpasst der Oper sogar einen neuen Namen: „Der Freischütz“.

150 Jahre später verfilmte die Defa den „Freischütz“ – unter anderem am Schlossgraben in Seifersdorf. „Solche Ereignisse müssen wir nicht verstreichen lassen. Sie zeigen, dass in Seifersdorf nicht nur Heimatgeschichte geschrieben wurde“, sagt Ulrike Hantsche.

Derzeit ist das Schloss Seifersdorf wegen Corona leider geschlossen.

www.schloss-seifersdorf.de

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