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Vorsicht! Es ist Elchzeit in der Lausitz

Auf der Suche nach Weibchen wandern vor allem junge Bullen von Polen aus auch gen Westen. Bei einer wichtigen Frage sind Pilzsammler und Wanderer gefragt.

An einer Straße nahe Dobbirkow steht ein Schild zur Warnung vor Elchen.
An einer Straße nahe Dobbirkow steht ein Schild zur Warnung vor Elchen. © Cevin Dettlaff/dpa-Zentralbild

Von Miriam Schönbach

Dauban.
 Abendstille über dem Hansteich im Daubaner Wald zwischen Bautzen und Niesky, am Horizont weiße Birkenstämme und dickes Weidendickicht. Michael Striese schaut über das Wasser. "Das ist ein wunderbares Elchgelände", sagt der Elchexperte. Zwar werden in der Oberlausitz immer wieder Tiere gesichtet, zu entdecken sind sie aber nur schwer. "Sie verlassen sich auf ihr Gehör und können ganz ruhig stehen bleiben." Bereits Anfang August landeten bei ihm erste Hinweise, dass die Elchzeit in der Oberlausitz wieder begonnen hat. Besonders im Herbst und im Frühjahr wandert die größte Hirschart über die Grenze von Polen nach Deutschland ein.

Elch-Hochzeit ist Mitte September. Dann beginnt die Brunft. In dieser Paarungszeit suchen männliche Elche nach einem weiblichen Pendant. Zudem vertreiben Elchkühe ihre Jungtiere. "Sie versuchen zwar in der Nähe der Mutter zu bleiben, bei den Weibchen klappt das, die Männchen werden weggetreten", weiß Striese von der Gesellschaft für Naturschutz und landschaftsökologische Forschung Lutra in Boxberg. Hunderte Kilometer laufen die Jungtiere und landen zuweilen über Oder und Neiße in dem an der Grenze oft dünn besiedelten Nachbarland (Webseite www.elch-sachsen.de).

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Zuzugsdruck nennen es Fachleute. In Polen wächst seit Jahren die Elchpopulation. Etwa 30.000 Elche, schätzt Striese, leben derzeit dort. "Der größte Teil in Nordost- und Ostpolen, dazu gibt es kleine Bestände in Westpolen", sagt der 50-Jährige. Auch in Polen war der Gigant unter den Hirschen mit zwei Meter Schulterhöhe und über einen Meter langen Beinen nach dem Zweiten Weltkrieg fast gänzlich verschwunden. Ende der 1950er Jahre wurden jedoch wieder Tiere angesiedelt und unter Naturschutz gestellt, zehn Jahre später hatte sich die Population erholt, so dass Elche wieder geschossen werden durften. Doch als die Anzahl so stark dezimiert war, dass ein erneutes Aussterben drohte, beschloss Polen 2001 ein Verbot der Jagd.

Elchexperte Michael Striese.
Elchexperte Michael Striese. © Miriam Schönbach/dpa-Zentralbild

In Deutschland dagegen vermutet Striese, dass um das Jahr 1000 die letzten großen Elch-Bestände in freier Wildnis lebten. "So richtig wissen wir nicht, wann die Tiere verschwunden sind. Mit dem Landausbau entstanden große Wüstungen, der Wald wurde verfeuert, ihr Lebensraum zerstört. Die Elche brauchen die Gehölze als Nahrung", sagt der Diplom-Biologe. Außerdem ließen sich die Tiere gut jagen, weil sie wenig Scheu vor Menschen hätten. 1746 soll der letzte deutsche Elch in Sachsen erlegt worden sein.

Striese beschäftigt sich seit 20 Jahren mit den Rückkehrern. Zuerst war er im Daubaner Wald für ein Forschungsprojekt zum angesiedelten Elch zuständig. Damals wurden die Vierbeiner als Landschaftspfleger ins Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichland geholt. Bei dem bundesweit einmaligen Forschungsprojekt sollten die Elche auf den ehemaligen Panzerschießplatz das Feuchtheidegebiet von Wildwuchs befreien - allerdings im Gehege. Das Projekt ist inzwischen ausgelaufen, seit 2009 beweiden hauptsächlich Koniks, eine Wildpferdart, die 154 Hektar. "Wen die großen Tieren einmal faszinieren, kann es nicht mehr lassen", sagt der Rietschener.

