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Eine gute Geburtsklinik nimmt die Frau wahr

Schmerzlinderung, Stillen, Storchenparkplatz: Werdende Eltern in Sachsen legen Wert auf weiche Faktoren.

Enge Absprache zwischen Oberärztin Silke Tacke und Hebamme Susanne Keller über die Schmerzbehandlung einer Gebärenden. Als das Foto entstand, lag die Frau im Nachbarzimmer in der Gebärwanne des St. Joseph-Stifts Dresden.
Enge Absprache zwischen Oberärztin Silke Tacke und Hebamme Susanne Keller über die Schmerzbehandlung einer Gebärenden. Als das Foto entstand, lag die Frau im Nachbarzimmer in der Gebärwanne des St. Joseph-Stifts Dresden. © Arvid Müller

Für Martin Skurt war nicht von Anfang an klar, dass er die Geburt seines Sohnes im Kreißsaal begleiten würde. „Ich dachte anfangs, dass ich lieber auf dem Gang des Krankenhauses warte und mein Kind in die Arme nehme, wenn es geboren ist. Aber je mehr ich mich damit beschäftigt habe, Vater zu werden, umso mehr wollte ich dabei sein und das Erlebnis mit meiner Frau teilen“, sagt der Dresdner. Für die Geburtsklinik, die die beiden sich ausgesucht hatten, war das gar kein Problem.

„Die Frage, ob der Vater mit dabei sein darf, wird uns auf den Infoabenden zur Geburt sehr oft gestellt“, sagt die Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbandes, Stephanie Hahn-Schaffarczyk. 98 Prozent der sächsischen Eltern entscheiden sich für eine Geburt in der Klinik. Sie gehen davon aus, dass Mutter und Kind im Notfall dort medizinisch gut versorgt werden. Wo genau das Baby zur Welt kommen soll, machen viele am Ende von weichen Faktoren abhängig: der Atmosphäre im Kreißsaal, den Methoden der Schmerzlinderung, der Hilfe bei Stillfragen. Viele Kliniken werben vor allem damit um Patienten. „Deren Autonomie und Selbstbestimmung sind sehr wichtig geworden. Professionelle Stillförderung, freie Wahl der Entbindungsposition, alternative Medizin, wie Akupunktur, gehören in das Angebot einer modernen Entbindungsklinik und sollten von den Schwangeren abgefragt werden“, rät Professor Holger Stepan, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin am Uniklinikum Leipzig. „Die wichtigste Frage sollte aber immer sein: Wer ist bei mir, wenn ich mein Kind bekomme?“, rät Hahn-Schaffarczyk.

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Der Vater ist bei der Geburt dabei

Werdende Väter im Kreißsaal sind eine Selbstverständlichkeit geworden. „Das ging Mitte der 1990er-Jahre los“, sagt Chefarzt Dr. Axel Gatzweiler vom St. Joseph-Stift Dresden. Auch die Pandemie ändert daran nichts. „Das gemeinsame Geburtserlebnis ist für die junge Familie sehr wichtig. Es stärkt die Bindung auch zwischen Vater und Baby“, sagt er. Sind die Väter einmal da, werden sie in das Geschehen so gut wie möglich eingebunden. „Es gibt nichts Schlimmeres für den Mann, als daneben zu sitzen und zuschauen zu müssen“, sagt Stephanie Hahn-Schaffarczyk. Die Hebammen geben den Männern konkrete Aufgaben: Tee holen, der Frau als Stütze bei Wehen dienen, die Stirn kühlen, massieren. „Ich habe meinen Mann als ruhenden Pol wahrgenommen. Das hat mir geholfen“, sagt Martins Frau Melanie Schröder. Das ist ihm gelungen, obwohl er selbst sehr nervös war. „Meinen Sohn nach der Geburt das erste Mal im Arm zu halten, war unbeschreiblich. Ich hätte nie gedacht, dass man so glücklich sein kann.“

Familiäre Atmosphäre im Kreißsaal

Die Geburtszimmer sind wohnlich eingerichtet mit indirektem oder dimmbaren Licht, farbigen Wänden, Kissen, Sesseln und Kuschelecken. „Kreißsäle ähneln heute eher dem Wohnzimmer oder einem Fitnessstudio und sind nicht mehr bis zur Decke gefliest wie früher“, sagt Dr. Gunter Leichsenring vom DRK-Krankenhaus Chemnitz-Rabenstein. Viele Kliniken haben Elternhotels oder Familienzimmer integriert, um eine familienorientierte Geburtshilfe anbieten zu können. Bei etlichen geht das schon mit einem Storchenparkplatz los, der für werdende Eltern reserviert ist. „Die Frau muss sich hingeben und fallen lassen können. OP-ähnliche Kreißsäle machen eher Angst. Aber wer Angst hat, empfindet Schmerz viel schlimmer und kann sich nicht so gut auf die Geburt einlassen“, erklärt Hebamme Hahn-Schaffarczyk. Breite, verstellbare Geburtsbetten, eine Gebärwanne, Geburtshocker, Seile über dem Bett, Sprossenwände und Bälle gehören inzwischen zur Standardausstattung der Kliniken. Manche bieten auch ein Roma-Geburtsrad – das ist ein in einem Rad schwebender Hocker, der ein Gefühl der Schwerelosigkeit vermittelt, oder eine Geburtsmatte, auf der die Frau im Hocken entbinden kann.

