merken
PLUS Sachsen

"Die AfD hat Amtsinhaber-Bonus verstärkt"

Der Leipziger Politikwissenschaftler Hendrik Träger erklärt im Interview, warum es bei der Wahl in Sachsen-Anhalt um die Person und weniger um die Partei ging.

Hendrik Träger ist Politikwissenschaftler an der Universität Leipzig.
Hendrik Träger ist Politikwissenschaftler an der Universität Leipzig. © dpa/Sebastian Willnow

Herr Träger, wie konnten sich denn die Meinungsforscher so verrechnen?

Diese Umfragen sind eben doch nur Momentaufnahmen. Vor allem eine Umfrage, die vor ein paar Tagen noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD sah, hat zu erheblichen Mobilisierungseffekten geführt.

Anzeige
Familienabenteuerland Sachsen
Familienabenteuerland Sachsen

Die schönsten Regionen Sachsens, die besten Ausflugsziele und kulinarischen Highlights. Hier gibt's Geheimtipps, die garantiert noch nicht Jeder kennt.

…zu Gunsten der CDU.

Ja, ganz klar. Wir sehen im Grunde eine ähnliche Situation wie schon vor zwei Jahren bei den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen und. Sobald es ein Duell zwischen der Partei des jeweiligen Ministerpräsidenten und der AfD gibt, gewinnt die Partei des Regierungschefs. Alle anderen, vor allem die kleineren Parteien haben das Nachsehen. So lässt sich auch erklären, dass die Umfragewerte teilweise erheblich vom Wahlergebnis abweichen.

Ist das nicht bedenklich, dass inzwischen eine Umfrage so stark das Wahlverhalten beeinflussen kann?

Das betrifft nicht nur die Umfragen, sondern auch die Berichterstattung darüber. Ein Institut sah fast bis zuletzt die AfD vorn bei anderen lag die CDU zu der Zeit bei knapp 30 Prozent. Dadurch dass jedes Medium nur über „seine“ Umfrage berichtet, wird es schwierig, weil die Varianz bei den Meinungsumfragen nicht abgebildet wird. Die Wähler waren offenbar am Sonntag bereit, um die AfD als stärkste Kraft zu verhindern, die CDU zu wählen, obwohl sie deren Inhalte nicht immer teilen. Hinzu kommt, dass die Wähler in Ostdeutschland offensichtlich immer noch sehr wechselbereit sind.

Das weist der AfD nach wie vor eine entscheidende Rolle bei ostdeutschen Wahlen zu, ohne selbst davon in irgendeiner Weise profitieren zu können.

Ja, zugespitzt kann man das so sehen. Aber es bedeutet auch, dass die AfD, obgleich sie es gar nicht will, den Amtsinhaber-Bonus sogar noch verstärkt. Im Wahlkampf konnte Reiner Haseloff sagen: „Also mit mir als Ministerpräsident wird es keine AfD-Beteiligung an der Regierung geben. Wenn Sie stabile Verhältnisse in Sachsen-Anhalt wollen, dann müssen Sie mich wählen.“ Wegen dieser Strategie wird mittlerweile von den anderen Parteien kritisiert. Das durch Meinungsumfragen vorhergesagte Potenzial der AfD, stärkste Kraft werden zu können und unangefochten zweitstärkste Kraft zu sein, führt zur Beeinflussung des Wahlverhaltens. Und davon profitiert, zumindest bei den bisherigen Landtagswahlen, immer der Ministerpräsident. Das haben wir in Sachsen-Anhalt sogar noch stärker als in den anderen ostdeutschen Bundesländern erlebt.

Welche Bedeutung hat diese Wahl für die Bundestagswahl am 26. September?

Sie ist Rückenwind für die CDU. Aber man sollte das auch nicht überwerten. In Sachsen-Anhalt sind 1,8 Millionen Personen wahlberechtigt, aber nur 1,1 Millionen haben ihre Stimme abgegeben. Das ist im Vergleich dazu, dass wir auf Bundesebene etwa 63 Millionen Wahlberechtigte haben, nur ein sehr kleiner Teil. Das ist nicht wirklich repräsentativ für die Bundesebene. Wenn Nordrhein-Westfalen oder Bayern gewählt hätte, wäre das etwas Anderes. Gleichwohl muss man feststellen, dass die CDU Wahlen gewinnen kann, sogar besser, als die Partei es sich erträumt hat. Aber es ist eben eher dem Effekt des CDU-AfD-Rennens und dem Amtsbonus des Ministerpräsidenten zuzuschreiben.

Das ist auf Bundesebene aber anders.

Weiterführende Artikel

Wie sich Köpping den AfD-Erfolg erklärt

Wie sich Köpping den AfD-Erfolg erklärt

Für Sachsens Sozialministerin hängt die vergleichsweise hohe Zustimmung für die AfD im Osten Deutschlands mit fehlender Anerkennung zusammen.

Warum so viele Junge im Osten AfD wählen

Warum so viele Junge im Osten AfD wählen

Die AfD liegt bei den Wählern unter 30 in Sachsen-Anhalt noch vor der CDU. In anderen Bundesländern im Osten ist das ähnlich. Wo die Gründe dafür liegen.

Haseloff kann in dritte Amtszeit starten

Haseloff kann in dritte Amtszeit starten

Der Regierungschef Reiner Haseloff führt die CDU zu einem deutlichen Wahlsieg in Sachsen-Anhalt. Doch wer werden seine Partner?

Liveblog: CDU-Sieg in Sachsen-Anhalt

Liveblog: CDU-Sieg in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt hat einen neuen Landtag gewählt. Die CDU hat die Wahl mit großem Abstand gewonnen. Die AfD landet deutlich dahinter. Alle Infos im Liveblog.

Das ist ein wichtiger Punkt: Auf Bundesebene tritt kein Amtsinhaber an. Zudem ist Armin Laschet in Deutschland nicht annähernd so populär wie Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt. Die CDU in Sachsen-Anhalt kann sich glücklich schätzen, gewonnen zu haben. Aber wenn wir alle Landtagswahlen in letzter Zeit anschauen, dann hat immer die Partei des Ministerpräsidenten gewonnen. Das zeigt, wie abhängig die Wahl von der richtigen Person ist. Am 26. September wird vielleicht am Ende weniger entschieden zwischen CDU, Grünen und SPD, sondern vielmehr zwischen Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz.

Das Gespräch führte Annette Binninger

Mehr zum Thema Sachsen