Mit seinem Wissen über die Elche gehört Striese Ende August 2014 auch zu jenem Spezialteam, dass den verirrten Elch aus dem Siemens-Gebäude in Dresden holt. Narkotisiert erhält der Schwergewichtler einen Sender. "Bis 2018 konnten wir ihn verfolgen, dann fiel wahrscheinlich die Batterie aus. Die letzten Signale kamen nördlich von Stettin", sagt der Wildbiologe. Besendert wurde im März 2018 auch in Brandenburg ein Elch. Die Bevölkerung nennt ihn "Bert", auffällig ist sein besonderer Hang zu Kuhherden.

Vor allem jüngere Bullen kommen auf der Suche nach Weibchen und Reviere in die Lausitz.
Vor allem jüngere Bullen kommen auf der Suche nach Weibchen und Reviere in die Lausitz. © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa (Symbolbild)

Unter Beobachtung hat den Jungbullen Wildbiologe Frank-Uwe Michler von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Die Einrichtung ist Partner eines deutsch-polnischen Intereg-Projekts zum grenzüberschreitenden Wildtiermanagement für Wisent und Elch. Dem Forschungsvorhaben ging ein Abschuss voraus. "2017 betrat ein Wisent aus Polen Brandenburger Boden und war nach drei Stunden tot. Das war der Ausgangspunkt unserer Projekts im vergangenen Jahr", sagt Michler. Sein Forschungsinstitut kümmert sich um die Beobachtung der tierischen Einwanderer. Alle Ergebnisse laufen beim Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) zusammen.

Ziel ist, das grenzüberschreitende Management für Wisent und Elch zu verbessern und Schutzmaßnahmen mit den Interessen der Bevölkerung in Einklang zu bringen. Michler und sein sächsischer Kollege teilen die Beobachtung, dass die Elch-Jünglinge nach vergeblicher Partnerinnensuche in Deutschland oft in die alte Heimat zurückpendeln. Eine Ausnahme macht "Bert". "Der besenderte Elch hat sich im Naturpark Nuthe-Nieplitz etabliert und liefert uns Informationen, wie er im dicht besiedelten Lebensraum zurechtkommt. Wir sehen auch, wie heimlich das Tier unterwegs ist, Straßen und Siedlungsräume umgeht und sich diese große Säugerart unsichtbar machen kann", sagt der Dozent für Wildbiologie und Wildtiermanagement.

Regelmäßige Elch-Vorkommen sind aus den weiten Landschaften Mecklenburg-Vorpommerns, Brandenburgs, Sachsens, Thüringens und Bayerns bekannt. "Kein Mensch weiß aber, wie viele in Deutschland leben", sind sich Michler und Striese einig. Der sächsische Elchexperte schätzt, aktuell könnten 10 bis 15 Tiere Sachsen durchstromern. Deshalb bittet er Pilzsammler und Waldspaziergänger, im Herbst die Augen offen zu halten. Jede neugemeldete Sichtung mache das Bild über die Einwanderer ein bisschen klarer. Neben einem mehr als handgroßen Hufabdruck seien abgefressene Blätter in Schulterhöhe ein Indiz für die Anwesenheit. Die Monitoringdaten für den Freistaat laufen bei der Forstzoologie der TU Dresden zusammen.

Striese schaut über den Hansteich. "Hier wäre viel Platz für die Tiere. Doch die fehlenden weiblichen Tieren verhindern momentan noch eine dauerhafte Ansiedlung in Deutschland", sagt er. Wobei es Hoffnung gibt: Im August 2019 war bereits eine Elchkuh im Daubaner Wald. Ihr Abstecher wurde auf einer Fotofalle festgehalten. Auch Elch-Nachwuchs hat es bereits einmal im Daubaner Wald gegeben, weiß Striese. Das Mutter-Jungtier-Gespann verbrachte 1994 ein dreiviertel Jahr in dem Gebiet, bevor es auf Nimmerwiedersehen verschwand - oder sich seitdem einfach gut versteckt. (dpa)

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