Alternative Schmerzmittel zur Geburt

Bevor sich Eltern für eine Geburtsklinik entscheiden, sollten sie nachfragen, wie viele Geburten in der Klinik ohne Wehenmittel, Dammschnitt, Periduralanästhesie oder Kaiserschnitt erfolgen, rät Prof. Dr. Rainhild Schäfers, Hebammenwissenschaftlerin an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. „Nicht viele Interventionen, sondern eher wenige sind Ausdruck einer guten Geburtshilfe“, sagt sie.

Um die Wehenschmerzen für die Frau erträglich zu machen, gibt es klassische Methoden wie Schmerzmittel, Lokalanästhesie oder die Periduralanästhesie, die sogenannte PDA. Dabei wird die Schwangere durch eine Spritze in die Wirbelsäule so betäubt, dass sie vom Schmerz der Geburt oft kaum etwas mitbekommt. Weil die Mittel in den Blutkreislauf der Mutter aufgenommen werden, bekommt aber auch das Baby etwas davon ab. Solange die Schmerzen erträglich sind, empfehlen Geburtsmediziner daher alternative Methoden.

„Welche Unterstützung die Frau während der Geburt braucht, ist individuell. Wir tauschen uns sehr eng mit den Hebammen darüber aus, wie wir ihr im Lauf der Geburt am besten helfen können. Nicht jede Frau hat einen Schmerzmittelbedarf“, sagt Oberärztin Dr. Silke Tacke vom Joseph-Stift in Dresden. Anfangs reichen zur Linderung der Schmerzen Massagen oder Wärme. Kliniken bieten außerdem alternative Therapien an wie Aromatherapie, Homöopathie oder Akupunktur. Letztere kommt etwa in den Krankenhäusern in Werdau, Freiberg oder Mittweida zum Einsatz und kann bewirken, dass die Geburt schneller in Gang kommt. Während der Entbindung reduziert sie Nervosität und Schmerzen, nach der Geburt unterstützt sie die Plazentalösung. Manche Häuser nutzen die Akupunktur auch im Wochenbett, um die Milchbildung anzuregen. Auch homöopathische Mittel können Schmerzen lindern, die Geburt erleichtern oder sie beschleunigen. Die Oberlausitz-Kliniken in Bautzen, das Klinikum St. Georg in Leipzig oder das Malteser Krankenhaus St. Johannes in Kamenz arbeiten beispielsweise damit. Dort werden sie auch im Wochenbett, nach einem Kaiserschnitt oder zur Unterstützung der Milchbildung genutzt. In der letzten Phase der Geburt ist Lachgas eine Alternative zu Medikamenten. Diese Methode bieten beispielsweise die Helioskliniken in Pirna und Aue und das das DRK-Krankenhaus in Chemnitz-Rabenstein an.

Umfangreiche Stillberatung

Wann die Milch einschießt, wie das Kind anzulegen ist, was man bei wunden Brustwarzen machen kann – das sind Fragen, die in allen sächsischen Geburtskliniken mit den Müttern besprochen werden. Die meisten halten sogar Personal ausschließlich dafür vor. Denn dass Mütter ihre Babys stillen, fördert die Bindung und ist gut für die Gesundheit beider, wie Studien belegen. Die Weltgesundheitsorganisation und Unicef zertifizieren Krankenhäuser, die sich besonders darum bemühen, als „Babyfreundliche Geburtsklinik“. Dort werden auch Frauen, die ihrem Kind das Fläschchen geben, in die bindungsfördernde Flaschenernährung eingeführt. „Zum Muttersein gehört viel mehr dazu als zu stillen“, sagt Ramona Wegehenkel, Stillberaterin am Joseph-Stift Dresden. Neben ihrem Krankenhaus dürfen sich vier weitere in Sachsen offiziell so nennen: das Diakonissenkrankenhaus in Dresden, das Sana-Klinikum Borna, das Klinikum Obergöltzsch in Rodewisch und das Helios Vogtland-Klinikum in Plauen. Nach dem Entlassen aus der Klinik können sich Frauen mit Fragen an ihre Nachsorge-Hebamme oder die Stillambulanzen wenden.

Unsere Serie zeigt, wo werdende Eltern auch in Corona-Zeiten eine Geburtsklinik finden, die zu ihnen passt. Hier geht es zur Übersicht: So finden Eltern eine gute Geburtsklinik in Sachsen.

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